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Colin Crouch.

US-Wahl

„Eine neue Politik der Wut“

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Der Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch spricht über postdemokratische Identitäten, Trumps Wahlsieg, den Brexit und ein Paradox.

Colin Crouch, der britische Soziologe und Politologe, gehört zu den prominentesten Kritikern des Neoliberalismus.

Herr Crouch, der Wahlsieg Donald Trumps wird erklärt mit der zunehmenden Verdrossenheit der Menschen gegenüber der „institutionellen Politik“ und schwindendem Vertrauen in die repräsentative Demokratie. Unterstreicht das Ihre These von der Postdemokratie?
Ja, aber in einer seltsamen Weise. Ein Teil meiner These der Postdemokratie war, dass in der modernen Gesellschaft die Mehrheit der Menschen keine politische Identität finden kann. Jetzt tritt sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich ein Zustand ein, in dem viele Leute eine nationalistische, vielleicht auch rassistische Identität im Kontext der Globalisierung, der Einwanderung, der Flüchtlinge und des Terrorismus gefunden haben. Das führt zu einer Politik des Hasses und der Wut. Auf diese Weise kann nichts Gutes entstehen.

Kann man die Gründe für den Brexit und Trumps Sieg also miteinander vergleichen?
Jawohl. Die britischen „Brexiter“ sagen ja unter sich, dass sie viel von Trumps Methoden gelernt hätten. Es ist dieselbe Mischung von Kritik an den sogenannten liberalen Eliten und zudem die Fremdenfeindlichkeit. Man kann fragen, warum eine Kritik der Eliten mit der Fremdenfeindlichkeit gemixt wird. Die Antwort ist: Sie wissen, dass sie nichts gegen die Eliten ausrichten können oder wollen; sie können aber viel gegen Minderheiten machen, also etwa gegen Immigranten.

Wird diese Art von Wahlkampf, in der Argumente nicht zählen und nicht mehr wichtig ist, wer Kandidat ist, die USA und damit den Westen verändern?
So wird es vorkommen können. Im Vereinten Königreich erklären wir dieses Phänomen durch die Tatsache, dass so viele unserer großen Zeitungen in den Händen konservativer Nationalisten liegen. Doch ist das nicht in den Vereinten Staaten der Fall. Vielleicht ist der Niveau des Misstrauens so groß geworden, dass die Leute glauben, dass es kein echtes Wissen, am wenigstens politisches Wissen, mehr sei. Das ist erschreckend.

Die Vereinigten Staaten galten einmal als Leuchtturm der Demokratien. Lässt sich der Zeitpunkt des Niedergangs ausfindig machen?
Es war eine wichtige Wahrheit, aber allmählich haben sich die Dinge verändert. Das Niveau der Ungleichheit und der politische Einfluss der Reichen sind immer größer geworden, die Gewerkschaften spielen eine so kleine Rolle. Es gibt auch religiöse Spaltungen, die wir heute in Europa längst hinter uns haben. Das Paradox ist, dass es ein reicher Mann der dritten Generation ohne ein besonders ausgeprägtes moralisches Profil ist, der gewonnen hat.

Wird Trump am Problem der großen sozialen Ungleichheit in den USA etwas ändern?
Nein. Er stellt Obamacare infrage, jedenfalls in Teilen. Das wird die Ungleichheit schlimmer machen. Er verspricht Steuersenkungen; normalerweise helfen jene den Reichen mehr als den Armen. Und wenn er Tarife gegen chinesische Güter in Aussicht stellt, wird das höhere Preise für amerikanische Konsumenten bringen. Es wird aber keine Erneuerungen der alten amerikanischen Industrien bringen, weil das zu spät ist.

Bezogen auf unsere Epoche ließe sich sagen, dass eine Gesellschaft in dem Maße untergeht, wie sie das Leben ihrer Mitglieder nicht mehr ordnen, strukturieren, berechenbar machen kann – stehen wir also vor dem Untergang?
Wir haben noch viele Ressourcen wie Innovationsfähigkeit, Kreativität, Enthusiasmus unter jungen Leuten. Wir haben, was wir auf englisch einen bumpy ride (holprige Strecke, d. Red.) nennen. Wir fahren aber fort!

Interview: Michael Hesse

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