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Rohingya-Kinder posieren für ein UN-Fotoprojekt, das ihren Alltag im Camp dokumentiert.

Rohingya

Eine verlorene Generation

Hunderttausende aus Myanmar geflohene Rohingya haben keinen Zugang zu Bildung.

Der Monsun hat viele der sandigen Wege in den Camps in Schlammpisten verwandelt. Für die Rohingya-Flüchtlinge im Cox’s Bazar im Südosten von Bangladesch brachte der Regen noch mehr Elend und Not. Allein in der ersten Julihälfte waren laut Hilfsorganisationen 3 500 der ohnehin notdürftigen Unterkünfte durch Erdrutsche und Überschwemmungen beschädigt oder weggespült worden.

Seit Ende der 70er Jahre hat Bangladesch wiederholt muslimische Rohingya aufgenommen, die vor Gewalt und Diskriminierung aus dem buddhistisch geprägten Myanmar flohen. Die bislang wohl brutalste Offensive startete Myanmars Armee Ende August 2017, mehr als 740 000 Rohingya flüchteten aus dem Rakhine-Staat. Derzeit leben in Cox’s Bazar etwa eine Million geflohene Rohingya.

„Die Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe, sind weiterhin sehr dankbar, dass Bangladesch sie aufgenommen hat“, sagt Stefan Teplan von Caritas International. „Sie wissen, dass sie ohne Hilfe verloren sind.“ Zugleich bräuchten die Menschen aber nicht nur Essen und ein Dach über dem Kopf, sondern auch Zugang zu Bildung. Doch dieser sei nur in Ansätzen gewährleistet, sagt Teplan. Es gebe eine „große Perspektivlosigkeit“.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef fordert, dass den 500 000 Flüchtlingskindern der Besuch einer Schule oder eine Ausbildung ermöglicht werden müsse. Zwar erhielten 280 000 Kinder zwischen vier und 14 Jahren provisorischen Unterricht in etwa 2 200 „Lernzentren“. Aber 97 Prozent der 15- bis 18-Jährigen hätten keinen Zugang zu Bildungseinrichtungen. „Für die nun in Bangladesch lebenden Rohingya-Kinder und -Jugendlichen geht es um mehr als ums Überleben“, betont Unicef-Chefin Henrietta Fore.

Heimatdörfer sind zerstört

Seit längerem ist erkennbar, dass Asiens größte Flüchtlingskrise insbesondere die Gemeinden in Cox’s Bazar vor ein Dilemma stellt. Dem Evangelischen Pressedienst sagten die Einwohner bei einem Besuch im vergangenen Jahr, es sei selbstverständlich gewesen, die erschöpften Ankömmlinge zu versorgen, noch bevor die internationale Hilfe angelaufen war.

Zugleich äußerten manche die Sorge, wie lange das mit etwa 168 Millionen Bewohnern dicht besiedelte Bangladesch, in dem Armut weit verbreitet ist, diese Krise schultern könne. Nun scheint die Kritik unüberhörbar: „Nicht nur Gemeinden in Cox’s Bazar, sondern auch Bewohner in anderen Landesteilen fordern mittlerweile, dass die Rohingya so schnell wie möglich nach Myanmar zurückkehren sollten“, sagt Caritas-Mitarbeiter Teplan.

Abkommen zwischen Myanmar und Bangladesch für eine „freiwillige“ Repatriierung waren in der Vergangenheit gescheitert. Dieser Tage heißt es, beide Länder planten erneut, Gruppen von 3 500 Flüchtlingen zurückzuführen. Als Datum stand der 22. August, also der morgige Donnerstag, im Raum. In Gesprächen hatten Flüchtlinge betont, sie gingen nur dann, wenn Myanmar ihnen die Staatsbürgerschaft verleihe und sie wieder in ihren Heimatdörfern leben könnten.

Aber genau diese Hoffnungen dürften unerfüllt bleiben: Kürzlich machte das „Australian Strategic Policy Institute“ (ASPI) zwischen Dezember 2018 und Juni 2019 erstellte Satellitenbilder publik. Gestützt auf zuvor von den UN veröffentlichtes Material waren in mehr als 320 von 392 Rohingya-Dörfern, die 2017 beschädigt oder zerstört worden waren, keine Anzeichen eines Wiederaufbaus erkennbar. Mindestens 40 Prozent der Dörfer wurden demnach abgerissen.

In einst von Rohingya bewohnten Orten seien sechs militärische Anlagen errichtet oder erweitert worden. Auch halte die Zerstörung in manchen Gebieten an. Laut ASPI wirft dies „ernste Fragen über die Bereitschaft der Regierung Myanmars auf, eine sichere und würdevolle Rückführung zu ermöglichen“. (epd)

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