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Corona in Frankreich: Macron spürt den Unmut des Volkes - fast jeder ist ein „Querdenker“

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Frankreichs Präsident Macron reagierte auf die Pandemie zuerst zu spät, dann zu hart und in der Sommerpause zu nachsichtig. Jetzt zeigen sich die Folgen dieses Schlingerkurses.

  • In Frankreich spitzt sich die Corona-Krise wieder zu
  • Die Reisewarnung der Bundesrepublik trifft den Nachbarn hart
  • Der Schlingerkurs von Präsident Emmanuel Macron sorgt für Unmut

Frankreich - Die deutsche Warnung vor Reisen nach Paris oder an die Côte d’Azur ist für Frankreich ein harter Schlag. Und zwar nicht nur für die Tourismusbranche, sondern auch für das Selbstverständnis einer Nation, die gerne auf Augenhöhe mit ihrem rechtsrheinischen Nachbarn verkehrt. Schon vor Wochen, als Paris für 2020 einen Einbruch des Wirtschaftswachstums von 14 Prozent, Berlin aber von weniger als neun Prozent ankündigte, kommentierte der Pariser Historiker Marcel Gauchet bitter: „Frankreich spielt nicht mehr in der gleichen Kategorie wie Deutschland.“

Corona in Frankreich: Mehr als dreimal so viele Neuinfektionen wie in Deutschland

Unterschiedlich ist die Lage auch an der Virusfront. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt in Frankreich mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland. Das ist erstaunlich, weil die regionalen Vorgaben der Behörden – und deren Missachtung – zumindest auf den ersten Blick ähnlich scheinen.

Emanuel Macron spürt den Unmut des Volkes.

Trotzdem scheint Frankreich von der zweiten wie schon von der ersten Welle stärker betroffen zu sein als Deutschland. Die tieferen Ursachen reichen weiter zurück als die Pandemie selbst. In den Vorjahren hatten die französischen Gesundheitsbehörden ganze Schutzmasken-Bestände wegen ihres Verfallsdatums vernichtet. Ersetzt wurden sie aus Spargründen nicht. „Die Regierung wusste, dass sie einer Pandemie nicht gewachsen wäre“, erklärte im Juli Eric Ciotti, Leiter einer ersten parlamentarischen Untersuchungskommission. Zum anderen, so führte er aus, habe Frankreich in den ersten zwei Märzwochen nur 12 000 potenzielle Virusträger getestet, Deutschland aber dagegen 500 000.

Angesichts der ausgedünnten Bestände erzählten die Pariser Minister noch im März im Fernsehen, das Tragen von Schutzmasken sei gar nicht sinnvoll.

Präsident Emmanuel Macron erklärt Corona den „Krieg“

Als die „Staatslüge“ (so der Demoskop Emmanuel Todd) aufflog, riss Präsident Emmanuel Macron das Steuer herum, erklärte dem Coronavirus den „Krieg“ und ordnete einen der schärfsten Lockdowns Europas mit Ausgangssperren an.

Das wirkte – zuerst, indem die Konjunktur abgewürgt wurde. Die Epidemie selbst wurde langsamer eingedämmt. Denn die Bürokratie, „dieses französische Übel“, wie Ciotti meinte, führte dazu, dass kreative Initiativen aus der Provinz im Zentralstaatsmoloch teils wochenlang liegenblieben. Nonchalant überhörte Paris Angebote von Veterinärpraxen, die über Testkapazitäten verfügten, oder sogar von Elsässer Privatkliniken, die vergeblich 70 freie Beatmungsbetten anboten. Als sie aus einer Pariser Amtsstube endlich grünes Licht erhielten, erreichte die Welle bereits vollends Mulhouse und Straßburg.

Das Elsass hofft auf ein Ende des Albtraums

Das Fremdenverkehrsbüro von Straßburg gibt sich nach einem katastrophalen Frühjahr optimistisch. „Covid-19 zirkuliert derzeit nicht mehr aktiv in Frankreich, sodass erneut die Möglichkeit eines Aufenthaltes in aller Sicherheit besteht“, heißt es auf Deutsch auf der Webseite des städtischen „office du tourisme“. „Zögern Sie demnach nicht, Ihren nächsten Aufenthalt in Straßburg zu planen.“

Es stimmt, die Coronakrise ist in beiden Elsässer Departementen Haut-Rhin und Bas-Rhin unter Kontrolle, nachdem sie dort im Frühjahr furchtbar gewütet hatte. Es gebe weniger als ein Dutzend Todesfälle pro Tag, und die Intensivstationen seien „verwaist“, vermeldete ein Beobachter freudig. Welch ein Unterschied zu Mai, als die französische Armee ein Feldlazarett einrichten musste und Patienten im TGV nach Südfrankreich ausquartiert wurden.

Allerdings kehrt der Trend nun wieder. Seit Mitte August werden wieder mehr Erkrankte auf die Intensivstationen verlegt. Das Departement Bas-Rhin mit Straßburg als Hauptstadt verzeichnet wöchentlich rund 30 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Dieser Wert liegt noch deutlich unter dem französischen Schnitt.

Die elsässischen Gesundheitsbehörden wollen aber nicht mehr auf dem falschen Fuß erwischt werden. Sie haben jüngst einen Appell an Studierende und Rentner erlassen, sich für Einsätze in Seniorenheimen und Krankenhäusern bereitzuhalten, um das dortige Personal zu entlasten. Zudem denken die Lokalbehörden auch an die jungen Elsässer: In Straßburg können sie unentgeltlich einen Covid-Test vornehmen lassen. Damit soll eine zweite Welle verhindert werden. brä

Ab Mitte Mai lockerte Macron die Einschränkungen stufenweise; nun handelte er wochenlang mit Umsicht. Dann aber lockerte der unerfahrene Präsident sogar stärker als europäische Nachbarn. Das belegt eine Studie der Universität Oxford: Während Deutschland seine Einschränkungen von 65 auf 54 Prozent zurücknahm, fuhr sie Macron von 88 auf 43 Prozent herunter (100 entspricht einem Totalverbot).

Diese doppelte Überkorrektur hatte vor allem psychologische Folgen. Die Franzosen, ohnehin erschöpft von dem monatelangen Nichtstun, verstanden die Vorgaben aus dem Elysée-Palast nicht mehr. Misstrauen machte sich breit. In einer Umfrage erhielt Macron einen ähnlich tiefen Vertrauenswert – von 30 Prozent – wie Donald Trump oder Xi Jinping; Angela Merkel lag dagegen bei den Franzosen mit 54 Prozent an der Spitze.

Ergreift Macron heute das Wort, stößt er auf Skepsis, ja Ungläubigkeit. Als sein Premierminister Jean Castex diese Woche predigte, das Maskentragen sei „äußerst nützlich“, erklang von überall das Echo: Warum hatte die Regierung dann im März davon abgeraten?

Corona in Frankreich: „Querdenker gibt es kaum“

Wobei zu präzisieren ist: In Paris gibt es im Unterschied zu Deutschland kaum „Querdenker“-Kundgebungen. Vielleicht, weil in Frankreich jeder ein Querdenker ist. Denn das Maskentragen ist für den Citoyen keine kollektive Frage, sondern eine Frage der individuellen Freiheit. Wenn er will, holt er sich morgens das Baguette in der Boulangerie, ohne eine Gesichtsmaske aufzusetzen. Und wer ihn an die Pflicht erinnert, wird im besten Fall angefaucht. In einer Boulangerie wurde eine Krankenschwester zusammengeschlagen, in einer Wäscherei ein Familienvater mit Baseballschlägern malträtiert – nur weil sie an die Maskenpflicht erinnert hatten.

Corona-Auflagen werden von den Jüngeren gerne ignoriert

Macron spürt den Unmut im Volk. Er gibt sich mittlerweile nicht mehr martialisch, sondern fast schon milde. Aber auch damit findet der Präsident nicht den richtigen Ton. Statt seinen Landsleuten Halt in schwierigen Zeiten zu geben, verschanzte er sich lieber in seiner Sommerresidenz, dem Fort de Brégançon an der Côte d’Azur.

Dort empfing er Angela Merkel mit Kopfneigen auf Distanz. Anders all jene Franzosen, die sich diesen Sommer auf Ferien mit dem Familienclan beschränkten: Wie „Le Monde“ berichtet, begrüßte man sich im Landhaus der Großeltern partout mit dem Wangenküsschen, „la bise“.

Jüngere tanzten ungeschützt auf Ravepartys in den Cevennen, Ältere sonnten sich am FKK-Strand in Cap d’Agde. Dort schnellen die Infektionszahlen nun gefährlich in die Höhe. Das ist der Preis für einen Sommer, in dem die Franzosen endlich wieder leben, frei atmen, sich näherkommen wollten. Man kann es ihnen nachfühlen nach den harten Restriktionen der Vormonate. Aber die „rentrée“, die Wiederaufnahme der Schule und der Arbeit, wird in Frankreich ab 1. September umso härter ausfallen. Härter wohl auch als in Deutschland. (Stefan Brändle)

In vielen Ländern, darunter Frankreich, steigt nach umfänglichen Lockerungen die Zahl der Corona-Infektionen wieder sprunghaft an. Woran liegt das und wie besorgniserregend ist die Situation? Die Lage in Europa im Corona-Ticker.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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