Mainz vom Dom herab: In der kommenden Woche fällt hier eine folgenreiche Entscheidung für die deutschen Katholiken. F. von Erichsen/dpa
+
Mainz vom Dom herab: In der kommenden Woche fällt hier eine folgenreiche Entscheidung für die deutschen Katholiken. 

Interview

„Eine Illusion“

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
    schließen

Theologe Michael Seewald über die Reformhoffnungen von Katholiken.

Herr Seewald, Kardinal Marx hat für einen jüngeren Bischof als Nachfolger plädiert. In wem sehen Sie als junger Theologe den künftigen Vorsitzenden?

Es müsste ein Mann mit Integrationskraft sein, der die auseinanderstrebenden Teile der Bischofskonferenz zusammenhält und zugleich die Führungsstärke hat, den Synodalen Weg gegen Widerstände innerhalb der Konferenz fortzusetzen.

Es geht dabei um Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal. Wie sollte der neue Vorsitzende sich dazu positionieren?

Er hat es nicht leicht, weil er von zwei Seiten in die Zange genommen wird: von einer kleinen, aber lauten Minderheit deutscher Bischöfe, die keinerlei Veränderung will, und von der römischen Kurie, die diesen Bischöfen Schützenhilfe leistet. Mit dem Papstschreiben „Querida Amazonia“ sind zwei der vier Foren des Synodalen Weges bereits erledigt, bevor sie ihre Arbeit begonnen haben. Denn nach diesem Schreiben ist klar: Für Frauen wird sich in der Kirche nichts zum Besseren wenden, und Veränderungen an der ehelosen Lebensform der Priester wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Dann ist der Synodale Weg eine Sackgasse?

Michael Seewald, 32, ist Professor für katholische Dogmatik an der Universität Münster.

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Deutschland 2022 etwas bekommt, das Amazonien 2020 verweigert wurde. Es bleibt also bei der alten Masche: Man versucht, die Menschen tatkräftig an Zukunftsvisionen mitarbeiten zu lassen, damit sie das Gefühl bekommen, etwas bewirken zu können. Bis sie merken, dass das eine Illusion war und nichts passiert ist, sind wieder ein paar Jahre ins Land gegangen. Irgendwann ist dieses Spiel von Ankündigung, Hoffnung, Enttäuschung und neuer Ankündigung aber ausgespielt.

Der neue Vorsitzende riskiert also schon jetzt, der Totengräber des Synodalen Wegs zu werden?

Er könnte auch der Märtyrer des Synodalen Weges werden, wenn er sich für dessen Beschlüsse engagiert und in Rom scheitert.

Es gibt die Befürchtung, dass sich die deutsche Kirche in eine Daueropposition zu Rom begibt. Ist da etwas dran?

Nein. Ich kenne niemanden, der sich von Rom lossagen will. Was sich viele Katholiken in Deutschland, übrigens mit guten theologischen Gründen, wünschen, ist ein Verständnis von Einheit, das regionale Unterschiede einschließt – als eine Weitung dessen, was „katholisch sein“ bedeuten kann.

Interview: Joachim Frank

Kommentare