Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

60 JAHRE DANACH

Wie eine Furie

Als Zehnjährige hatte Erika Ullrich "keine Ahnung, wie es sein wird, wenn kein Krieg mehr ist". Während sie erwartungsfroh den Einmarsch der Amerikaner verfolgte, brach bei ihrer 15-jährigen Schwester das von den Nazis geprägte Weltbild zusammen.

Das Kriegsende fiel bei uns in Michelbach, einem kleinen Dörfchen im Hintertaunus, auf den 31. März 1945, den Oster-Samstag. Seit Tagen hört man ununterbrochenes dumpfes Kollern und Rumpeln von weit her über den Wald rollen... Nur eins ist gewiss, die Amis kommen! Trotzdem wird frühmorgens das Backhaus hinter der Schule angeschürt und nun kommen die Bäuerinnen mit ihren riesigen Backblechen und schieben sie ein. Morgen ist Ostern und der Krieg ist aus! Die Mütter und Großmütter wirken erleichtert, ja, beschwichtigt. Am Dorfeingang haben sie weiße Betttücher aufgehängt, für den Fall, dass sich doch ein Ami-Panzer in unser Dorf verirren könnte.

Plötzlich erschallt großes Geschrei! Das hört sich ja immer noch nach dem verhassten zackigen Gebrüll der SS an! Tatsächlich steht oben an der Straße in einem Geländewagen ein SS-Offizier und verlangt gebieterisch, dass die weißen Tücher entfernt werden. Oben im Wald steht eine Einheit deutscher Soldaten. Die werde die anrückenden Feinde wie einst Hermann die Römer im Teutoburger Wald vernichten. Er werde das ganze Dorf wegen Wehrzersetzung an die Wand stellen lassen. Vor dem hysterischen Gelächter und dem wütenden Fauchen all der Frauen, die ihm zuleibe rücken, setzt er sich schnell in die andere Richtung ab und lässt im Davonbrausen nur seine emporgereckte Faust noch sehen. Allen ist klar, das war sein vorläufig letzter Auftritt als Mächtiger, im Wald zieht er Zivilkleidung an und versucht unterzutauchen.

Als nun doch amerikanische Fahrzeuge oben am Waldrand gesichtet werden, empfiehlt meine Mutter uns, ihren drei Töchtern, fünf, zehn und 15 Jahre alt, uns vor die eichene Aussteuertruhe zu setzen, für den Fall, dass geschossen werden sollte. Sie selbst beobachtet das Geschehen vom Fenster aus. Meine sonst so souveräne große Schwester kauert am ganzen Leib zitternd neben mir. Sie hat seit Tagen kaum geschlafen noch etwas gegessen. Während wir vor der Truhe hocken, flüstert sie mir immerzu beschwörend ins Ohr: "Hab keine Angst, sei ganz ruhig! Unser Führer lässt uns nicht in Feindeshand fallen. Er hat genug Gas bereitstellen lassen. Er lässt uns nicht in Feindeshand fallen!" Ich selbst habe eigentlich keine Angst! Ich weiß nur, dass jetzt der Krieg aus ist und keine Flugzeuge mehr Bomben werfen und keine Tiefflieger mehr auf uns schießen werden. Dass sich meine Schwester den Tod herbeiwünscht, ist mir überhaupt nicht bewusst. Die gespannte Fröhlichkeit der Frauen, verbunden mit Angst und Unsicherheit, erfüllt mich mit Neugier, denn ich habe keine Ahnung, wie es sein wird, wenn kein Krieg mehr ist. Auch meine kleine Schwester harrt nicht lange vor der Truhe aus. Auch sie ist von der Aufregung der Erwachsenen angesteckt. Als meine Mutter und die Kleine triumphierend den ersten amerikanischen Jeep melden - noch nicht mal einen Panzer hatten sie zur Einnahme unseres Dörfchens abgeordnet - verstummt und erstarrt die Große.

Bald klopft es an der Tür, herein kommt ein dunkelhäutiger Soldat und fragt in undeutlichem Deutsch: "Hier Mann? Hier Soldat? Hier Waffen?" Er inspiziert freundlich grinsend die beiden Räume, streichelt die blonden Locken meiner an den Türrahmen gelehnten kleinen Schwester, drückt ihr einen Riegel Cadbury in die Hand und verschwindet mit einem fröhlichen "Bye".

Kaum ist die Tür geschlossen, schießt Leben in meine große Schwester, sie reißt der Kleinen die Schokolade aus der Hand, wirft sie auf die Erde und trampelt wie besessen schreiend darauf herum. Wenn mir in späteren Jahren das Wort Furie begegnete, so hatte ich sofort das damalige Bild meiner Schwester vor Augen. Alles, was man ihr in Schule und bei der Hitlerjugend vermittelt hatte, lag jämmerlich in Trümmern. Die verteufelten Todfeinde lächeln uns freundlich zu und die "grausame" Feindeshand verschenkt Schokolade!

Erika Ullrich, Liederbach/Taunus

Dossier: 60 Jahre Kriegsende

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare