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Poroschenkos Problem ist, dass er außer der stabilisierten Donbas-Front kaum Verdienste aufweisen kann.

Kandidaten

Eine Troika zwischen Korruption und Populismus

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Die Favoriten im ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf heißen Wladimir Selenski, Petro Poroschenko und Julia Timoschenko. Keiner der drei Kandidaten wäre der Ukraine zu wünschen.

Wer gewinnt die Präsidentschaftswahl in der Ukraine? Zu den aussichtsreichen Kandidaten gehören der amtierende Präsident Petro Poroschenko, Julia Timoschenko und Wladimir Selenski. Die FR stellt die Favoriten vor.

Der Geschäftsmann: Petro Poroschenko

Präsident Petro Poroschenko droht diese Wahlen zu verlieren, weil er nie aufgehört hat, den Staat als Profitcenter zu betrachten.

Die Moskauer Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ veröffentlichte kürzlich ein Foto einer Fünf-Liter-Flasche, die bei einer Konferenz in Odessa neben Poroschenkos Stuhl steht. Und zitierte Internetnutzer, die spekulierten, ob da Schnaps drin sei oder Wasser für den Nachdurst nach einem Besäufnis.

Poroschenkos Lockenpracht ist grauer geworden, sein Doppelkinn voller. Trotzdem sieht der ukrainische Staatschef nicht aus, als hätten ihn fünf Amtsjahre zum Alkoholiker gemacht. Aber in der Ukraine herrscht Wahlkampf, auch Russlands Medien wollen mitmischen und attackieren Poroschenko sehr frontal. Dabei ist die Propaganda des feindlichen Russlands, in der der 54-Jährige auch als „Präsidenten des Krieges“ beschimpft, wird vielleicht sein größter Vorteil, zumindest in patriotischen Wählerkreisen. „Wenn die anderen Kandidaten von Verhandlungen mit Russland reden, riecht das nach Kapitulation“, sagt der Milizangehörige Sergei Zoof.

Dass Poroschenko bei den Minsker Verhandlungen die feindliche Offensive im Frühjahr 2015 stoppte, dass die Armee unter ihm wieder kampfkräftig geworden ist, gilt als großer Verdienst des früheren Wirtschaftsoligarchen. Aber laut jüngster Wahlumfrage rutschte er in der Wählergunst gerade auf 15,4 Prozent ab, hinter Julia Timoschenko und dem TV-Komödianten Wladimir Selenski.

Poroschenkos Problem ist, dass er außer der stabilisierten Donbas-Front kaum Verdienste aufweisen kann. Er scheiterte vor allem an der zentralen Forderung der Maidan-Revolution von 2014: „Kampf der Korruption!“ Zwar eröffnete die Ukraine auf westlichen Druck ein Antikorruptionsbüro. Aber das gilt als machtlos. Nach Medienangaben kassierte eine Poroschenko gehörende Werft Rüstungsaufträge für umgerechnet mehr als 80 Millionen Euro. Und der Sohn eines ihm nahestehenden Sicherheitsbeamten soll aus Russland eingeschmuggelte Ersatzteile zu weit überhöhten Preisen an die Armee verkauft haben. „Die Korruption ist noch schlimmer als unter seinem Vorgänger Viktor Janukowitsch“, sagt der Oppositionelle Alexei Jeremiza. Dabei galt der von den Maidan-Rebellen gestürzte Janukowitsch als Gangster.

Der Politologe Vadim Karasjew urteilt: „Poroschenko ist auch als Präsident Geschäftsmann geblieben.“ Er gehöre zu der Generation ukrainischer Politiker, die den Staat als Profitcenter betrachten.Sollte Poroschenko diese Wahl verlieren, würde das dem politischen System der Ukraine kaum schaden. Das gilt allerdings auch für seine Konkurrenten.

Die Populistin: Julia Timoschenko

Julia Timoschenko gilt als Kandidatin der Taxifahrer und Omas, ihr Programm strotzt vor populistischen Versprechungen.

Julia Timoschenko will nach mehreren gescheiterten Anläufen endlich den ukrainischen Staat regieren. Und sie will die Schmiergeldströme umverteilen.Margaret Thatcher habe ihr einmal geraten, stark zu sein und niemals aufzugeben, erzählte Timoschenko kürzlich. „Thatcher riet mir, jeden Schritt zu berechnen.“

Julia Timoschenko, 58, arbeitet mal wieder an einem Image-Wechsel. 2004 schmückte sie sich für die „Orange Revolution“ mit einem goldblond gefärbten Zopf à la Jeanne d’Arc; 2014 fuhr sie auf dem Euromaidan im Stile Franklin Roosevelts im Rollstuhl auf; jetzt zitiert sie häufig die „Eiserne Lady“.

Timoschenko kandidiert zum dritten Mal für das höchste Staatsamt der Ukraine. 2010 unterlag die Chefin der Partei „Vaterland“ dem russlandfreundlichen Viktor Janukowitsch, der sie später für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis werfen ließ. 2014 verlor sie gegen den Wirtschaftsmagnaten Poroschenko, eigentlich ein liberaler Gesinnungsgenosse. Nach jüngsten Umfragen liegt sie mit 12,5 Prozent nicht nur hinter Poroschenko (17,1) sondern auch deutlich hinter TV-Komiker Wladimir Selenski (32,1 Prozent).

Timoschenko gilt als Kandidatin der Taxifahrer und Omas, ihr Programm strotzt vor populistischen Versprechungen. Die Gasverbraucherpreise will sie mindestens um die Hälfte senken, die Durchschnittslöhne binnen fünf Jahren verdreifachen. Ihrem Widersacher Poroschenko droht die Frau mit dem faltenfreien Kindergesicht, er werde sich nach ihrem Wahlsieg vor Gericht für jede gestohlene Kopeke verantworten müssen. Poroschenkos Anhänger wiederum werfen Timoschenko vor, sie habe sich insgeheim mit dem Kreml geeinigt und werde als Präsidentin das Vaterland an Wladimir Putin verraten.

Viel realer ist die Gefahr, dass die aus Dnepropetrowsk stammende Timoschenko sich selbst treu bleibt. Sie gilt als berechnend und ehrgeizig. Im Alter von 18 Jahren gründete sie ihr erstes Geschäft, einen Videosalon. Unter Gouverneur Pawel Lasarenko stieg sie in die korrupte Rohstoffbranche ein. Er wurde Premier, Timoschenko die steinreiche „Ölprinzessin“. Laut Schweizer Staatsanwaltschaft zahlte sie Lasarenko 72 Millionen US-Dollar Schmiergeld. Später, als Premierministerin, listete sie in einer Steuererklärung Ersparnisse von umgerechnet 178 Dollar auf.

Jetzt heißt es, dass angeblich Reinigungskräfte und Rentner ihren Wahlkampf mit fünfstelligen Euro-Summen unterstützt haben. Laut dem Antikorruptionsprojekt „Naschi Groschi“ sind es Strohmänner, die verbergen sollen, welche Oligarchen ihre wahren Sponsoren sind.Timoschenko beschwört im Wahlkampf ihre Anhänger, gegen die Korruption zu rebellieren. Aber mit ihr als Staatschefin ginge es eher um eine andere Verteilung des Schmiergelds.

Der Clown: Wladimir Selenski

Selenski will ausländische Firmen ins Land holen und – natürlich – die Korruption bekämpfen. Nichts wirklich Neues.

Der Komödiant Wladimir Selenski führt sensationell in den Wahlumfragen. Dabei profitiert er vom Image des fiktiven und grundanständigen Präsidenten, den er in einer TV-Serie spielt.

Einmal, im Gespräch mit einem Taxifahrer, der platt gefahren hat, schimpft der Präsident über die politische Elite seines Landes: „Für sie sind wir Clowns. Ich bin ein Clown, du bist ein Clown, es gibt im Land 40 Millionen Clowns.“

Das ist eine von vielen Szenen aus der ukrainischen TV-Serie „Diener des Volkes“, in der der Held, der grundehrliche Geschichtslehrer Goloborodko, der völlig überraschend Präsident geworden ist, seinen Darsteller massiv unterstützt. Wladimir Selenski, 41, TV-Komiker und Präsidentschaftskandidat, liegt laut jüngsten Meinungsumfragen mit 32,1 Prozent deutlich und sensationell in Führung. Der Berufshumorist mit Jura-Diplom aus dem südostukrainischen Kriwoi Rog gilt als einer der erfolgreichsten Produzenten für Unterhaltungsshows, Film- und Fernsehkomödien in der Ukraine. Seit Jahren lästert er über Politik, jetzt aber macht er Anstalten, die traumhafte Karriere seines Serienhelden aus „Diener des Volkes“ in die Wirklichkeit umzusetzen. Auch seine neu gegründete Partei heißt „Diener des Volkes“.

Seine Wahlkampfsprüche aber unterscheiden sich nicht entscheidend von der Konkurrenz. Wie etwa Poroschenko propagiert er den Beitritt zur Nato und EU. Auch er begrüßt den Plan des US-Sonderbeauftragen Kurt Volker für eine internationale Friedenstruppe im Donbas. Zugleich ist er zu Verhandlungen mit Wladimir Putin bereit. Selenski will ausländische Firmen ins Land holen und – natürlich – die Korruption bekämpfen. Nichts wirklich Neues.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass der Wirtschaftsoligarch Ihor Kolomoiski, der angeblich auch Timoschenko unterstützt, Selenski finanziert. Der streitet das ab, Kolomoiski aber verkündete unlängst, Selenski sei für ihn das Symbol eines Generationenwechsels. „Die Ukraine braucht nicht einen, sondern Millionen Selenskis.“ Kolomoiski selbst soll freilich ähnlich korruptionsträchtig sein wie sei Erzfeind Poroschenko.

Jetzt beklagt Selenski sich über Abhörwanzen in seinem Büro, warnt, die Behörden wollten ihn mit einem Strafverfahren wegen Geldwäsche oder Fahrerflucht ausschalten.

Tatsächlich scheint der Kandidat Selenski kaum zu stoppen zu sein. Er profitiert weiter vom Image seines TV-Präsidenten Goloborodko, der mit einer Wäscheklammer am Hosenbein in seinen Amtspalast radelt. „Die Masse seiner Anhänger“, sagt der Politologe Witali Portnikow, „wollen nicht Selenski wählen, sondern Goloborodko.“ Der steht in einer vorab aufgetauchten Szene der neuen „Diener des Volkes“-Staffel entsetzt im Parlament. Das hat sich geschlossen geweigert, für Reformen zu stimmen, Goloborodko zückt zwei Maschinenpistolen und ballert los. Die Behörden haben die Ausstrahlung der Staffel als getarnte Wahlwerbung verboten. Unklar ist, ob Selenski selbst weniger primitive Methoden zum Kampf gegen die Korruptokratie zu bieten hat.

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