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Alexej Nawalny 2019 in Moskau in den Händen der kremltreuen Justiz.

Alexej Nawalny

Eine giftige Tasse Tee in Tomsk

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Russlands bekanntester Oppositioneller, der Enthüllungs-Aktivist Alexej Nawalny, kämpft in einem sibirischen Krankenhaus um sein Leben. Viele Menschen glauben an ein Gift-Attentat.

Im Flugzeug wurde Nawalny schlecht, er begann zu schwitzen, bat seine Pressesprecherin Kira Jarmysch um ein Taschentuch. Man bot ihm Wasser an, er lehnte ab, sagte, er müsse wohl auf die Toilette gehen. Dort verlor er das Bewusstsein.

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny ist auf einer Reise durch Sibirien möglicherweise vergiftet worden. Er wurde nach einer Notlandung in Omsk auf eine Intensivstation im Notfallkrankenhaus Nr. 1 gebracht. Dort liegt er nun im Koma.

Gift im Tee

Ein leitender Arzt sagte, seine Kollegen seien damit beschäftigt, Nawalnys Leben zu retten. Dessen Zustand sei „schwierig, aber stabil“. Der Mediziner wollte sich nicht auf eine Vergiftung als Ursache für den Kollaps festlegen. Pressesprecherin Jarmysch twitterte dagegen: „Alexej ist mit etwas vergiftet worden, das man ihm in den Tee geschüttet hat. Das ist das Einzige, was er am Morgen getrunken hat.“ Auch viele andere russische Oppositionelle und unabhängige Medien vermuten einen politisch motivierten Giftanschlag.

Nawalny, 44 Jahre alt, 1,88 Meter groß, Rechtsanwalt aus Moskau, Blogger und nationalliberaler Politiker ist der vielleicht einflussreichste, sicherlich aber der bekannteste Regimegegner seines Landes. Die von ihm gegründete „Stiftung zur Korruptionsbekämpfung“ ermittelt seit 2011 gegen Putins Staatsapparat.

Bewiesene und mutmaßliche Anschläge

Mutmaßliche Vergiftungen im politischen Milieu waren in Russland immer wieder ein Thema:

Pjotr Wersilow, Mitglied der russischen kremlkritischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot, verdächtigte den russischen Geheimdienst, ihn 2018 in Moskau vergiftet zu haben.

Sergej Skripal, Ex-Doppelagent, und seine Tochter waren 2018 in England dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt worden. Beide entgingen nur knapp dem Tod. Westliche Geheimdienste beschuldigen die russische Regierung, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit veranlasst zu haben.

Alexander Litwinenko starb 2006 in London an einer Vergiftung mit hochradioaktivem Polonium. Zuvor hatte der frühere russische Agent und Kreml-Kritiker mit zwei russischen Geschäftsmännern und Ex-KGB-Agenten Tee getrunken. London gibt Moskau die Schuld, das jegliche Verantwortung bestreitet.

Viktor Juschtschenko wurde 2004 schwer krank. Österreichische Ärzte stellten drei Monate später eine Dioxinvergiftung beim späteren Präsident der Ukraine fest. Juschtschenkos Gesicht trägt bis heute die Spuren der Vergiftung. Angetreten war er gegen den russlandfreundlichen Kandidaten Viktor Janukowitsch. (afp/dpa)

2017 organisierte er dann noch eine landesweite Serie von Protesten – spätestens seitdem ist er für den Kreml ein rotes Tuch. Dreimal verurteilten ihn russische Gerichte wegen angeblicher Wirtschaftsdelikte zu Bewährungsstrafen. Es gilt als offenes Geheimnis, dass diese Urteile dazu dienten, um Nawalnys Kandidatur bei Präsidentschaftswahlen unmöglich zu machen.

Immer wieder saß er Ordnungsstrafen wegen nicht genehmigter Kundgebungen ab. 2019 entwickelte er in einer Moskauer Arrestzelle plötzlich schwere allergische Symptome und kam in ein Krankenhaus; seine Mitstreiter sprachen schon da von einer Vergiftung, die Ursache ist bis heute ungeklärt.

Jetzt gilt in liberalen Moskauer Kreisen ein Giftanschlag als sicher. „Man kann sich schwer vorzustellen, dass hinter dem gesundheitlichen Absturz eines jungen, gesunden, sportlichen und aus gutem Grund vorsichtigen Mannes etwas anderes steht als ein Verbrechen“, sagt der Menschenrechtler Sergej Dawidis. „Bei der totalen staatlichen Kontrolle, unter der Nawalny steht, ist es auch schwer vorstellbar, dass das jemand ohne Unterstützung des Staates gelingen konnte.“

Wurde Nawalny vergiftet?

Die laut Jarmysch einzige Tasse schwarzen Tees nahm Nawalny in einem Tomsker Flughafencafé zu sich. Tatsächlich wäre es ohne genaue Informationen über seine Reiseroute und ohne freien Zugang zur Küche des Cafés kaum möglich gewesen, etwas in den Tee zu schütten.

Mehrere anonyme Messenger-Kanäle dagegen behaupteten, Alkohol in Verbindung mit bestimmten Medikamenten könnte Nawalnys Vergiftungserscheinungen auch hervorgerufen haben. Im Telegram-Kanal „Life Shot“ wird angegeben, Nawalny habe tags zuvor im Dorf Kaftantschikow bis zwei Uhr nachts gezecht. Und die Ärzte in Omsk sollen 0,2 Promille Alkohol in seinem Blut gemessen haben. Jarmysch dementiert das: Nawalny habe weder getrunken noch Tabletten geschluckt. Im Kanal „Baza“ wird unter Berufung auf Ärzte gemutmaßt, Nawalny sei das K.o.-Mittel Natriumoxibuturat verabreicht worden. Der Drogenarzt Erken Imanbajew, danach befragt von der Zeitung „Kommersant“, hielt das für wenig wahrscheinlich.

Nawalny wollte nach Besuchen in Nowosibirsk und Tomsk am Donnerstag nach Moskau zurück. In Nowosibirsk soll er Material für Enthüllungen über Abgeordnete der Putin-Partei „Einiges Russland“ gesammelt haben. Laut Jarmysch wurden er und seine Begleiter in Nowosibirsk demonstrativ beschattet, in Tomsk aber nicht. In den beiden Regionen finden Mitte September Kommunal- und Regionalwahlen statt – wie in insgesamt mehr als 30 Teilen Russlands. Auch unabhängige Kandidaten, die von Nawalny unterstützt werden, bewerben sich.

„Zweckmäßigkeit, wie diese Leute sie verstehen“

Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte, er wünsche Nawalny eine möglichst schnelle Genesung. Und: Sollte sich die Vergiftung bestätigen, würden die Rechtsschutzorgane Ermittlungen aufnehmen.

Sprecherin Jarmysch glaubt, Nawalnys Vergiftung stehe im Zusammenhang mit den Wahlen im September. Und der oppositionelle Schriftsteller Viktor Schenderowitsch mutmaßt, es handele sich nicht um die Rache des Kreml, sondern um „Zweckmäßigkeit, wie diese Leute sie verstehen“. Die Machthaber wollten den Widersacher Nawalny vor den Wahlen ausschalten, um Proteste wie zuletzt in Chabarowsk zu vermeiden. Menschenrechtler Dawidis bezweifelt eine direkte Beteiligung Putins, „aber es ist durchaus möglich, dass eine staatsnahe Figur oder Korporation beschlossen hat, gründlich mit ihm abzurechnen und so beim Kreml Verdienstpunkte zu sammeln“.

Es gibt viele einflussreiche Russen, die etwas gegen den Korruptionsenthüller Nawalny haben könnten. Er und seine Stiftung veröffentlichten Berichte und Filme über Luxusimmobilien und Schmiergeldaffären diverser Kabinettsmitglieder, Putin-Vertrauter und Topbeamter, darunter Ex-Premier Dmitri Medwedew. Dem kremlnahen Unternehmer Jewgeni Prigoschin warf Nawalny massive Unterschlagungen bei der Verpflegung Moskauer Schulkinder vor. Prigoschin beschimpfte ihn deshalb Ende Juli: „Nawalny, du kriechst vor den Feinden Russlands und führst ihre abscheulichen Aufträge aus.“

Nawalnys Hausarzt Jaroslaw Aschichmin sagte der Internetzeitung „Medusa“, er und Nawalnys Umgebung wollten den Patienten schnellstens dort wegholen, man verhandele mit Kliniken in Hannover und Straßburg. Putin-Sprecher Peskow versicherte prompt, der Kreml werde einen Transport des Regimekritikers ins Ausland nach Kräften unterstützen, wenn es entsprechende Bitten gebe. (Von Stefan Scholl)

Putin-Kritiker Alexej Nawalny wird zur Zielscheibe, weil er den Mächtigen zeigt, dass sie angreifbar sind - auch wenn sie glauben, alles im Griff zu haben. Der Leitartikel.

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