Unter Quarantäne: ein Wohnhaus in Berlin-Neukölln.
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Unter Quarantäne: ein Wohnhaus in Berlin-Neukölln.

Coronavirus

„Eine soziale Krankheit“

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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  • Marina Kormbaki
    Marina Kormbaki
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Grüne und SPD fordern mehr Hilfe für sozial Benachteiligte

In der Harzer Straße in Berlin-Neukölln herrscht am Mittwochmittag sommerliche Ruhe. Kein Fenster in den Mietshäusern ist geöffnet. Weder Polizei noch Mitarbeiter des Bezirksamts sind zu sehen. Die sollen später am Tag vorbeikommen, um Lebensmittel und Windeln für die zum Teil kinderreichen Familien vorbeizubringen, die nun zwei Wochen lang in ihren Wohnungen ausharren müssen.

369 Haushalte sind vom Bezirksamt unter Quarantäne gestellt worden. 70 Personen in der Harzer Straße und an sieben anderen Standorten in Berlin sind inzwischen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Zahlen werden vermutlich weiter ansteigen. „Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange“, sagt Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU).

In den Häusern in der Harzer Straße wohnen viele – aber nicht ausschließlich – Roma aus Rumänien in beengten Wohnverhältnissen. Viele von ihnen wiederum gehören einer freikirchlichen Pfingstgemeinde an. Ein Pastor dieser Gemeinde könnte als Überträger des Virus infrage kommen, auch über Berlin hinaus.

Ansteckungsquelle unklar

Auch der Corona-Ausbruch in Magdeburg mit bislang 37 Fällen könnte seinen Ursprung in einer rumänischsprachigen Pfingstgemeinde haben. Ein Berliner Pastor spiele dabei vermutlich eine Schlüsselrolle, sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) der „Mitteldeutschen Zeitung“. Belege dafür haben aber weder die Behörden in Magdeburg noch in Berlin-Neukölln.

In beiden Städten traten die ersten Fälle kurz nach Pfingsten auf. In Berlin wurden am 5. Juni zunächst drei Schüler positiv auf das Coronavirus getestet. Um die Schulen nicht schließen zu müssen, verfolgten die Behörden die Infektionskette nach.

Dass Liecke in einer Pressekonferenz so offensiv über den möglichen Ursprung der Infektion sprach, macht Benjamin Marx wütend. Der Projektentwickler der katholischen Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft hat aus den heruntergekommenen Häusern an der Harzer Straße Vorzeigehäuser gemacht. „Was Liecke gesagt hat, ist struktureller Rassismus“, sagt Marx. „Die Bewohner sind jetzt erneut stigmatisiert.“ Gegen Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) erhebt Marx diese Vorwürfe aber nicht. Hikel hatte auf derselben Pressekonferenz gesagt: Das Virus habe „vom Ski-Club nun die Mietskasernen erreicht“.

Schlagzeilen machte am Mittwoch auch ein Corona-Ausbruch im Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Von den bislang 500 am Mittwoch vorliegenden Testergebnissen der Mitarbeiter in dem Schlachthof und Fleischzerlegebetrieb im Kreis Gütersloh seien 400 positiv, sagte eine Kreis-Sprecherin. Der Kreis Gütersloh schloss alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien, um die weitere Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung zu vermeiden.

Überall auf der Welt seien nun die Ärmsten am stärksten von der Krankheit betroffen, sagt der Berliner Projektentwickler Marx, in Brasilien genauso wie in Berlin-Neukölln. „Covid-19 wird eine soziale Krankheit, das ist ganz klar.“

Eine aktuelle Untersuchung bestätigt diesen Verdacht. Bei sozial benachteiligten Menschen ist das Risiko, aufgrund der Coronavirus bedingten Lungenkrankheit Covid-19 ins Krankenhaus zu kommen, deutlich erhöht. Das geht aus einer Studie der Uniklinik Düsseldorf und der Krankenkasse AOK im Auftrag der ARD hervor.

Arbeitslose öfter betroffen

Empfänger von ALG II haben demnach ein im Vergleich zu erwerbstätig Versicherten um 84,1 Prozent erhöhtes Erkrankungsrisiko. Für ALG-I-Empfänger liegt es um 17,5 Prozent höher. Der Analyse liegen die Daten von rund 1,3 Millionen Versicherten zugrunde. Die Forscher haben geschaut, ob von Jahresbeginn bis Anfang Juni erwerbslose Menschen häufiger mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden mussten als erwerbstätige Versicherte.

Die Grünen leiten aus der sozialen Unwucht von Corona einen Handlungsauftrag für die Bundesregierung ab. „Die Pandemie hat eine soziale Dimension und Schieflage, gegen die die Bundesregierung viel stärker ankämpfen muss“, sagte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Die Bundesregierung muss einen Plan vorlegen, wie die wirtschaftlich Schwächsten in unserer Gesellschaft nicht zu Kranken werden. Wir brauchen außerdem dringend einen Pandemierat, der die bestehenden Maßnahmen mit Blick auf ihre sozialen, gesundheitlichen und ökonomischen Auswirkungen wissenschaftlich analysiert und aufzeigt, welche Maßnahmen wir in Zukunft anpassen oder verstärken müssen“, forderte Göring-Eckardt.

Auch SPD-Chef Norbert Walter-Borjans mahnte mehr Sensibilität für die prekäre Lage vieler Menschen hierzulande an. „Corona ist eine riesige Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Aber es gibt keinen Zweifel, dass auch hierzulande die gesundheitlichen Risiken für Menschen mit geringerem Einkommen de facto größer sind – schon allein deshalb, weil sie in beengteren Verhältnissen leben und arbeiten“, sagte Walter-Borjans dem RND.

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