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Wie es sich gehört: Ein Armeegeneral und ein Luftwaffenadjutant geben Kanadas 30. Generalgouverneurin die Ehre.
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Wie es sich gehört: Ein Armeegeneral und ein Luftwaffenadjutant geben Kanadas 30. Generalgouverneurin die Ehre.

Kanada

Eine Revolution von oben

  • VonGerd Braune
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Erstmals ist eine indigene Frau Kanadas höchste Repräsentantin: Königin Elizabeth II. ernennt die Inuk-Politikerin Mary Simon zu ihrer Stellvertreterin und Generalgouverneurin.

In Kanada beginnt – so hoffen viele – eine neue Ära: Erstmals in der Geschichte Nordamerikas übernimmt das Generalgouvernement eine Persönlichkeit aus einem indigenen Volk. Mary Simon, eine Politikerin der arktischen Inuit, ist „Governor general“, hat also das protokollarisch höchste Staatsamt Kanadas inne. Das kommt gerade zur rechten Zeit, in der das Land mit den Ungerechtigkeiten konfrontiert wird, die es über mehr als 150 Jahre seiner Urbevölkerung zugefügt hat.

Königin Elizabeth II. ist als „Königin von Kanada“ das formale Staatsoberhaupt des Commonwealth-Mitgliedes Kanada. Der oder die „Governor general“ übt in ihrer Abwesenheit die verfassungsmäßigen und repräsentativen Pflichten des Staatsoberhaupt aus. Kanadas Premierminister Justin Trudeau hatte der Queen Simon vorgeschlagen.

Trommeln in Ottawa

Indigene Kunstschaffende und deren Traditionen prägten die jüngst erfolgte Amtseinführung. Eine „Qulliq“, eine Inuit-Öllampe, wurde als Symbol für Wärme und Licht entzündet und die „Ottawa River Singers“ aus mehreren First Nations stellten mit ihrem Trommelgesang klar, dass Ottawa auf dem Territorium der Anishinabe Algonquin-Nation liegt, David Serkoak aus dem Arktisterritorium Nunavut schlug die traditionelle Inuit-Trommel. Mary Simon trug Passagen ihrer Antrittsrede in Inuktitut, der Sprache ihres Volkes vor, ein Signal für die wachsende Bedeutung indigener Sprachen in Kanada. Simon ist bilingual – aber nicht Englisch und Französisch, was meist als Bilingualismus in Kanada verstanden wird –, sondern Englisch und Inuktitut. „Meine erste Sprache ist Inuktitut, die Sprache, die die Inuit als Volk definiert, und sie ist die Grundlage unseres Überlebens“, sagt Mary Simon. Dass ihr Französisch nur sehr brüchig ist, gab Anlass zu Kritik, aber sie hat versprochen, die Sprache zu lernen: „Zum jetzigen Zeitpunkt unserer gemeinsamen Geschichte ist klar, dass eine Vielzahl von Sprachen Bestandteil des Gefüges unserer Nation sind.“

Mary Simon.

Mary Simon wuchs in der Arktisgemeinde Kuujjuaq im Norden Québecs auf. Ihre Mutter war eine Inuk, ihr Vater ein aus dem Süden Kanadas kommender Pelzhändler, der für die Hudson’s Bay Company arbeitete.

Simon wuchs auf traditionelle Weise auf. Mehrere Monate im Jahr lebte die Familie auf dem Land, zog mit Hundegespannen oder Booten zur Jagd, zum Fischfang oder zum Sammeln von Beeren. Ihre Karriere führte sie nach dem Schulabschluss zum kanadischen Rundfunk CBC und dann in Führungspositionen mehrerer Inuit-Organisationen. Sie war am Aushandeln des bahnbrechenden Landrechtevertrags für die James Bay und Nord-Québec beteiligt, der Cree und Inuit Landrechte sicherte.

1994 ernannte Kanadas Premierminister Jean Chrétien sie zur ersten Botschafterin für die Arktis und Repräsentantin Kanadas im Arktischen Rat der acht Arktisstaaten. Sie leitete den Inuit Circumpolar Council, die Interessenorganisation der Inuit von Kanada, der USA, Grönlands und der russischen Tschuktschen-Region wie auch Inuit Tapiriit Kanatami, den Verband der Inuit Kanadas. Mary Simon diente auch als Botschafterin in Dänemark. Sie war eine scharfe Kritikerin des von der EU verhängten Importverbots für Robbenfelle, weil dies – trotz Ausnahmeregeln für indigene Jagd – zum Zusammenbruch des Fell-Marktes beitrug und so die Inuit schwer traf. Sie hielt Europa eine kolonialistische Haltung gegenüber den Indigenen der Arktis vor.

Kanada setzt sich seit den 90er Jahren mit seiner kolonialen Vergangenheit und der Unterdrückung der indigenen Völker auseinander. Als „Reconciliation“ – Versöhnung – wird dort die Politik bezeichnet, die zu einem besseren Verständnis zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung, dem Heilen der Wunden der Vergangenheit und einem respektvollen Umgang aller Kulturen führen soll.

Die Aufarbeitung der Grausamkeiten der „Residential Schools“, der Internatsschulen für Angehörige indigener Völker, ist dabei besonders wichtig. In diesen Schulen wurden Kinder der First Nations, der Inuit und der Métis – das dritten indigenen Volk mit indigenen und europäischen Wurzeln – der eigenen Identität beraubt. Sie wurden ihren Familien entrissen und durften ihre Traditionen und Sprachen nicht sprechen, viele wurden körperlich und sexuell missbraucht. Mehrere Tausend Kinder starben durch Krankheiten und Vernachlässigung. Im Frühsommer dieses Jahres wurden in der Nähe mehrerer aufgegebener Schulen Hunderte unmarkierte Gräber mit den Leichen indigener Kindern gefunden. Das hat weltweit Entsetzen ausgelöst. „Wir haben als Land gelernt, dass wir die wirkliche Geschichte Kanadas lernen müssen. Diese Wahrheit zu akzeptieren, macht uns als Nation stärker und einigt die kanadische Gesellschaft“, sagt Mary Simon. Sie ist überzeugt: „Versöhnung ist eine Lebenshaltung und erfordert tagtäglich Arbeit. Versöhnung heißt, einander kennenzulernen.“

Kampf dem Klimawandel

Mary Simon verspricht, als Generalgouverneurin aller Menschen in Kanada zu wirken. Sie will Kanadas Verpflichtung zu Diversität und dem Akzeptieren verschiedener Kulturen verkörpern und Brücken bauen. Als große Herausforderung nennt sie den Klimawandel, der Kanada als arktisches Land besonders stark trifft. Im Arktischen Rat und in Inuit-Organisationen hatte sie sich für eine entschiedenere Politik im Kampf gegen den Klimawandel engagiert.

In den vergangenen Jahren war diskutiert worden, ob Kanada „reif“ für einen Generalgouverneur oder gar eine Generalgouverneurin aus den First Nations, dem Volk der Inuit oder der Métis sei. Diese Frage ist nun beantwortet. Dies sei ein „wichtiger und historischer Tag“ und sie sei geehrt, Kanadas erste indigene Generalgouverneurin zu sein, sagt Mary Simon. Für Kanadas Politik der „Reconciliation“ ist es ein wichtiger Schritt auf einem immer noch sehr langen und schwierigen Weg.

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