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Der US-amerikanische Historiker Christopher R. Browning gehört zu den führenden Holocaust-Forschern. 1978 machte er mit einer Untersuchung über die Mitwirkung des Berliner Auswärtigen Amtes bei der Vernichtung der Juden in Fachkreisen auf sich aufmerksam. International bekannt wurde der Professor an der Universität von North Carolina durch seine 1992 erschienene Untersuchung "Ganz normale Männer" über die Mitglieder des Hamburger Reserve-Batallions 101 und deren Mitwirkung an der "Endlösung" in Polen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er das Standardwerk "Die Entfesselung der Endlösung" (Propyläen Verlag), das heute zu den Meilensteinen der Forschung zählt.

Eine neue Form der Verantwortung

Die Holocaustforschung hat sich neue Perspektiven erschlossen: Christopher Browning im Gespräch

Frankfurter Rundschau: Wo steht die Holocaust-Forschung heute?

Christopher Browning: Mit dem Fall des eisernen Vorhangs wurde der Zugriff auf die osteuropäischen Dokumente möglich, das veränderte viel. Eine vergleichbar große Öffnung von Archiven wird es nicht noch einmal geben. Nun rücken neue Ansätze und Fragestellungen stärker in den Vordergrund. Es wird wichtiger zu erforschen, was beispielsweise in ukrainischen Städten geschah, bevor die Deutschen eintrafen. Dort lebten Polen, Ukrainer und Juden zusammen. Zunächst kamen die Russen und dann erst die Nazis. Hier zeigt sich, dass es nicht nur um Deutsche und Juden ging. Es existierte bereits ein kompliziertes multiethnisches Beziehungsgeflecht und als die Deutschen eintrafen, legten sie die Lunte an eine explosive Lage, die sich bereits vorher entwickelt hatte.

Das Bild, das sie beschreiben, ist also sehr viel komplexer.

Ja, es gab eine sehr komplizierte mulitethnische Bevölkerungsstruktur mit vielen Akteuren und falschen Wahrnehmungen, sei es nun in Ungarn, in Rumänien oder in anderen Ländern Osteuropas. Die Geschichte muss hier auf der lokalen Ebene aufgearbeitet werden. Was in Buczacz in Ost-Gallizien geschah oder was in Litauen passierte, war sehr verschieden, auch wenn es natürlich Gemeinsamkeiten gibt.

Wie hat sich die Arbeit der Historiker verändert?

Anders als früher arbeiten deutsche oder amerikanische Historiker auch in der Ukraine oder in Rumänien. Das heißt, sie müssen über mehr Sprachkenntnisse verfügen, um die multiethnische Lebenswirklichkeit Osteuropas historisch zu erforschen und die Quellen auswerten zu können. Wenn ich heute Studenten für die Holocaust-Forschung heranziehe, müssen sie nicht nur deutsch können, sondern auch noch mindestens eine osteuropäische Sprachen.

Birgt all das nicht die Gefahr, dass es das Bild des Holocaust unschärfer werden lässt?

Natürlich werden einige Leute versuchen zu sagen, dann haben es die Deutschen nicht getan, sondern beispielsweise die Ukrainer. Zeitzeugen haben schon immer von ihren Erlebnissen berichtet, bei denen auch Polen und Ukrainer als Mittäter der Deutschen eine Rolle spielten. Aber Polen und Ukrainer sahen sich selbst lange vor allem als Mitopfer der Juden, als Opfer von Kommunismus, Stalinismus und dann der Nazis. Das ändert sich. Zunächst ist es für die Öffentlichkeit vielleicht verwirrend. Was bei der jüngsten Forschung für ein allgemeines deutsches Verständnis herauskommt, sind mehr Erkenntnisse darüber, wie es einer begrenzten Zahl von Deutschen gelungen ist, andere Volksgruppen dazu anzustiften, ihnen als Mörder zu dienen. Um die Frage zu beantworten, wie es möglich war, dass die Nazis andere Völker dafür gewinnen konnten, Morde für sie auszuführen, ist es eben auch wichtig, wie die Lage vor der Ankunft der Deutschen war. Das bedeutet nicht, dass die Deutschen weniger verantwortlich für die Verbrechen waren. Der Begriff Verantwortung verbreitert sich.

In Deutschland gibt es eine Debatte über die eigene Opferrolle bei der Bombardierung von Dresden oder bei der Vertreibung aus den Ostgebieten. Gehört das auch zu der komplexeren Geschichtsdarstellung?

Das gab es schon einmal. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich Deutsche vor allem als Opfer des Nazismus, der Vergewaltigungen russischer Soldaten, der Bombardierung ihrer Städte. Dies verschloss damals den Blick auf die deutsche Verantwortung. Damals war der Mythos verbreitet, dass die Nazis nur eine kleine Gruppe von Fanatikern gewesen seien, die den deutschen Staat missbraucht hatten und die meisten Deutschen nichts von den Verbrechen gewusst hätten. Vielleicht war das zunächst nötig, um eine neue Demokratie zu schaffen und die Bundesrepublik Deutschland zu gründen. Mit den Nazi-Prozessen in den 60er und 70er Jahren war dieses Bild nicht mehr zu halten. Danach war von den Deutschen als Opfer nur noch wenig die Rede. Nach der Wiedervereinigung hat diese Debatte neu begonnen.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen der heutigen Debatte und damals?

Heute spricht man in Deutschland über die Bombardierung deutscher Städte oder die Vertreibungen, ohne die Realität des Holocaust auszublenden. Die Vertreibungen sind das letzte Kapitel dieser zuvor beschriebenen komplexen historischen Situation. Es ist nicht schlecht, wenn die Deutschen sich dieser Frage zuwenden, solange sie den richtigen historischen Kontext beachten. Die Geschichte zeigt, dass die SS damit begonnen hat, die deutsche Gemeinden in Osteuropa zu zerstören. Dies geschah nicht etwa erst mit der Ankunft der Sowjetarmee. Es war Heinrich Himmler, der die Deutschen aus dem Baltikum fortschaffte, der die ethnischen Deutschen aus dem Banat evakuieren wollte, und überall in Osteuropa die ethnischen Deutschen für die SS rekrutierte, um sie gegen andere Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren. Es sind die Nazis, die ethnische Deutsche in Osteuropa wie Schachfiguren verschieben wollten, um ihre demographische Revolution auszuführen. Die ethnischen Deutschen ließen sich instrumentalisieren und verübten viele Verbrechen. Am Ende mussten sie dafür mit den Vertreibungen einen hohen Preis entrichten. Sie haben verloren und mussten gehen. Die Politik, die versucht, mulitethinisches Zusammenleben zugunsten einer dominierenden Gruppe zu zerstören, macht diese zum Opfer, wenn der Rückschlag folgt. Das passierte im Zweiten Weltkrieg, aber auch in den 90er Jahren auf dem Balkan.

Hat sich dieses komplexere Holocaust-Bild auch in der israelischen Forschung ebenso durchgesetzt?

Ich denke, sehr viel weniger. Die Einzigartigkeit des Holocaust und die Opferrolle der Juden steht in Israel im Vordergrund. Die Ermordung von Behinderten oder das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangene werden beispielsweise in Israel nicht in einem Zusammenhang betrachtet. Ich denke aber, dass diese Opfer illustrieren, dass der Antisemitismus nur ein Teil des rassistischen Denkens der Nazis war. Aber das wird von vielen Israelis nicht akzeptiert. Sie wollen dahin zurück, nur über Deutsche und Juden zu sprechen und nicht über den erweiterten Kontext. Es soll nur um Nationalsozialismus und Antisemitismus gehen. Als würde der Versuch, den Holocaust in einen größeren Zusammenhang zu setzen, den Holocaust verkleinern.

Es gibt ein Tabu, den Holocaust mit anderen Genoziden zu vergleichen. Wie stehen Sie dazu?

In den USA ist es allgemein akzeptiert, dass der Holocaust in die breitere Kategorie des Genozids fällt. So heißt die wissenschaftliche Zeitschrift des Holocaust-Museums in Washington Holocaust und Genozid-Studien. Jede Holocaust-Konferenz in den USA sieht auch eine Arbeitsgruppe über einen Vergleich vor. Meiner Ansicht nach ist der Vergleich die einzige Form, über die Einzigartigkeit des Holocaust als extreme Form des Völkermordes zu sprechen.

Was bedeutet der 60. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung für die Holocaust-Forschung?

Wir haben fast den Zeitpunkt erreicht, wo es keine Überlebenden mehr gibt. Ich greife schon jetzt auf Aussagen von Zeitzeugen zurück, die bereits dokumentiert sind. Das können schriftliche Aussagen sein, Vernehmungsprotokolle oder Video-Mitschnitte. Ich kann noch zu Leuten sprechen, die als Jugendliche in den Lagern waren. Aber es macht nicht mehr viel Sinn, mit Menschen Interviews zu machen, die älter sind als 80 Jahre. Die Zeit, um ihre Geschichte zu erzählen, ist bereits vergangen. Glücklicherweise wurde sehr viel aufgezeichnet. Es gibt Berge von Interviews in der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, die niemals gelesen wurden, weil Ermittlungen eingestellt wurden. Oder es gibt Prozesse, die bislang wenig Beachtung fanden, aber dokumentiert sind. Da ist sehr viel Material vorhanden, das von der nächsten Generation aufgearbeitet werden kann.Interview: Gemma Pörzgen

Dossier: 60 Jahre nach KriegsendeDossier: Antisemitismus

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