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Eine israelische Stadt trotzt der Frontenbildung

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Von: Maria Sterkl

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Die Stadt Haifa in Israel
Die Stadt Haifa in Israel © imago images/Westend61

Russlandstämmige in Haifa sind deutlicher denn je gegen den Krieg in der Ukraine.

Bier in Doppelliterflaschen, Trockenfisch und jede Menge Wodka: Seit 18 Jahren versorgt „Putin Liquor“ die Menschen im belebten Viertel Hadar in der nordisraelischen Hafenstadt Haifa mit russischen Lebens- und Suchtmitteln.

Fast jeder vierte Mensch in Haifa hat Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion. In Geschäften wie „Putin Liquor“ finden sie die Konserven ihrer Kindheit. Am jüdischen Feiertag Sabbat, wenn die anderen Läden geschlossen sind, kaufen auch gebürtige Israelis hier ihre Notfallrationen an Milch und Toilettenpapier.

Vor 18 Jahren hat Olga Berenson den Laden in der Arlozorovstraße eröffnet. Stets trug dieser denselben Namen, der in einer Kombination aus hebräischen und lateinischen Namen von einem markanten Leuchtschild auf die Straße strahlte. Bis vor zwei Wochen. Da beschloss Berenson, das Leuchtschild zur Hälfte mit blauer Folie zu überkleben. Seither heißt der Shop nicht mehr „Putin Liquor“, sondern nur noch „Liquor“.

„Wir sind gegen diesen Krieg“, sagt Olga Berenson. Die gebürtige Russin führt das Geschäft mit einem ebenfalls russischstämmigen Geschäftspartner, im Team arbeiten aber auch Ukrainerinnen mit. Mira ist eine von ihnen. Sie nutzt ihre Arbeitspausen für Telefonate mit den Eltern, die im Westen der Ukraine wohnen. „Sie wollen nicht zu mir nach Israel kommen“, sagt „Mirusch“, wie sie liebevoll von ihrer Chefin genannt wird, während sie Bierflaschen schichtet. „Sie wollen bleiben, Flüchtlingen helfen und das Land verteidigen.“

Russischstämmige Israelis zum Krieg: Unter den älteren sind mehr Putin-Fans

„Wir hatten nichts Politisches im Sinn, als wir das Geschäft so nannten“, sagt Olga Berenson. „Wir wollten nur einen möglichst simplen Namen, der vermittelt, dass es hier Waren aus der früheren Sowjetunion gibt.“ Spätestens dann, als Putins Militär begann, ukrainische Städte zu bombardieren, verlor die in Haifa eingeführte Marke ihre Unschuld. „Das weckt bei viel zu vielen Menschen negative Gefühle.“

Die meisten russisch- oder ukrainischstämmigen Israelis leben seit der Masseneinwanderungswelle der Neunzigerjahre hier, viele kamen aber auch in den vergangenen zehn Jahren. Diese jüngere Einwanderergeneration wird oft „Putin-Einwanderungswelle“ genannt: Eine Umschreibung für die meist besser ausgebildeten Russ:innen, die sich aus Moskau und Sankt Petersburg nach Israel aufmachten, weil sie vor dem antidemokratischen Kurs des russischen Präsidenten flüchteten. Unter den älteren Immigrant:innen hingegen, die nur brüchiges Hebräisch sprechen und lesen und vorwiegend russische Nachrichten konsumieren, finde man hingegen noch mehr Putin-Fans, sagt die russischstämmige israelische Politikwissenschaftlern Ksenia Svetlova.

Dass der Krieg in der Ukraine auch in Haifa einen Keil zwischen russisch- und ukrainischstämmige Communities treiben könnte, glaubt in Haifa fast niemand. „Wir sind doch alle aus der Sowjetunion“, sagt Dani Hillel, ein Georgier, der ein Buchgeschäft auf der belebten Herzlstraße betreibt. „Dass die Russen Krieg gegen die Ukrainer führen, ist die größte Dummheit, die je jemandem einfallen konnte.“

Stimmung in Israel ist entschlossen

Hillel lebt seit 50 Jahren in Israel. Er ist Historiker, hat in Frankfurt seine Doktorarbeit über russische Geschichte geschrieben, spricht fünf Sprachen fließend und ist ein höflicher Mensch mit gewählter Ausdrucksweise. Wenn man ihn aber nach seiner Meinung zum russischen Präsidenten fragt, sagt er: „Putin ist ein Hurensohn, ich hasse ihn.“

Heute sei die Stimmung anders als 2014, als Russland auf der Krim einmarschierte, sagt Politologin Svetlova. Damals hätten sich die russischstämmigen Israelis weniger entschlossen davon distanziert, was zu Hause vorging. „Heute sehen sie, dass bedeutende Städte wie Kiew bombardiert werden – dafür haben viele Russen kein Verständnis“, sagt sie.

Am Tag der Invasion Russlands in der Ukraine hatten sich mehr als hundert Demonstrierende vor dem russischen Konsulat in Haifa versammelt, um gegen den Krieg zu demonstrieren, darunter auch Israelis mit Wurzeln in Russland und auch Belarus.

Meinungen zum Ukraine-Krieg in Israel: „Keiner ist für diesen Krieg“

Auch Buchhändler Dani Hillel hat ein „Nein zum Krieg“-Schild auf dem Büchertisch vor seinem Laden aufgestellt. „Sie werden in Haifa keinen einzigen Russen finden, der für diesen Krieg ist“, glaubt der 70-Jährige. 200 Meter weiter von Danis Buchladen steht die 50-jährige Tatjana vor einem russischen Lebensmittelgeschäft. Während sie auf eine Bekannte wartet, wischt sie sich auf ihrem Smartphone durch das in ihrem Facebook-Feed angezeigte Weltgeschehen.

Immer wieder schüttelt sie dabei den Kopf. Was sie über die Vorgänge in der Ukraine denke? „Was ich dazu zu sagen habe, gefällt vielen nicht“, schickt sie voraus. Natürlich sei auch sie gegen den Krieg, sagt Tatjana, „Krieg ist immer schlecht. Aber manchmal hat man eben keine andere Wahl.“ Etwa dann, wenn es um den Kampf gegen Nazis gehe. „Dass es in der Ukraine wahnsinnig viele Nazis gibt, ist eine Tatsache“, meint Tatjana, aber sie sagt es nicht zu laut. Auch ihren Nachnamen will sie nicht in der Zeitung lesen, sicher ist sicher.

Sicherheitsfaktoren sind es auch, die Israel zu seiner Zurückhaltung im Ukrainekonflikt bewegen: Den mehrmaligen Bitten des ukrainischen Präsidenten, Israel möge dem Land mit Abwehrsystemen beistehen, kam Jerusalem bis heute nicht nach.

Folgen des Ukraine-Kriegs in Israel: Manche sind pragmatisch

Viele Ukrainer:innen in Israel haben dafür kein Verständnis. Buchhändler Dani Hillel, der Verwandte in der Westukraine hat, sieht es differenzierter. „Wir dürfen Putin nicht verärgern“, glaubt er. „Sonst rächt er sich in Syrien an uns.“ Selbst ohne Sanktionen werden ihr die russischen und ukrainischen Waren langsam aber sicher ausgehen, glaubt Berenson vom „Liquor“-Markt. Noch sind die Regale zwar gut gefüllt. Manche Vorräte gehen aber schon zur Neige. Das ukrainische Obolon-Dosenbier ist nur noch in der alkoholfreien Variante erhältlich. Die Unternehmerin sieht es pragmatisch. Wenn der Krieg nicht bald ein Ende nehme, „dann werden wir eben andere Dinge verkaufen müssen“, sagt Olga. „Politik ist Politik und Geschäft ist Geschäft.“

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