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Nach etwa 45 Schnäpsen endet das Wetttrinken in einer Berliner Kneipe mit 4,4 Promille Alkohol im Blut tödlich.

Haftstrafe für den "Koma-Wirt"

Eine tödliche Wette

Die Straftat: Körperverletzung mit Todesfolge. Das Urteil: Drei Jahre und fünf Monate Haft. Der angeklagte Berliner Gastwirt gesteht das tödliche Wetttrinken mit einem Schüler und räumt seine Schuld ein. Von Jörg Schindler

Von Jörg Schindler

Am Ende saß er noch einmal regungslos auf der Anklagebank. Eine Zeitung vor dem Gesicht, gekleidet in den Tarnfarben Khaki und Beige, hockte Aytac G. im größten Saal des Kriminalgerichts Moabit und ließ das Klicken der Kameras minutenlang über sich ergehen. Es war das vorerst letzte Mal, dass der Mann, den die Öffentlichkeit als "Koma-Wirt" kennt, hinter einer Zeitung gesehen wurde.

Die absehbare Zukunft wird er hinter Gittern verbringen. Drei Jahr Jahre und fünf Monate soll der 28-Jährige nun ins Gefängnis. Nach einem vier Monate langen Prozess befand ihn die 22. Strafkammer des Landgerichts Berlin am Freitag der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig.

Mit ihrem Urteil betraten die Richter juristisches Neuland. Aytac G. ist der erste Wirt, dem wegen eines Wett-Trinkens mit tödlichem Ausgang der Prozess gemacht wurde. Ob es Bestand hat, wird sich zeigen. Was in der verheerenden Nacht zum 25. Februar 2007 in dem beliebten Berliner Jugendtreff "Eye T" genau geschah, war am Ende dieser zähen Beweisaufnahme weitgehend unstrittig.

Der 16-Jährige Lukas W., ein Gymnasiast mit fatalem Hang zum Alkohol, war früh am Morgen in Aytac G.s Laden gekommen. Er wusste, hier würde er weiter trinken können - G. war bekannt dafür, billigen Alkohol anstandslos auch Minderjährigen zu servieren. Lukas W. aber wollte noch mehr. Er forderte den Inhaber zu einem Tequila-Wetttrinken heraus.

Mit 4,4 Promille Alkohol im Blut brach der Junge zusammen

G. willigte ein, ahnte jedoch, dass er verlieren würde, also wies er einen Kellner an, ihm zwischendurch Wasser statt Alkohol einzuschenken. Lukas aber trank den 38-prozentigen Tequila, ein Glas nach dem anderen, mindestens 45 - so fanden die Ärtzte später heraus - müssen es gewesen sein. Mit 4,4 Promille Alkohol im Blut brach er schließlich zusammen. Aytac G. ging daraufhin mit einer Begleiterin. Lukas W. ließ er, notdürftig versorgt, auf einer Bank liegen.

Als Stunden später Gäste den kritischen Zustand des Jungen bemerkten, war es zu spät. Das lag er bereits im Koma. Vier Wochen später war er tot.

Die beiden Verteidiger G.s mühten sich auch am letzten Prozesstag noch einmal mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, eine Gefängnisstrafe abzuwenden. Allen Ernstes verlangte der Anwalt Johannes Eisenberg ein "empirische Umfrage" unter jungen Erwachsenen und Kneipenwirten. Es müsse geprüft werden, ob diese mehrheitlich wüssten, dass übermäßiger Alkoholkonsum zu Atemlähmung, Koma, letztlich zum Tod führen könne.

"Unschön, vielleicht charakterschwach und moralisch angreifbar"

Aytac G. jedenfalls habe dies nicht geahnt und schon gar nicht gewollt, argumentierte Verteidigerin Stefanie Schork. Auch sei der Betrug mit dem Wasser "unschön, vielleicht charakterschwach und moralisch angreifbar". Aber das ändere nichts daran, dass Lukas trotzdem Unmengen von Tequila getrunken hätte. Der ganze Fall, so Schork, sei so "verheerend" wie der tödliche Skiunfall von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus. Dieser sei halt "in einem unbesonnenen Moment abseits der Piste gefahren" - und habe dafür gerade mal eine Geldstrafe zahlen müssen. Eine ähnliche Tragödie habe sich seinerzeit in der Kneipe "Eye T" abgespielt.

Eine Argumentation, der sich die Richter nicht anschließen mochten. G. sei verantwortlich dafür, dass Lukas eine tödliche Menge des Alkohols getrunken habe - insbesondere, da der Wirt den Jungen getäuscht habe. Zu G.s Gunsten werte das Gericht die Tatsache, dass sich die juristische Aufarbeitung ungewöhnlich lange hinzog. Mit diesem Prozess aber, das hatte der Vorsitzende Peter Faust schon früh betont, werde das Problem komasaufender Jugendlicher nicht gelöst werden. Wie Recht er hat, zeigen aktuelle Zahlen der Polizei: Bis Ende Mai griff sie allein auf Berliner Straßen rund 920 besoffene Halbwüchsige auf. So viele wie nie zuvor.

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