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Richard von Weizsäcker hält seine vielbeachtete Rede am 8.5.1985 während der Feierstunde zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Von Weizsäcker ist am 30. Januar im Alter von 94 Jahren gestorben. (Archivbild)

Richard von Weizsäcker ist tot

Eine moralische Autorität

Einer der bedeutendsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit ist tot: Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist am Samstag im Alter von 94 Jahren gestorben.

Von Peter Pragal

Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, ging Richard von Weizsäcker zu Fuß und ohne Begleitung über den leeren Potsdamer Platz Richtung Osten. Ein Wachkommando der DDR-Grenztruppen sah ihn kommen und musterte ihn mit Ferngläsern. Dann ging ein Offizier auf ihn zu, salutierte vorschriftsmäßig und sagte: „Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse.“  Der ließ sich seine freudige Überraschung nicht anmerken. „Wir begrüßten uns, als wäre unsere Begegnung das Normalste der Welt“, beschrieb Weizsäcker die ungewohnte Situation in seinem Buch „Erinnerungen“.

Der 1984 zum sechsten Bundespräsidenten gewählte Weizsäcker, der ein Jahr nach seiner Wiederwahl 1989 dann auch der erste Präsident des geeinten Deutschland wurde, genoss bereits zur Zeit der staatlichen Teilung beiderseits von Elbe und Werra hohes Ansehen. Während andere bundesdeutsche Politiker die Verhältnisse in der DDR nur vom Hörensagen kannten, knüpfte er als Ratsmitglied der Evangelischen Kirche, als Präsident des Kirchentages und als Regierender Berliner Bürgermeister zahlreiche Kontakte in den Osten des gespaltenen Landes. Auch scheute er sich nicht, im September 1983 als erster Amtschef im Schöneberger Rathaus SED-Generalsekretär Erich Honecker in Ost-Berlin zu besuchen. Die bei seinen privaten wie dienstlichen Besuchen gewonnenen Informationen über das Leben im SED-Staat hätten, wie er später bekundete, dazu geführt, die Deutschland- und Ostpolitik zum Schwerpunkt seiner Arbeit werden zu lassen.

Weizsäcker, der jetzt im Alter von 94 Jahren gestorben ist, hatte fest daran geglaubt, dass die Mauer keinen dauerhaften Bestand haben würde. Gleichwohl hatten ihn die Umstände der Grenzöffnung wie fast alle anderen Mitbürger überrascht. Zu seinem Glücksempfinden über die errungene Freiheit der ostdeutschen Landsleute gesellte sich freilich bald die besorgte Frage, ob die Deutschen diesem unerwarteten Ereignis auch gerecht würden.

Weizsäcker hatte Verständnis für ostdeutsche Bürgerrechtler, die vor einem überstürzten Beitritt der DDR zur Bundesrepublik warnten und mehr Raum für eigene Entwicklungen verlangten. Aber er sah auch, dass die Zeit für die internationale Absicherung der von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen gewünschten Vereinigung knapp wurde und man schnell handeln musste. Vor allem deshalb, weil die Sowjetunion zu zerbrechen drohte und KP-Chef Michail Gorbatschow, dem der Fall der Mauer mit zu verdanken war, vor der Entmachtung stand.

Während Bonner Regierungspolitiker den Takt für die Arbeit an der staatlichen Vereinigung vorgaben, erinnerte der Bundespräsident die Menschen in der alten Bundesrepublik eindringlich an ihre Verantwortung. „Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen“, mahnte er immer wieder. Zugleich warnte er davor, sich als Sieger der Geschichte aufzuspielen und mit großen Tönen und Reden „loszuballern“.  Weizsäcker: „Im Westen haben wir die Freiheit geschenkt bekommen, der Osten hat sie erkämpft.“

Eine Idealbesetzung als Bundespräsident

Obwohl  Weizsäckers zehnjährige Dienstzeit als Staatsoberhaupt 1994 endete und ihm in Roman Herzog, Johannes Rau, Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck bereits fünf Amtskollegen folgten, hat sich das Bild vom feinsinnigen Aristokraten in der Villa Hammerschmidt und im Schloss Bellevue bei vielen Bürgern dauerhaft eingeprägt.

Für sie war der Mann mit der Silberlocke, der Stilgefühl mit unaufdringlicher Eleganz verband, ein Glücksfall, nahezu die Idealbesetzung eines Bundespräsidenten: eine geistige und moralische Autorität, umfassend gebildet, geschichtsbewusst, vielsprachig und gewandt, elitär und trotzdem lebensnah, volksverbunden, aber nicht leutselig, auf Ausgleich bedacht und doch nicht konfliktscheu.

Für nicht wenige Deutsche befriedigte er die heimliche Sehnsucht nach einem Monarchen, zu dem man aufschauen kann. Dass er bei aller Volkstümlichkeit bei öffentlichen Auftritten auch Distanz hielt, stand dem nicht entgegen. Sein Amtsverständnis hat er einmal so beschrieben: „Für unser Land ist nicht wichtig, ob der Bundespräsident mehr Kompetenzen hat, sondern ob er etwas zur Orientierung beitragen kann.“

Mit Berlin fühlte sich Richard von Weizsäcker auf engste verbunden. „Mein Weltbild ist im wesentlichen dort entstanden“, sagte er in einem Interview mit dem „Spiegel“. Obwohl als Spross einer württembergischen Adelsfamilie in Stuttgart geboren und viele Jahre in Bonn zu Hause, betrachtete er die alte Hauptstadt als seine Lebensaufgabe. Hier ist er aufgewachsen, hier hat er Abitur gemacht und im benachbarten Potsdam beim Militär gedient. Als er im Juni 1981 zum Regierenden Bürgermeister gewählt wurde, avancierte er durch seine ausgleichende Amtsführung zu einem der beliebtesten Repräsentanten der Stadt. Dass er nach der Vereinigung für Berlin als Hauptstadt plädierte, konnte niemanden überraschen.

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Die behäbige Art, wie Regierung und Bundestag den 1991 beschlossenen Umzug an die Spree umzusetzen gedachten, missfiel dem Bundespräsidenten und veranlasste ihn zum Handeln. Im März 1993 teilte er mit, dass er vom kommenden Winter an seine Amtsgeschäfte hauptsächlich von Berlin aus führen werde. Tatsächlich verlegte er im Januar des folgenden Jahres den traditionellen Neujahrsempfang ins Schloss Bellevue. Die ausländischen Botschafter und Geschäftsträger ließ er mit einer Sondermaschine der Luftwaffe von Bonn nach Berlin-Tegel einfliegen. „Von hier aus“, sagte er in seiner Ansprache vor den Exellenzen, „wird Deutschland wieder seinen Platz in der Völkerfamilie bestimmen.“ Wenig später bezog der Bundespräsident auch privat ein Haus in Berlin. Bundesregierung und Bundestag folgten erst 1999.

Unvergessene Rede

Weizsäckers nachdenkliche, ausgefeilte Reden füllen viele Bände. Keine hat im In- und Ausland so viel Aufsehen erregt und ist so oft anerkennend zitiert worden wie die vom 8. Mai 1985. Da stand er am Rednerpult im Plenarsaal des Bundestages in Bonn und erinnerte an das Ende des Zweiten Weltkrieges 40 Jahre zuvor. Er sprach von den unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen im Jahr 1945, von dem, was sie erleiden mussten und von der Notwendigkeit, ehrlich mit diesem Datum und seinen Folgen umzugehen.

So oder ähnlich hatten auch schon andere Redner formuliert. Aber dann kam ein Satz, der die Zuhörer aufhorchen ließ: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Die Gesichter mancher Abgeordneten, die das Kriegsende lieber  als „Zusammenbruch“ bezeichneten, versteinerten. Andere Zuhörer traf die Rede, wie der Biograf Hermann Rudolph notierte, „mit der befreienden Kraft, die ein lange erwartetes erlösendes Wort zu entfalten vermag“.

Um zu verstehen, wie Weizsäcker zur Einsicht seines Schlüsselsatzes kam, hilft ein Blick auf seine Familiengeschichte. Sein Vater Ernst von Weizsäcker war in der NS-Zeit unter Joachim von Ribbentrop Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Ein US-amerikanisches Militärgericht in Nürnberg verurteilte ihn zu einer mehrjährigen Haftstrafe, die er aber nicht vollständig verbüßen musste. Sohn Richard, damals Jura-Student und davon überzeugt, dass sein Vater Schlimmeres verhindert habe, half als Assistent bei der Verteidigung. Das Verfahren diente dem Junior als Lehrstunde. Von da an war er der westdeutschen Öffentlichkeit an Bereitschaft zur selbstkritischen Reflexion weit voraus.

„Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart.“ Auch dieser Satz Weizsäckers gründet sich auf eigene Erfahrungen. Den Zweiten Weltkrieg hat er von Anfang bis Ende als Soldat erlebt. Die meiste Zeit an der Ostfront. Seine Einheit gehörte zu den Truppen, die am 1. September 1939 in Polen einfielen. Einen Tag später starb sein Bruder Heinrich bei einem Gefecht. „Meine Generation hat von den Polen wenig bis nichts gewusst. Von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, der Festigkeit ihrer Identität“, hat er in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ erzählt.

Umso stärker hat er sich später dem östlichen Nachbarland zugewandt. Schon 1962, lange vor der Ostpolitik Willy Brandts, die er nachdrücklich unterstütze, hat er sich für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ausgesprochen. Die Ost-Denkschrift der Evangelischen Kirche, die zu einer Versöhnung mit den Völkern Osteuropas aufrief, hat er mitverfasst. Und in der hitzigen Debatte 1972 über die Ostverträge trug er durch sein Auftreten im Bundestag dazu bei, dass die CDU/CSU-Opposition ihre schroff ablehnende Haltung änderte und die von der SPD/FDP-Koalition ausgehandelten Abkommen passieren ließ.

Später Einstieg in die Politik 

Richard von Weizsäcker, der seine juristische Ausbildung mit dem Assessorexamen und einer Dissertation abschloss, war als Politiker ein Späteinsteiger. Bevor er, seit 1953 CDU-Mitglied, in seiner Partei Karriere machte, hatte er sich in der Privatwirtschaft als Banker und Manager bewährt. Zwölf Jahre, von 1969 bis 1981, war er Mitglied des Bundestages, zuletzt in der Funktion eines Vizepräsidenten. 18 Jahre saß er im CDU-Bundesvorstand, zeitweise leitete er die Grundsatzprogramm-Kommission. Als ihn seine Partei 1974 erstmals als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominierte, unterlag er dem Freidemokraten Walter Scheel. Zehn Jahre später löste er Carl Carstens in der Funktion des Staatsoberhauptes ab. 1989 hatte sich Weizsäcker über alle Parteien hinweg so viel Respekt erworben, dass die Opposition (SPD und Grüne) auf einen Gegenkandidaten verzichtete.

Nicht wenige Unions-Abgeordnete beobachteten die Amtsführung Weizsäckers dagegen mit wachsendem Argwohn. Sie hielten es für überzogen, wie er sich in die Debatte über die großen Probleme der Zeit einmischte. Sie fühlten sich provoziert, als er den Parteien vorhielt, ihnen gehe es vorrangig darum, an der Macht zu bleiben statt Probleme des Landes zu lösen. Besonders Kanzler Helmut Kohl fühlte sich herausgefordert, als Weizsäcker den Regierenden vorwarf, sie seien „machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen Führungsaufgaben.“

Als Kohl noch Regierungs- und Parteichef in Rheinland-Pfalz war, hatte er den Freiherrn als politisches Talent entdeckt und seither protegiert. Dafür erwartete er Dankbarkeit, zumindest Gefolgschaft. Aber Weizsäcker wollte „kein Präsident von den Gnaden einer Partei sein“, wie sein früherer Pressesprecher Friedbert Pflüger feststellte. So war das Verhältnis zwischen Kanzler und Präsident von Anfang an gespannt, am Ende gar zerrüttet. Die Führung, die Kohl mit der „geistig-moralischen Wende“ versprochen, aber nicht eingelöst hatte, übernahm Richard von Weizsäcker.

Als Alt-Bundespräsident wechselte er in eine neue Rolle, die des öffentlichen Privatmannes. Er schrieb Bücher, korrespondierte, gab Interviews, hielt Vorträge, engagierte sich in Stiftungen, arbeitete in diversen nationalen und internationalen Kommissionen und pflegte ein dichtes Netzwerk von Freunden.

Die Neugier des vierfachen Vaters auf die Menschen und die Entwicklung seiner Umwelt ließ kaum nach. Gewiss, so räumte er ein: „Die Leistungsfähigkeit hat abgenommen.“ Den jährlichen Erwerb des Sportabzeichens musste er schon vor geraumer Zeit aufgeben. Aber der Drang zur körperlichen und geistigen Aktivität ist lange geblieben. So kommentierte er nach wie vor den Gang der Vereinigung, die ihm immer am Herzen gelegen hatte - bis zuletzt.

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