1. Startseite
  2. Politik

„Eine Frage von Leben und Tod“

Erstellt:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Wohin wird ihr Weg sie noch führen?
Wohin wird ihr Weg sie noch führen? © dpa

Vor einem halben Jahr begann Wladimir Putin seine „Spezialoperation“ gegen die Ukraine - Ende offen, sein Ziel auch

Am frühen Morgen des 24. Februars, heute vor einem halben Jahr, verkündete Wladimir Putin seine „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine. „Wir werden die Demilitarisierung und Denazifizierung der Ukraine anstreben“, erklärte Russlands Staatschef. Dabei habe man nicht vor, ukrainische Gebiete zu besetzen. „Wir wollen niemanden etwas mit Gewalt aufzwingen.“

Es klang wirklich nach einer begrenzten Operation mit begrenzten Zielen. Aber was mit der durchaus kühnen Luftlandung bei Kiew begann, gilt Militärexpert:innen längst als Zermürbungskrieg, in dem die ukrainischen Verteidiger:innen erstaunlich erfolgreichen Widerstand leisten. Zwar kontrolliert die russische Armee jetzt etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums. Aber die Front hat sich festgefahren, selbst im Donbass, dessen russischsprachige Bevölkerung Putin nach eigenem Bekunden vor den Kiewer Völkermördern retten möchte.

Seine Besatzungsbehörden arbeiten inzwischen an ganz anderen Zielen, als Putin selbst verkündet hatte. Nicht nur in den Lugansker und Donezker Rebellenrepubliken, sondern auch in den besetzten Teilen der Regionen Saporischschja, Cherson und Charkiw bemüht man sich eifrig, eigene Staatlichkeit zu installieren, vom Rubel über Schulunterricht bis zu geplanten Abstimmungen über einen Anschluss an Russland. Als habe sich der fast 70-jährige Dauermachthaber mit einem revidierten geostrategischen Minimalziel angefreundet, das aus dem vorletzten Jahrhundert zu stammen scheint: Die Landbrücke zur Krim und ein paar Millionen neuer ostukrainischer Untertan:innen.

Allerdings kursieren in Moskau seit Monaten Landkarten, auf denen auch Industrieobjekte in der noch deutlich hinter der ukrainischen Front liegenden Gebietshauptstadt Saporischschja und in der noch friedlichen Region Dnipropetrowsk als künftige Investitionsobjekte ausgezeichnet sind. Offenbar will Russland je nach den Möglichkeiten, die die Zukunft bietet, mehr Ukraine.

Aber auch wenn Putin dem kleinen Nachbarstaat mehrfach und mit wachsender Empörung das Existenzrecht abgesprochen hat, die Ukraine ist keineswegs sein Hauptfeind. Schon in seiner Rede vom 24. Februar griff er noch heftiger die USA und die Nato an, ihre antirussische Eindämmungspolitik sei für das Vaterland eine „Frage von Leben und Tod“.

Den Feldzug gegen die Ukraine sieht Putin als präventiven Abwehrkampf gegen seine westlichen Feinde. Russische Oppositionelle nennen ihn inzwischen oft einen „Gopnik“, einen spätsowjetischen Straßenrowdy, der mit seinen Kumpanen ehrbare Bürger:innen mit der Forderung nach einer Zigarette angeht und sie je nach Widerstand ausraubt und zusammenschlägt. Militärisch scheint er mit den Ukrainer:innen an die Falschen geraten zu sein. Aber für Putin hat die große Straßenrauferei erst begonnen, in mehreren Dimensionen: Für Russlands Rohstoffexportwirtschaft brachte der Konflikt überraschend positive Nebenwirkungen, etwa die explodierenden Gaspreise. Die erlauben es ihm jetzt, Europa den Gashahn immer mehr zuzudrehen, ohne dass die eigenen Einnahmen dabei zusammenbrechen.

Auch wenn 85 Prozent der russischen Streitkräfte in ukrainischen Schützengräben festsitzen, Putins Gefolge hofft schon lautstark auf den bevorstehenden westeuropäischen Winter. Die EU-Bürger:innen gelten ihm als eher nervenschwache Weichlinge, die sich leicht einschüchtern lassen. Und schon vergangenen Dezember hatte Moskau die USA ultimativ aufgefordert, ihre Atomwaffen komplett aus Europa abzuziehen – der schlichte Anspruch Putins, dort neuer Hegemon zu werden. Putin lässt sich seit Jahren gern von Männern beraten, die ihre Wirklichkeit mit seinen Wünschen mischen.

Das US-Journal Foreign Policy meldete kürzlich, Russland plane für 2023 eine große Offensive gegen Odessa, um die Ukraine endgültig vom Schwarzen Meer abzuschneiden. Sehr ungewiss, ob Putins Streitmacht dazu in der Lage sein wird. Aber für den Mann im Kreml wäre es sowieso nur ein Zwischenziel. Endziel offen. Auch wenn ein Großteil der Russinnen und Russen diesen Krieg am liebsten vergessen würde, Wladimir Putin strotzt weiter vor Euphorie.

Auch interessant

Kommentare