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Frankreich bebt

Ohrfeige für Macron: Eine Klatsche mit großem Echo

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Von links bis rechts wird die Ohrfeige für Präsident Macron als Anschlag auf die französische Demokratie gegeißelt. Der Täter las offenbar auch mal „Mein Kampf“.

Paris - Dynamisch wie immer, in Hemd und Krawatte eilt Emmanuel Macron auf die Zaungäste zu. Seine Sicherheitsleute kommen in dem Dorf im südfranzösischen Drôme gar nicht mit. Ein junger Mann in khakifarbenem T-Shirt und einem dicken Bart unter der Schutzmaske sagt etwas zu ihm – und dann verabreicht er dem Präsidenten eine Ohrfeige, deren Aufklatschen auf allen Aufnahmen gut zu hören sein werden. Sodann stürzen sich die Leibwächter auf den Täter und machen ihn dingfest.

Selten zuvor waren Frankreichs politische Reaktionen so einhellig wie in diesen Fall: „Über den Staatschef wurde die Demokratie anvisiert“, empörte sich Premierminister Jean Castex sogleich in der Nationalversammlung, wo sich die Abgeordneten spontan solidarisierten. Andere Staatslenker wie Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy waren auch schon attackiert worden, aber keiner so handgreiflich und demütigend.

Hält bestimmt niemandem mehr die andere Wange hin: Emmanuel Macron.

Mann ohrfeigt Emmanuel Macron: Empörung in Frankreich ist riesengroß

Die Empörung ist in Frankreich auch deshalb so groß, weil die Physis des Staatspräsidenten fast noch wie zu Zeiten der Monarchie auch eine symbolische Funktion hat. „Den Präsidenten physisch zu attackieren, bedeutet, Frankreich zu attackieren“, deklarierte der grüne Präsidentschaftsanwärter Yannick Jadot. Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon zeigte sich „solidarisch mit dem Präsidenten“. Die Rechtsextreme Marine Le Pen warnte, „nicht die geringste Geste, nicht die geringste Gewalt“ sei zulässig gegen einen politischen Gegner.

Macron setzte seine Tournee durch die Regionen noch am gleichen Tag fort und meinte nur, man müsse „diesen isolierten Zwischenfall relativieren“. Er widersprach sich allerdings gleich selber, indem er anfügte, hinter der Tat steckten „äußerst gewalttätige Individuen“.

Macron-Ohrfeiger hat zu Hause „Mein Kampf“ rumliegen

Zwei je 28-jährige Verdächtige wurden deshalb in Gewahrsam genommen. Der Ohrfeiger, ein gewisser Damien T., soll Royalist und Mittelalter-Fan sein. Vor seinem Schlag skandierte er die Parole der französischen Königstreuen, „Montjoie Saint-Denis“, gefolgt von: „Nieder mit der Macronie!“ Dass er zu Hause Hitlers „Mein Kampf“ herumliegen hatte, lässt aber eher auf einen Rechten als auf einen Königsnostalgiker tippen. Er soll auch harte Kampfsportarten betrieben und in sozialen Medien antisemitische Sprüche von sich gegeben haben. Wenige Stunden vor der Ohrfeige hatte ihn ein Fernsehjournalist neben zwei Kumpanen gefilmt. Sie erklärten, sie seien „eher für die Anarchie“ und hätten „Dinge zu sagen, die man nicht sagen darf“. Damien T. sagte kein Wort.

Die Tat aber reicht schon allemal dazu aus, eine Debatte über die Sicherheit politisch Aktiver loszutreten. Dem Täter wäre es ja ein Leichtes gewesen, eine versteckte Waffe einzusetzen. Macron entweicht seinem Personenschutz immer wieder, um direkten Kontakt mit dem „Volk“ zu suchen. Das tut er, gerade weil er als distanzierter Vertreter der Pariser Elite gilt. Nach der Gelbwesten-Krise von 2018 bekannte der als „Präsident der Reichen“ gebrandmarkte 43-Jährige etwas gewunden: „Ich lasse zweifellos etwas durchscheinen, was mir zwar nicht wirklich entspricht, aber etwas, das die Leute zu hassen begonnen haben.“

NameEmmanuel Jean-Michel Frédéric Macron
Geboren21. Dezember 1977
EhepartnerinBrigitte Macron (verh. 2007)
ParteiLa République en Marche
Amtszeitseit 14. Mai 2017

Ohrfeige für Macron: Mehr als nur Hass auf den Präsidenten

Der Hass auf Macron erklärt aber nicht alles. Die Ohrfeige wäre kaum möglich ohne die Atmosphäre der politischen Anspannung und Gewalt, die sich in Frankreich seit längerem ausbreitet. Vor den Regionalwahlen Ende Juni und den Präsidentschaftswahlen im Mai 2022 verschärft sich die politische Debatte auf beunruhigende Weise. Sender wie „CNews“ haben es sich zu einer Spezialität gemacht, die Grenzen der politischen Korrektheit zu sprengen. Das wirkt offenbar für viele im Land befreiend: Der kleine Sender hat seine Einschaltquoten in kurzer Zeit auf eine Million vervielfacht.

Ihr Hauptexponent Eric Zemmour, der schon wegen Rassenhass verurteilt wurde, will auch selbst bei den Präsidentschaftswahlen antreten und kam aus dem Stand auf 13 Prozent Zuspruch. Das beunruhigt dann auch die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die in der gleichen Wählerschaft fischt.

In Frankreich liegen die Nerven blank

Nerven zeigt aber auch Mélenchon. Anfang dieser Woche orakelte er, es würde ihn nicht wundern, wenn vor den Präsidentschaftswahlen ein Anschlag oder ein Mord stattfindet, der das Votum beeinflussen sollte. Das bringt dem Linken-Chef den Vorwurf ein, er verbreite Verschwörungsfantasien. Mélenchon konterte, ein rechter Youtuber namens Papacito habe höchstselbst die Ermordung eines Mélenchon-Wählers nachgestellt. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © Eric Gaillard/dpa

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