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Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die rechten Gruppen in Chemnitz wurden wohl lange unterschätzt.

Chemnitz

Eine Stadt kommt nicht zur Ruhe

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Seit langem ist vielen Bürgern in Chemnitz klar, dass sich etwas ändern muss in der Stadt – aber was? Ein Dialog darüber fehlt.

Masoud Hashemi beißt die Zähne zusammen. Der schmale 52-Jährige hat noch immer Schmerzen. Aber er macht weiter. „Ich muss stark bleiben“, sagt er leise, „damit die Nazis nicht denken, sie hätten gewonnen.“

Hashemis persisches Restaurant „Safran“ am Chemnitzer Schlossteich hat geöffnet. Heißer Tee steht für die Gäste bereit und auch der Samowar steht wieder auf seinem Platz neben der Eingangstür, wenn auch etwas schief. Mit dem schweren Dekorationsstück hatten die Angreifer nach Hashemi geworfen – er duckte sich hinter die Theke, das Geschoss verfehlte ihn. „Heil Hitler!“ hatten die beiden Männer mit Motorradhelmen und schwarzer Kleidung gerufen, dann seien sie auf ihn zugestürmt, hätten ihn geschlagen und gewürgt. Hashemi lag eine Woche lang im Krankenhaus.

Der Überfall ist vier Wochen her. Es gibt neue Tatorte in einer Stadt, die nicht zur Ruhe kommt. Vier Mal traf es Chemnitzer Restaurants. Die Lokale sind auffällige Ziele, sie sind, wenn man möchte, Botschaften der Vielfalt. Sie sind auch einfache Ziele, haben große Scheiben und offene Türen.

Es begann mit dem jüdischen Restaurant „Schalom“. Am 27. August bewarf ein Mob die Scheiben mit Steinen und Eisenstangen, Inhaber Uwe Dziuballa wurde an der Schulter getroffen. Es setzte sich fort am persischen Lokal „Schmetterling“, dessen Scheibe zerkratzt wurde, dann folgte der Überfall auf Hashemi, zuletzt brannte das türkische Lokal „Mangal“ komplett aus. Wenn das eine Serie ist, dann eskaliert schon wieder etwas in Chemnitz. Ob es eine Serie ist, weiß natürlich keiner, der Staatsschutz ermittelt in allen Fällen.

Niemand soll der Polizei in Chemnitz noch einmal Versäumnisse vorwerfen können. Auch vor Hashemis Lokal fährt jetzt öfter eine Polizeistreife vorbei. Dennoch hat der Wirt Angst. Nicht um sich selbst, sagt er. Wer wie er im Ersten Golfkrieg Giftgas eingeatmet hat, der schaut anders auf Bedrohungen. „Aber ich habe Angst um meine Angestellten, um meine Nachbarn.“ Das „Safran“ liegt im Erdgeschoss eines 15-stöckigen Wohnturms.

Gleich um die Ecke liegt die Schlossteichinsel, die in allen Medienberichten auftauchte, weil sich hier eine selbsternannte Bürgerwehr austobte, zu der auch Mitglieder der mutmaßlichen Rechtsterrorzelle „Revolution Chemnitz“ gehörten. Acht Terrorverdächtige sitzen in Untersuchungshaft, die Ermittler in Karlsruhe und Dresden werten ihre Kommunikation und Querverbindungen aus, gehen Jahre zurück. Jetzt werden rechtsextreme Strukturen überprüft, die in den vergangenen Jahren wenig beachtet wurden.

Aber geklärt ist nichts in Chemnitz. Nicht der Vorfall, mit dem alles begann. Und nicht, wie es weitergehen soll. Gut zwei Monate nach dem Tod des 35-jährigen Daniel H. durch einen mutmaßlich von einem Asylbewerber begangenen Messerangriff kommen nun die Spitzen des Staates in die Stadt. Am Donnerstag diskutiert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Gewerbetreibenden und Bürgern, auch Masoud Hashemi ist zu der „Kaffeetafel“ des Präsidenten eingeladen.

Am 16. November folgt dann Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wird mit Lesern der „Freien Presse“ diskutieren. Steinmeier und Merkel kommen in eine Stadt, die auf der Suche nach Normalität ist, nach einem Neuanfang. Nach einem Weg, mit der Wut umzugehen, die sich auf der Straße entlud. Mit der globalen Aufmerksamkeit der Medien, die den Namen „Chemnitz“ über alle Kontinente verbreiteten, als Namen einer Stadt, in der ein rechtsextremer Mob durch die Straßen zieht. Am Tatort stehen die Blumen nun ordentlich in Vasen und trotzen dem kalten Wind. In der Stadt ist der Schock der ersten Tage einem Unbehagen gewichen.

Kommen Steinmeier und Merkel vielleicht zu spät? Hätten sie gleich in der ersten Woche anreisen müssen, wie Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und die Toten Hosen? Bei einer Hochwasserkatastrophe fliegen auch immer sofort die Chefs ein, nicht zwei Monate später. Wie ist es in einer Stadt, die trauert und zugleich merkt, dass sie vielleicht zu lange die rechtsextremen Strukturen ignoriert hat, die sich gebildet haben?

Jeden Freitag demonstriert die rechtsradikale Bürgerinitiative „Pro Chemnitz“ vor dem Karl-Marx-Kopf. Ihr Chef Martin Kohlmann galt in der Stadt als vernachlässigbare Größe. Doch seit Ende August kennt ihn die ganze Republik. Für die Presse ist er zurzeit nicht zu sprechen. Sein Büroleiter Benjamin Jahn Zschocke redet umso lieber: „Uns unterstützt jetzt das Bürgertum“, sagt er, „Ärzte, Rechtsanwälte, Bundesbedienstete. Vor acht Wochen hätten die sich das noch nicht getraut.“ Beim Merkel-Besuch wolle man wieder bis zu Zehntausend Menschen auf die Straße bringen, wie am 1. September, als sich „Pro Chemnitz“ dem Trauermarsch der AfD anschloss. „Bürgerlicher Protest“, sei das, was „Pro Chemnitz“ veranstalte. Dass auch Mitglieder von „Revolution Chemnitz“ bei den Demos gesehen wurden, bedeute nichts. „Wir können es nicht verhindern, dass sich Leute auf uns berufen“, wiegelt Jahn Zschocke ab. Bis kommenden Juni sind die Proteste angemeldet, jeden Freitagabend vor dem Nischel, wie die Chemnitzer das Marx-Monument hier nennen. Zuletzt sanken die Teilnehmerzahlen. Für den 9. November ist auch wieder eine große Gegendemo geplant. Der Besuch der angeschlagenen Kanzlerin aber verändert die Lage.

„Das ist wie bei einem Karussell“, sagt Uwe Dziuballa. „Das läuft langsamer und langsamer – und jetzt bekommt es wieder eine neue Fahrt. Jetzt beginnt alles wieder von vorne.“ Uwe Dziuballa ist der Wirt des „Schalom“, und seit die Zeitungen vom Mob vor seinem Lokal schrieben, rannten Presse und Politprominenz ihm die Bude ein. Er wählte aus, sagte ab, und war doch im Auge des Wirbelsturms.

Er erinnert sich an die Politiker, die eigentlich nur Selfies wollten, und auch an die guten Gespräche. Cem Özdemir sei mehrere Stunden geblieben, es war fast wie ein privater Abend. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) saßen mit Dziuballa zusammen und kamen hier, im Auge des Sturms, ein bisschen zur Ruhe.

Wir treffen uns mittags im „Schalom“. Eigentlich ist geschlossen, aber an den Tischen sitzen Kinder vor Pitabroten und Apfelschorle. Dziuballas Bruder Lars hält gerade einen Vortrag über das Judentum und jüdisches Leben, für die Schüler ist es Teil des Ethikunterrichts. „Auch das ist Chemnitz“, sagt Lars Dziuballa stolz. Und sein Bruder: „Wenn ich jede Todesdrohung auf meinem Anrufbeantworter ernst nehmen würde, könnte ich das hier nicht mehr machen.“ Ja, er sehe sich im Auge des Wirbelsturms, auch auf eine andere Weise: Dass in den Regionen um Chemnitz die Rechtsextremen stark sind, sei ihm natürlich bewusst. Aber soll er davon sein Leben bestimmen lassen?

Es ist dieser Trotz, den sich Dziuballa für die ganze Stadt wünscht. Er spricht von einem „Not-Stolz“, der die Chemnitzer jetzt erfasst. Bei einigen führt das dann dazu, dass sie bei „Pro Chemnitz“ mitmarschieren. Bei anderen sollte es zu einer „Neubelebung demokratischer Strukturen“ führen, hofft er. Und deswegen wäre es wichtig gewesen, dass Steinmeier und Merkel früher gekommen wären. „Ich hätte mir einen zeitnahen Besuch gewünscht, auch als Blitzableiter. Und als Zeichen: Chemnitz ist Deutschland. Dann könnten wir hier die kleinen Bausteine zur Stärkung der Demokratie zusammensetzen.“

Einer, der sich mit dem Aufbauen auskennt, sitzt in seiner Villa am Südrand der Stadt. Von hier hat Hans Freitag einen Blick bis weit ins Erzgebirge. Mit der Gewerbeanmeldung Nummer 1 gründete er noch im Dezember 1989 seine Software-Firma Sigma. Als einer der wenigen sächsischen Wirtschaftsaufsteiger hielt er engen Kontakt zur Politik. Mit dem ersten Nachwende-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) reiste Freitag durch China, als Vorzeigeunternehmer einer postsozialistischen Industriegesellschaft.

Schon lange hat Freitag die Firma seiner Tochter überschrieben. Er macht sich Sorgen um Sachsen und Chemnitz und spart nicht mit Kritik an seinesgleichen. „Es hat sich nach der Wende kein richtiges Bildungsbürgertum entwickelt“, sagt er. Von den wirtschaftlichen Aufsteigern waren nur wenige in die Politik involviert. Die Folge sei eine gegenseitige Sprachlosigkeit. Die sächsischen Bürger, die Aufsteiger der vergangenen 29 Jahre, „sie machen die Politik nicht mit“. Das lähme das kulturelle und geistige Potenzial Sachsens. Freitag glaubt zwar immer noch an die sächsische CDU und lobt den unermüdlichen Ministerpräsidenten Kretschmer. Doch dass Demokratie nur mit eigenem Engagement funktioniert, hätten gerade in Chemnitz zu wenige verstanden, kritisiert er. „Die Leute müssen selbst was machen“, fordert er. Vor seinen Fenstern liegt das Erzgebirge im Dunkeln.

Von Freitags Villa einmal ins Tal und wieder hinauf auf den Kaßberg, landet man im bürgerlichsten Viertel von Chemnitz. Weil alles mit allem zusammenhängt, ist der Kaßberg auch der Ort, an dem AfD-Chef Alexander Gauland aufwuchs, bevor er 1959 zum Studium die DDR verließ. Aber Gauland hat auf dem Kaßberg keine Spuren hinterlassen. Wenn unten in der Stadt demonstriert wird, geht hier oben alles seinen gemächlichen Gang. Hier gibt es Bioläden und Himbeertarte, die man in Leipzig lange suchen müsste. Hier liegt im Buchladen „Lessing und Kompanie“ und das Buch „Gegen den Hass“ der Publizistin Carolin Emcke aus. Die Buchhändler Susanne Meysick und Klaus Kowalke haben Emcke für den 26. November nach Chemnitz eingeladen. Sie tun, was sie können, und sind dennoch voller Unbehagen.

So fühlt sich auch die Frau, die gerade das Café mit der Himbeertarte betritt, und die ihren Namen nicht preisgibt. Sie schreibt den Blog „remarx“ mit sehr klugen Beobachtungen über die Stadt und ihre Kultur. Einige Wochen nach der Eskalation veröffentlichte sie einen Text mit dem Titel „Es gibt ein richtiges Chemnitz im Falschen“ und gab dem Trotz eine Stimme. „Jetzt prasselt die Realität auf uns ein wie Starkregen“, schreibt sie dort, und: „Vermutlich leiden wir alle an einer Art Stockholm-Syndrom und halten deshalb auch so krass zusammen.“ Nach diesem Text war die Leere noch ein bisschen stärker, sagt sie: „Der Impuls war: Ich ziehe weg. Aber natürlich mache ich das nicht.“ Vor dem Merkel-Besuch hat sie Angst, „weil dann die ganzen Idioten wieder ihren dummen Parolen brüllen“. Diejenigen, die Freitagabend am Nischel stehen, seien von niemandem mehr zu erreichen. „Die holt man nicht mehr zurück. Das ist zu spät.“ Aber aufgeben, Chemnitz aufgeben, kommt nicht infrage. Wenn nur das Unbehagen nicht wäre. „Es ist leicht, zu sagen, man darf jetzt keine Angst haben“, meint sie. „Es ist nur nicht so leicht, keine zu haben.“

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