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Lateinamerika

Eine kleine Geschichte der Gewalt

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Die Weltgeschichte ist gezeichnet von Gewalt. Aber Lateinamerika hat eine ganz eigene „Kultur“ kontinuierlicher Gewalt in vielfältigsten Formen entwickelt.

Prügel, Mord, Folter, Exekutionen haben immer und überall zum Arsenal der politischen Auseinandersetzung gehört. Die Weltgeschichte ist gezeichnet von Gewalt. Aber Lateinamerika hat eine ganz eigene „Kultur“ kontinuierlicher Gewalt in vielfältigsten Formen entwickelt.

21 Staaten existieren zwischen Rio Grande und Feuerland. Jedes hat seinen distinkten Charakter, wenn auch nicht ein einziges eine historische Kontinuität über die frühen Jahre des 19. Jahrhunderts nach hinten für sich beanspruchen kann.

Die erste Gewalttat seit der „Entdeckung“ dieser Region durch Europa ist quasi auch der erste dokumentierte Fall von biologischer Kriegsführung der Erdgeschichte – auch wenn die Konquistadoren und Missionare aus Spanien und Portugal nicht bewusst jene Mikroorganismen einschleppten, gegen die die indigenen Bevölkerungen keine Widerstandskräfte besaßen. Jedenfalls steht am Anfang der „zivilisierten“ Gewaltgeschichte Lateinamerikas mehrfacher Genozid.

Der koloniale Diskurs der Konquistadoren und ihrer Nachkommen rechtfertigt – wenn überhaupt – die Gewalt als „das einzige Mittel, das die Indios verstehen“. Das verweist auf die präkolonialen Kulturen, in denen Gewalt rituell integriert gewesen sein soll. Das gängigste Bild ist das des Herausschneidens der Herzen bei Lebenden.

Bis zur Unabhängigkeit Lateinamerikas herrschte in den spanischen, portugiesischen, französischen und holländischen Kolonien vornehmlich strukturelle Gewalt: Indigene, Exilierte und koloniales Fußvolk wurden zwecks Ausbeutung der natürlichen Ressourcen konsequent zu Tode gearbeitet.

Kaiser Napoleon Bonaparte zerschlug 1808 das marode Königreich Spanien (und handelte sich dort einen bis dahin in Europa nicht gekannten, völlig zügellosen Guerillakrieg ein – siehe Goyas „Desastres de la Guerra“). Für viele in den Kolonien war das ein Signal zum Kampf für die eigene Unabhängigkeit – ebenso viele meinten, loyal zur Spanischen Krone stehen zu müssen.

Von 1810 bis 1826 kämpfen königstreue Juntas gegen republikanische Libertadores. Während sich die vom französischen, britischen und nordamerikanischen Freiheitsdenken beeinflussten Simon Bolivar und José de San Martin als die hauptsächlichen Führer der Unabhängigkeitsbewegungen profilieren, erhält sich unter neuer „unabhängiger“ Regie das alte System von Ausbeutung und struktureller Benachteiligung. Vornehmlich britische Söldner erkämpfen die Unabhängigkeit des Kontinents, danach werden Bolivar und San Martin zu Ikonen erhoben und ins Exil gezwungen. Bolivar stirbt noch vor der Einschiffung 1830, San Martin 1850 im französischen Boulogne.

Brasilien geht einen anderen, aber genauso gewalttätigen Weg. Die vor Napoleon nach Brasilien geflüchtete Königsfamilie Portugals erklärt die Kolonie für gleichberechtigt mit dem „Mutterland“. Königssohn Pedro bleibt und krönt sich 1822 zum Kaiser. Das Kaiserreich Brasilien wird erst Ende des 19. Jahrhunderts zur Republik, als Landadel und Armee das Kaiserreich wegputschen. Weil es das Ende der Sklaverei verfügt hatte.

Lateinamerika wird seit so 1900 in vier oder fünf distinkten Teilen gedacht: Mexiko, Mittelamerika (Guatemala, Belize, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama), der spanische Teil (Kolumbien, Venezuela, Ecuador, Peru, Bolivien, Paraguay, Uruguay, Chile, Argentinien), Brasilien und die beiden Guyanas (französisch und niederländisch) und Surinam.

Die „unabhängigen“ Länder eint, dass ihre zivilen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten den Ressourcenreichtum vornehmlich zum Export nach Europa und in die USA entwickeln, sich selbst daran bereichern und die Mehrheit ihrer Bevölkerungen in völliger Armut, Unterdrückung und Vernachlässigung halten. Es gibt nur wenige zwischenstaatliche Konflikte, vor allem den Guanokrieg 1879 - 1883 zwischen Chile, Peru und Bolivien um Vogelscheiße als Naturdünger sowie den Chaco-Krieg 1932 - 1935 zwischen Bolivien und Paraguay um eine wertlose Einöde, in der man Erdölreichtümer sich erträumte.

Alle Staaten prägt, dass mal Militärs, mal reformerische oder revolutionäre Grundbesitzer, Bourgeois oder Intellektuelle einander in Guerilla-Kriegen, Putschen und Gegenputschen bekriegen. Das Fußvolk bilden immer jene weitgehend entrechteten Massen, die nichts zu verlieren haben, aber auch nie etwas gewinnen. Berüchtigt sind die auf Betreiben der United Fruit Company periodischen Interventionen von US-Truppen zur Sicherung der Ressourcen des Lebensmittelkonzerns, auch bekannt als „Bananenkriege“.

Herausragende Ausnahmen sind die Linken Jacobo Arbenz in Guatemala (1950 - 1954) und Salvador Allende in Chile (1970 - 1972). Zu ihrer Eliminierung bedient sich die CIA des jeweils lokalen Militärs und einiger vom Establishment freigehaltenen Mordbanden.

Das gewaltsame Aufrechterhalten alter Verhältnisse mittels eines willigen, mal uniformierten, mal zivilen „Lumpenproletariats“ erweist sich für alle Beteiligten im Laufe der jüngeren Jahrzehnte als eine profitable „Schattenwirtschaft“. Das langsame Erstarken städtischer linksliberaler Strömungen, indigener linker Bewegungen und heimischer verarbeitender Industrien drängt die Gewaltwirtschaft immer mehr ins Ländliche, in die rechtlosen Slums, in die Kasernen, Gefängnisse und schließlich in die organisierte Kriminalität ab.

Dort florieren sie angesichts der ungebrochen traditionell korrupten staatlichen Gewaltinstrumente bis zum heutigen Tag.

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