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„Eine Kultur des Wegschauens“

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Von: Ruth Herberg

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Jakob Springfeld
Jakob Springfeld © Calvin Thomas/Bastei Lübbe-Verlag

Jakob Springfeld über seine Jugend im sächsischen Zwickau, Neonazis im öffentlichen Raum und den Nachholbedarf der Polizei

Herr Springfeld, Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie sehr behütet in Zwickau aufgewachsen sind und lange nichts mitbekommen haben von den rechtsextremen Strukturen dort. Wann hat sich das geändert?

Zum allerersten Mal ist mir das bewusst geworden, als sich mein Vater in der Flüchtlingshilfe engagiert hat und ich dort einen guten Freund kennengelernt habe, Mostafa. Damals gab es die sogenannten Spaziergänge hier in Zwickau, bei denen Menschen Dinge über Geflüchtete erzählt haben, die dem diametral entgegen standen, was ich von Mostafa kannte. Das waren riesige Demonstrationen, bei denen sich der Hass kanalisiert hat und im Kern rassistische Sachen erzählt worden sind. Mit dem NSU wiederum habe ich mich erst so richtig befasst, als 2019 der Gedenkbaum für Enver Simsek, das erste Mordopfer des NSU, abgesägt und die Gedenkbank zerstört wurde, mutmaßlich von Neonazis.

Inwiefern?

In den Medien war das damals total groß, aber das Verrückte war: Viele Menschen, an meiner Schule und auch sonst in der Stadtgesellschaft in Zwickau, wussten bis dahin gar nichts von diesem Baum. Wir als Schüler:innen haben dann eine Gedenkminute organisiert, sind in der Mittagspause zu dem abgesägten Baum und der zerstörten Bank gegangen.

Was sagt es aus, dass so viele Menschen in Zwickau nichts von dem Gedenkort wussten?

Das zeigt, dass es immer noch zu wenig Diskussionsräume über den NSU, Rassismus und Rechtsextremismus gibt. Viele Menschen in der Stadt denken, dass es das Image der Stadt verschlechtert, wenn man über diese schwierigen Themen spricht. Aber das Image der Stadt ist ja schon schlecht, weil es diese gefestigten rechten Strukturen gibt. Man kann es nur verbessern, indem man darüber spricht. Im Unterricht zum Beispiel war der NSU nie wirklich Thema. Aber gerade in Zwickau als „Täterstadt“ muss das in jeder Schule dazugehören.“

Sie selbst werden seit einigen Jahren von Neonazis bedroht. Wie oft erleben Sie das?

Seit ich 2020 zum Studium nach Halle gezogen bin, ist es sehr viel weniger geworden. Da bin ich relativ anonym unterwegs. Auch in Zwickau kommt es nicht mehr so oft vor, was aber vor allem daran liegt, dass ich abends nicht mehr alleine durch die Stadt laufe. Wenn wir in diesem Herbst eine Gegendemonstration zu den Montagsprotesten veranstalten, eskortiert uns die Polizei danach zu Bus und Bahn, weil anders unsere Sicherheit nicht gewährleistet werden könnte. Ich bekomme immer mal wieder Hassnachrichten, aber die ernsthaften Bedrohungen haben abgenommen. Ich bin vorsichtiger geworden und die Betroffenenberatungsstelle RAA Sachsen hat mir sehr geholfen.

Wie sah diese Hilfe aus?

Alles ging damit los, dass ein Neonazi Fotos von mir bei einer „Fridays for Future“-Demo gemacht und sie auf die russische Plattform vk.com gestellt hat. Freunde, die auch politisch aktiv sind, haben mir geraten mich an die RAA in Chemnitz zu wenden. Die beraten Leute, die von Rassismus betroffen sind oder allgemein von rechter Gewalt. Ganz konkret haben sie mich zum Beispiel darüber aufgeklärt, dass, wenn ich eine Anzeige stelle, in der Regel die Angezeigten über ihren Anwalt meine Adresse herausfinden können. Bei der Polizei sagt einem das erst mal niemand. Die Beratungsstelle hat mir auch empfohlen, eine Meldesperre zu beantragen.

Zur Person und Sache

Der Autor: Jakob Springfeld, 20, studiert in Halle Politikwissenschaft und Soziologie. Geboren und aufgewachsen ist er in Zwickau, wo er als Jugendlicher anfing, sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren. 2020 erhielt er die Theodor-Heuss-Medaille für besonderes Engagement für Demokratie und Bürgerrechte. thh

Das Buch: Springfeld, Jakob: Unter Nazis. Jung, ostdeutsch, gegen Rechts. Mit Issio Ehrich, Quadriga-Verlag, 192 S., 14,99 Euro

In Ihrem Buch erzählen Sie von der Chatgruppe „SOS-Fascho-Alarm“, in der mehrere politisch Aktive wie Sie sind, die über diese Gruppe eine Art Notruf absetzen können. Eine 3 vor einer Nachricht bedeutet „Holt mich so schnell es geht hier raus“. In welcher Situation haben Sie zuletzt eine 3 abgesetzt?

Ich war mit Freunden in der Stadt einen Döner essen, wurde danach zur Bahnhaltestelle gebracht und dachte mir: Jetzt kann nichts mehr passieren, ich bin ja in der Bahn. Bis ich festgestellt habe, dass zehn Meter von mir entfernt zwei Neonazis saßen und angefangen haben mich zu beleidigen. Ich saß erst alleine da und habe ich mich dann zu jemandem gesetzt und gesagt: Da hinten sind Neonazis, die beleidigen mich, ich habe gerade Angst und setze mich deswegen hierher. Diese Person hat aber nur gelächelt und gesagt „Die werden schon nichts machen“ und ist an der nächsten Haltestelle ausgestiegen. Das zeigt auch wieder, dass viele Menschen das Problem überhaupt nicht ernst nehmen und es als jugendlichen Spaß abtun. In der Situation habe ich in der Chatgruppe eine Nachricht mit einer 3 abgesetzt. Eine Freundin hat mich dann an der Haltestelle mit dem Auto abgeholt und nach Hause gefahren.

Die Anzeigen, die Sie stellen, werden oft nicht weiterverfolgt, etwa mit der Begründung, dass der Täter nicht ermittelt werden könne. Fühlen Sie sich von Polizei und Staatsanwaltschaft ausreichend geschützt?

Hasskriminalität im Netz zum Beispiel wird nach wie vor nicht ernst genommen. Es heißt dann, da erlaube sich jemand einen Spaß. Gleichzeitig werden wir bei Demonstrationen hier in Zwickau meistens stark von der Polizei begleitet. Bei den Montagsdemonstrationen dagegen, bei denen sich im Moment viele verschiedene Neonazi-Organisationen zusammenschließen und teilweise über 1000 Leute unterwegs sind, ist die Polizei manchmal nur mit zwei, drei Streifenwagen vor Ort. Der Fokus der Behörden liegt nicht auf dem Rechtsextremismus. Da besteht massiver Nachholbedarf, auch von städtischer Seite.

An was denken Sie da?

In Zwickau wirbt seit mehreren Jahren ein Neonazi auf Bussen der städtischen Verkehrsbetriebe mit einem Eisernen Kreuz für sein Tattoo-Studio. Dieser Mensch verbreitet im Netz Bilder von sich mit Waffen oder Bilder, die zeigen, dass er anderen Neonazis eine schwarze Sonne tätowiert. Es gibt überall eine Kultur des Wegschauens, auch in städtischen Behörden. Das Thema rückt erst in den Fokus, wenn irgendetwas passiert, wenn jemand angefeindet oder ein Gedenkbaum abgesägt wird. Dann distanziert man sich davon und positioniert sich irgendwie schwammig, aber dahinter stehen keine Strategien.

Wie erklären Sie sich das?

Auch in den Behörden wird das Problem teilweise nicht ernst genommen und Politik und Verwaltung sind dem, was sie in Sachsen vorfinden, nicht mehr gewachsen. Der NSU ist vor über zehn Jahren aufgeflogen und trotzdem sind noch immer Leute aus dem Umfeld aktiv, noch immer bestehen diese Strukturen, wachsen sogar weiter. Die Erkenntnis, dass Rechtsextremismus die größte Bedrohung für unsere Demokratie ist, kam einfach viel zu spät.

Interview: Ruth Herberg

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