Militärische Geste: Trump schreitet die Polizeireihen in Washington ab.
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Militärische Geste: Trump schreitet die Polizeireihen in Washington ab.

Interview

„Das ist eine Kultur des weißen Machismo“

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Wissenschaftler Rafael Behr über die Dominanz der Polizei in den USA.

Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei in Hamburg.

Herr Behr, wie nehmen Sie das Verhalten der Polizei in den Vereinigten Staaten wahr?

Der Rassismus ist in der amerikanischen Polizei seit langem tief verwurzelt. Das geht über Einzelfälle weit hinaus.

Können Sie das etwas näher ausführen?

Die Schwarzen in den USA sind in der Regel ärmer, haben eine schlechtere Bildung, sind aufgrund ihrer sozialen Lage häufiger auf den Straßen zu sehen und werden dadurch auch häufiger zu Objekten polizeilicher Kontrolle. Außerdem sind in den USA viel mehr Waffen im Umlauf als in Deutschland. Das hat zur Folge, dass sich Polizisten ihrerseits stärker bedroht fühlen, was sie dann wiederum härter und rigoroser vorgehen lässt, als wir das von Deutschland kennen. Die „Cop Culture“ – also die Kultur der Polizisten – ist in den USA eine Kultur des weißen Machismo. Sie fußt auf der Erwartung von und der Aufforderung zur Unterwerfung. Diese Aufforderung richtet sich in erster Linie gegen Minderheiten, zu denen die Schwarzen gehören. Das ist Dominanzkultur in Reinform, und dazu gehört auch der institutionelle Rassismus.

Welche Wirkung hat das Verhalten von US-Präsident Donald Trump in dieser Situation?

Trump bestätigt das Dominanzgebaren. Er gibt der Polizei Rückenwind, und er droht ihr auch. Allerdings ist die Polizei keine geschlossene Gesellschaft. Dort besteht die Chance zur internen Diskussion und zur Auflösung der starren Muster. Wenn Nationalgarde und Armee zum Einsatz kommen, dann ist mit einer weiteren Eskalation zu rechnen. Beide sind weniger kommunikativ als die Polizei. Bei der Polizei besteht die Chance zur Befriedung.

Mit welchem Verlauf des Konflikts rechnen Sie?

Rafael Behr.

Im Augenblick sind unter den Demonstrierenden noch viele Plünderer und Trittbrettfahrer, die die Situation ausnutzen für schiere Gewalt. Das ist der Verlauf, den wir von anderen „riots“ kennen. Doch die kritische Masse für einen Bürgerkrieg ist noch lange nicht erreicht. Und irgendwann tritt auf beiden Seiten auch eine Ermüdung ein. Schon jetzt melden sich vermehrt zivilere Stimmen zu Wort. Ich rechne deshalb mit einer Beruhigung der Lage.

In Deutschland gibt es – spätestens seit dem NSU-Komplex – auch immer wieder Hinweise auf rassistisches Gedankengut und rechtsradikale Tendenzen in den Sicherheitsbehörden. Sehen Sie da Parallelen?

Man kann die Verhältnisse in den USA und bei uns nicht vergleichen. Die „Cop Culture“ in den USA ist dominant und gewaltaffin. Diese Macho-Kultur gibt bei uns so nicht. Nehmen Sie nur den Tod von George Floyd. Dass einer der drei Polizisten ihm minutenlang das Knie in den Nacken drückte und seine beiden Kollegen nicht eingriffen, deutet darauf hin, dass es sich um ein Ausbildungsmuster handelt. Sonst hätten die Kollegen nicht so passiv dabei gestanden.

Und so etwas gibt es bei uns in Deutschland nicht?

Jemanden auf diese Weise handlungsunfähig zu machen, koste es, was es wolle – das scheint in der amerikanischen Polizei ganz normal zu sein. Dieses Ausmaß an Brutalität haben wir in der deutschen Polizei nicht. Wir haben auch nicht dieses ausgeprägte Denken nach dem Motto: „Wer nicht mein Freund ist, der ist mein Feind.“ Da sehe ich wesentlich zivilere Formen bei der Polizei im Umgang mit dem Publikum. Aber von Rassismus und Rigorismus frei ist die deutsche Polizei ebenfalls nicht.

Interview: Markus Decker

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