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Beate Klarsfeld - die Frau, die Kiesinger ohrfeigte.

Bundespräsidentenwahl

Eine Kandidatin aus Versehen

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Für Joachim Gauck will die Linkspartei bei der Bundespräsidentenwahl auf gar keinen Fall stimmen. Nach einigem Wirrwarr tritt Beate Klarsfeld nun für die Linke an.

Es war mal wieder typisch Linkspartei: Politik wird nicht gemacht, sondern gestolpert. Zuerst verplapperte sich Gesine Lötzsch, die Co-Vorsitzende. „Wenn ich mir eine Bundespräsidentin wünschen dürfte, dann wäre es eine Frau wie Beate Klarsfeld.“ Das sagte sie am Sonntag vor acht Tagen auf einem Linken-Landesparteitag in Brandenburg.
Beate Klarsfeld, 73, wohnhaft in Paris, erfuhr davon, freute sich über die netten Worte, hielt sie wohl für eine Art Aufforderung zum Tanz und, so wird in der Partei erzählt, rief den erstaunten Fraktionschef Gregor Gysi an und teilte ihm ihre Bereitschaft mit. Nun hatte die Linke - ungewollt, ungeplant, unorganisiert, unvorbereitet - ihre Kandidatin. Eine Dame, aus Versehen.
Daraufhin erhob sich ein Murren und Meckern innerhalb der Partei. Es gibt nämlich nicht wenige Linke, die fürchten, Klarsfeld könnte bei ihren Auftritten und Reden auch ein paar kritische Worte über den bedenklichen Zustand der Linkspartei verlieren. Immerhin gibt es ein Problem mit Israel und erkennbaren Antizionismus in ihren Reihen.

„Nazi, Nazi, Nazi!"

Daraufhin wurden zwei weitere Namen wurden ins Spiel geworfen: Christoph Butterwegge, 61, Sozialwissenschaftler aus Köln, ein Mann nach dem Geschmack von Co-Parteichef Klaus Ernst und Oskar Lafontaine. Und schließlich Luc Jochimsen, Linken-Bundestagsabgeordnete und Kandidatin 2010.
Am vergangenen Donnerstag ging dann alles durcheinander: Es gab eine Krisensitzung der Parteigrößen in Berlin – ohne Ergebnis. Am Sonntagabend verabschiedete sich dann der Kölner Butterwegge. Für ein „Triumvirat“ und eine Kampfkandidatur, so der irritierte Armutsforscher aus der rheinischen Karnevalshochburg, stehe er nicht zu Verfügung. Montagmorgen schließlich hüpfte Jochimsen vom Kandidatenkarussell.
Da war es nur noch eine. Seit Montag ist Beate Klarsfeld die Kandidatin der Linken. „Sie wäre eine hervorragende Präsidenten“, sagte Gesine Lötzsch am Montagmittag, als der geschäftsführende Parteivorstand einstimmig entschieden hatte. „Viele Menschen in der Republik bringen ihr Respekt entgegen.“

Im Berliner Karl-Liebknecht-Haus, der Linken-Zentrale, war sie allerdings nicht dabei, als Lötzsch und ihr Co-Vorsitzender Klaus Ernst das Ergebnis verkündeten. Klarsfeld soll demnächst auf Großveranstaltungen öffentlich vorgestellt werden.

Beate Klarsfeld, Wahlfranzösin, Jahrgang 1939, geboren in Berlin, seit 1960 in Paris lebend. Bekannt und berühmt wurde die zierliche Dame am 7. November 1968. Die CDU hielt in Berlin ihren Bundesparteitag ab. Klarsfeld marschierte zum Podium, wo Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger saß, baute sich vor ihm auf, verpasste ihm eine Ohrfeige und rief dazu: „Nazi, Nazi, Nazi!"

Eine lebenslang kämpferische Dame

Noch am selben Tag verurteilte sie ein Gericht zu einem Jahr Gefängnis; das Urteil wurde allerdings im folgenden Jahr in eine viermonatige Bewährungsstrafe umgewandelt.
Kiesinger, der Bundeskanzler, der im Dritten Reich als NSDAP-Mitglied im Außenministerium gearbeitet hatte, war ihr Thema. Ihn hatte sie vorher schon mehrfach in der Öffentlichkeit beschimpft. Seinetwegen hatte sie ihren Job als Sekretärin beim Deutsch-Französischen Jugendwerk verloren. Sie hatte Artikel gegen Kiesinger geschrieben – und war gefeuert worden. 1969 kandidierte sie sogar in Waldshut für die Partei „Aktion Demokratischer Fortschritt“ als Bundestagskandidatin gegen Kiesinger – und verlor klar.
Aber Kiesinger war nur Teil eines viel größeren Themas, das sie ihr Leben lang bewegen sollte: Nazis, die davongekommen sind. Das Vergessen und Verdrängen der Nachkriegsgeneration. Ihr hat das Streben nach Recht und Gerechtigkeit das Etikett „Nazijägerin“ eingebracht. Ein Anhängsel, das der lebenslang kämpferischen Dame Auszeichnung und Verpflichtung war.
Es ist aber auch ein Thema, das in Deutschland, wenige Tage nach der Trauerfeier für die Opfer der rechtsextremen Mörderbande NSU, nichts an Dringlichkeit verloren hat. Somit ist die alte Dame durchaus auch eine sehr aktuelle Kandidatin.

Klarsfeld half, Klaus Barbie zu stellen

Klarsfeld war immer eine mutige, aber nicht unbarmherzige Frau, die auch vor großen Risiken nicht Halt machte: Vor vierzig Jahren versuchte sie, Kurt Lischka aus Deutschland nach Frankreich zu entführen, den Mann, der an der Deportation Tausender Juden in den Tod beteiligt war. Der Coup scheiterte, sie und ihr Mann kamen mit einer Bewährungsstrafe davon. Ihr größter Erfolg war 1987 die Verurteilung von Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“. Klarsfeld hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass er gefasst wurde.

1963 heiratete sie den Journalisten Serge Klarsfeld, dessen jüdischer Vater im KZ Auschwitz umgebracht worden war. Einer ihrer Söhne ist heute Berater des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Ritter der Ehrenlegion

Deutschland hat ihr die politische Aufräumarbeit nie gedankt. 2009 hatte die Linke sie für ein Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. 2011 der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Das Auswärtige Amt, in Ordensdingen zuständig für Deutsche im Ausland, lehnte ab, im vergangenen Jahr auch Ex-Präsident Christian Wulff. Wahrscheinlich darf nicht geehrt werden, wer einmal einen Kanzler ohrfeigte Anders die Franzosen: Präsident Francois Mitterand machte Klarsfeld 1984 zum „Ritter der Ehrenlegion, Nicolas Sarkozy 2007 zum „Offizier der Ehrenlegion“.
Nun kandidiert sie, was ja auch eine kleine Ehre ist, für das Amt des Bundespräsidenten. Und sie wird, davon darf man ausgehen, den 18. März genießen.

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