Eine hohe Zahl von Opferlämmern schützt den US-Präsidenten

Die Demokraten wollen Kapital aus der Uran-Lüge der Bush-Regierung schlagen, doch die Halbwertszeit der Affäre ist kurz

Von Matthias B. Krause (New York)

Natürlich ließen sich die Demokraten die Vorlage nicht entgehen. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen titelten sie am Wochenende: "Amerika nahm Präsident Bush beim Wort". Darunter ein Porträt des US-Präsidenten George W. Bush während seiner Rede an die Nation und dessen Behauptung, Irak habe versucht, sich Uran in Afrika zu besorgen. Weiter heißt es: "Aber jetzt haben wir herausgefunden, dass es nicht wahr ist. Die CIA wusste es. Das State Department wusste es. Das Weiße Haus wusste es. Aber er hat es trotzdem gesagt. Es ist Zeit, die Wahrheit zu erzählen."

Trotz der Kampagne besitzt die Affäre um die Uran-Lüge nur eine geringe Halbwertszeit. Nachdem das Weiße Haus zunächst glaubte, den Fall mit ein paar patzigen Worten abtun zu können (Sprecher Ari Fleischer: "Was geschrieben wird, ist alles ein großer Haufen Mist."), präsentierte es schließlich in schneller Folge drei reuige Sünder.

Zunächst bekannte sich CIA-Chef George Tenet schuldig, die falsche Behauptung nicht aus der Rede gestrichen zu haben. Dann gab Vize-Sicherheitsberater Stephen Hadley zu, dass er um die Unzuverlässigkeit der Quellen wusste. Schließlich übernahm seine Chefin Condoleezza Rice "die Verantwortung" - und Bush beeilte sich, den Geständigen Absolution zu erteilen.

Bevor die Öffentlichkeit über die hohe Zahl der Opferlämmer ins Grübeln kam, drängte auch schon die Meldung vom Tod der beiden Hussein-Söhne in die Nachrichten. Am Donnerstag schließlich veröffentlichte der Kongress seinen Bericht zum Versagen der Geheimdienste vor den Anschlägen vom 11. September. Derzeit sieht es so aus, als habe Bush seinen Kopf in der Uran-Affäre aus der Schlinge gezogen. Zumal niemand auf die Idee kam, den Präsidenten zu fragen, warum er nicht selbst über die strittige Passage stolperte. War es nicht sonderbar, dass sich das Land mit dem größten Geheimdienst der Welt in so einer heiklen Angelegenheit auf den britischen Verbündeten berief?

Ein Blick auf die Chronologie der Affäre im Zeitraffer: Als Vize-Präsident Dick Cheney im Frühjahr 2002 hört, dass Saddam Hussein angeblich versucht, atombombenfähiges Uran im Niger zu erwerben, fordert er  den CIA auf, sich den Fall näher anzusehen. Der vom Nachrichtendienst beauftragte Ex-Botschafter Joseph C. Wilson kommt nach Recherchen vor Ort zu dem Schluss, es handelt sich um eine Falschmeldung. Dennoch tauchen sechs Monate später dieselben Behauptungen in London auf, die britische Regierung wiederholt die Mär des versuchten Urankaufs.

In Washington verwendet die Bush-Regierung daraufhin den nicht stichhaltigen Beweis, um vom Kongress die Kriegsermächtigung zu erwirken. Nur weil im Oktober CIA-Chef Tenet persönlich interveniert, wird eine Passage zum angeblichen Urankauf aus einer zentralen Rede des Präsidenten gestrichen. Die Falschmeldung lebt dennoch weiter. Sicherheitsberaterin Rice schreibt im Januar in der New York Times, Irak habe sich geweigert, seine Versuche der Uranbeschaffung zu erläutern.

Am 28. Januar schließlich richtet Bush 5200 Worte an die Nation, darin die 16 nun so umstrittenen: "Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein kürzlich versuchte, signifikante Mengen Uran aus Afrika zu beschaffen." Das Argument gehört zu den drei wichtigsten für einen Kriegbefürworter. Daneben wirft Bush Irak den Besitz von Massenvernichtungswaffen und Verbindungen zum Terrornetzwerk al Quaida vor. Nichts davon ist bis heute bewiesen.

Sechs Tage später erwähnt US-Außenminister Colin Powell das Atom-Argument im Weltsicherheitsrat mit keiner Silbe. Der Verdacht habe "die Zeit nicht überdauert", sagt Powell heute. Sein Haus betrachtete die Geheimdienstberichte zu Irak stets mit größerer Skepsis als die Falken im Pentagon und Hardliner Cheney. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Bush-Regierung die CIA-Reports nach Gutdünken interpretierte, um ihren Kriegskurs zu rechtfertigen.

Ob den Demokraten der Glaubwürdigkeitsverlust Bushs wirklich nutzt, ist offen. Zumindest reicht er für ein lustiges Spiel im Internet (www.democrats.org/truth/twister.html?s=front). Wer will, kann dort an einem virtuellen Glücksrad drehen, dem "George W. Bush Credibility Twister". Der Zeiger bleibt wahlweise auf Fleischer, Rice, Cheney, Powell, Tenet oder den Oberbefehlshabern der Truppe stehen - und jeder wird einer anderen Unwahrheit überführt.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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