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Eine Liebe in Israel

Kamal ist Araber und Natascha russische Jüdin. Für ihr Glück mussten sie viele Hürden nehmen

Von GEMMA PÖRZGEN

Die Liebesgeschichte begann am Telefon. Als Kamal den Hörer abhob, hatte sich eine junge Frau verwählt. Doch die warme Stimme mit dem russischen Akzent gefiel dem israelischen Araber so sehr, dass er die Wiederwahltaste drückte, neugierig zurückrief und die geheimnisvolle Fremde in ein erstes Gespräch verwickelte. "Sechs Monate lang haben wir miteinander telefoniert", erinnert sich Natascha daran, wie sich die beiden vor vier Jahren zunächst in größeren Abständen, dann täglich von ihren unterschiedlichen Leben erzählten.

Die jüdische Einwanderin aus der Ukraine war damals erst ein paar Monate in Israel, kannte noch wenig Leute und sprach erst gebrochen Hebräisch. Kamal wurde am Telefon schnell ihr wichtigster Ratgeber im neuen Land, warnte sie wie ein großer Bruder vor zweifelhaften Job-Angeboten, und das Gespräch mit ihm half dabei, ihre hebräischen Sprachkenntnisse auszubauen.

Abschied von Kiew

Zusammen mit ihrer Mutter hatte die russische Jüdin die alte Heimat verlassen, um einen Neuanfang zu wagen. Die Auswirkungen der Atomkatastrophe von Tschernobyl, die Ermordung des älteren Bruders und der wirtschaftliche Niedergang der Ukraine waren Schicksalsschläge, die den Abschied von der Heimatstadt Kiew leichter machten. Mutter und Tochter zogen in die Einwandererstadt Maalot-Tarshiha im Norden Israels, nur wenige Kilometer von der Grenze zum Libanon entfernt. Rund 70 Prozent der Einwohner von Maalot stammen aus der früheren Sowjetunion. Die russischen Bekannten warnten Natascha gleich vor den "Arabern", deren schmuckes Dorf Tarshiha auf der gegenüberliegenden Seite der Schnellstraße liegt. Maalot und Tarshiha bilden seit 1963 eine gemeinsame Stadt von rund 20 000 Einwohnern, die in Israel als gelungenes Modell jüdisch-arabischen Zusammenlebens gilt.

Anders als die meisten russischen Einwanderer hatte Natascha wenig Vorurteile gegenüber den arabischen Nachbarn. "Schon in Kiew hatte ich gute Freunde aus Afghanistan", erzählt sie von einer Flüchtlingsfamilie, die damals in der Nachbarschaft wohnte. Sie gewährten ihr ganz neue Einblicke in fremde Traditionen, ließen sie exotische Speisen kosten und machten die neugierige Russin erstmals auch mit dem Islam bekannt.

Mit Kamal traf sich Natascha schließlich erstmals zu einem Spaziergang, und es war Liebe auf den ersten Blick. "Es war wie im Kino", sagt Kamal lachend, wenn er von der ersten Begegnung mit der zierlichen, langhaarigen Natascha erzählt. Der kräftige 32-Jährige sitzt auf einem mächtigen Ledersofa im Wohnzimmer seines Hauses und ist inzwischen seit mehr als zwei Jahren mit Natascha verheiratet. Die 26-Jährige ist hochschwanger und erwartet in wenigen Tagen die zweite Tochter. Das erste Kind, die zweijährige Genevieve kann noch nicht richtig sprechen, wird aber ganz selbstverständlich mit drei Sprachen groß.

"Wir kennen noch zwei solche Paare wie uns hier im Dorf", erzählt Natascha. Eine der Frauen sei eine tiefreligiöse Moslemin geworden und habe sich sogar vollständig verhüllt. Auch in den Nachbardörfern seien Beziehungen zwischen israelischen Arabern und eingewanderten russischen Jüdinnen nicht mehr ungewöhnlich. Die Zeitung Haaretz glaubt bereits einen neuen Trend in der israelischen Gesellschaft auszumachen.

Kamal hat eine jungenhafte, offene Art auf Menschen zuzugehen. Anders als viele andere israelische Araber sieht er sich selbst als überzeugten Israeli und ist stolz auf sein Land. Deshalb ging er nach ein paar Gelegenheitsjobs gerne als Berufssoldat zur israelischen Armee, um sein Land zu verteidigen. Während des Libanon-Krieges diente Kamal als Minensucher und wurde 1996 bei einer Explosion so schwer verletzt, dass er ein halbes Jahr im Krankenhaus liegen musste. Seither gilt der junge Mann als Kriegsinvalide. Der Staat überweist monatlich eine Rente, die ein gesichertes Leben ermöglicht. Zusätzlich eröffnet das Paar im Untergeschoss ihres Hauses im Sommer auch noch ein Lebensmittelgeschäft, dass Natascha in die Hand nehmen will.

Auf dem Weg zu ihrem Glück hatten Kamal und Natascha aber viele Widerstände zu überwinden. Vor allem die beiden Mütter waren zunächst gegen die Verbindung. Erst Kamals älterer Bruder schaffte es, die arabische Großfamilie davon zu überzeugen, dass Natascha nicht etwa ein "russisches Flittchen" war. Auch Nataschas Mutter fürchtete zunächst, ihre einzige Tochter in der Fremde ganz an "den Araber" zu verlieren.

Die schwierigste Klippe war aber Nataschas Übertritt zum Islam. Ihr selbst machte der erforderliche Religionswechsel wenig Probleme "Es ist doch immer der eine Gott, egal in welchem Glauben", ist sie überzeugt. Aber die junge Frau musste zunächst vier Mal im Religionsministerium in Jerusalem vorsprechen, bis sie die notwendigen Papiere in den Händen hielt. "Die haben alles versucht, um mich einzuschüchtern", erinnert sie sich bitter an die erniedrigenden Behördengänge. "Der Beamte hat mir gedroht, ich müsse alles Geld zurückzahlen, dass mir die Integration ermöglicht hat." Auch Beschimpfungen musste Natascha ertragen. Warum sie überhaupt nach Israel gekommen sei, wurde sie gefragt. Die junge Frau fühlte sich tief verletzt, schließlich ist Israel längst ihre Heimat geworden.

Im Rückblick hat sie aber etwas mehr Verständnis entwickelt: "Man muss auch verstehen, dass es für den jüdischen Staat schwer ist, seine jüdischen Bürger zu verlieren", sagt sie heute. 700 Gäste kamen schließlich zur Hochzeit, aber von Nataschas Seite erschienen nur zwei Freunde zum großen Fest.

Der Koran auf Russisch

Längst gehören für die beiden solche Konflikte der Vergangenheit an. Für Kamal, der selbst aus einer Großfamilie stammt, war es selbstverständlich, dass auch Nataschas Mutter bald mit ins Haus zog. Seit zwei Monaten sind auch deren 65-jährige Schwester Polja und die 90-jährige Großmutter aus Kiew dazugekommen, die aber nur jiddisch und russisch spricht. Mit der Verständigung klappt es trotzdem, und der Hausherr scheint es sichtbar zu genießen, dass sich nun so viele Frauen um das Wohl im Hause sorgen. Zum Mittagessen macht sich der Geruch russischer Speisen breit, wobei Natascha dank der arabischen Schwiegermutter ihren Speiseplan längst um das Aroma orientalischer Gewürze und Kräuter erweitert hat. Wenn der Fernseher läuft, wird vom arabischen Sender Al Dschasira auf israelische oder russische Sender hin- und hergeschaltet. Die Familie hat längst alle scheinbaren Gegensätze in sich vereint. Auf dem Wohnzimmerschrank stehen die ukrainische Souvenirs neben den hebräischen Büchern über den Libanon-Krieg, und daneben der Koran auf Russisch.

Dossier: Der Nahost-Konflikt

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