Kreditaffäre

Eine Frage des Respekts

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Bundespräsident Christian Wulff legt neue Fakten zu seinem Darlehen auf den Tisch. Ein Freund war in Wulffs Haus-Suche involviert. Kritiker werfen ihm Salamitaktik vor.

Bundespräsident Christian Wulff legt neue Fakten zu seinem Darlehen auf den Tisch. Ein Freund war in Wulffs Haus-Suche involviert. Kritiker werfen ihm Salamitaktik vor.

Christian Wulff ist der zehnte Präsident der Bundesrepublik, aber er ist wahrlich nicht der erste, der in Affären verstrickt ist oder von Medien hart angefasst wird. Eher umgekehrt ist es richtig: Jene Bundespräsidenten, deren Vorgeschichte oder Amtsführung weitgehend frei von Tadel, Kritik und Häme blieben, sind deutlich in der Minderheit.

Was sich verändert hat, sind die Anlässe der Kritik. Waren es in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik oft Vorwürfe, die sich auf Verstrickungen der Präsidenten in das Nazi-Regime bezogen, geht es nun eher um das Ausnutzen materieller Vorteile und um Filz.

Schon das erste Staatsoberhaupt, Theodor Heuss, der in der Rückschau zu den großen, die Republik prägenden Präsidenten gezählt wird, hatte sich zu seiner Wahl vor allem scharfer Kritik von links zu stellen. Heuss hatte als Abgeordneter der liberalen Deutschen Staatspartei im März 1933 dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, mit dem die Nationalsozialisten die demokratischen Strukturen abschafften. Allerdings tat er dies aus Fraktionszwang und gegen seinen Willen, der in Erklärungen jener Zeit dokumentiert ist. Dennoch ist durchaus fraglich, ob ein Mann mit dieser Geschichte heute überhaupt noch die Chance hätte, zum Bundespräsidenten gewählt zu werden.

KZ-Baumeister und Apo-Opa

Wenn in der Debatte um Wulff immer wieder Respekt vor dem Amt des Präsidenten angemahnt wird, zeigt sich, dass frühere Generationen wesentlich respektloser mit Amt und Inhaber umgegangen sind. Das gilt insbesondere für Heinrich Lübke. Der schlechte und unsichere Redner wurde schon zum Amtsantritt 1959 wenig respektvoll begrüßt: „Der arme Heinrich“ überschrieb der Vorwärts seinen Leitartikel.

Nach seiner Wiederwahl wurde das unter einer das Sprachzentrum angreifenden Krankheit leidende Staatsoberhaupt zum Gespött vieler Medien. Die Satirezeitschrift Pardon brachte eine Langspielplatte „Heinrich Lübke redet für Deutschland“ heraus, auf denen die rhetorischen Fehlleistungen des Präsidenten zu einer einzigen Parodie montiert waren. Offenbar kam damals niemand auf die Idee, Lübke und das Amt zu schützen und ihn zu einem Rückzug zu bewegen. Der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Paul Frank, schrieb in seinen Erinnerungen: „Es wurde Mode, sich über das Staatsoberhaupt lustig zu machen.“

Doch gleichzeitig wurde ernsthafte Kritik an Lübke laut. Aus DDR-Archiven wurden Hinweise lanciert, dass er als Vermessungsingenieur am Bau von Konzentrationslagern beteiligt gewesen sei. Unter Bauplänen fand sich seine Unterschrift, deren Echtheit umstritten blieb. Doch Blätter wie der Stern und Konkret nannten ihn „KZ-Baumeister“. Er widersprach spektakulär in einer Radio- und Fernsehansprache, schied am Ende aber auch wegen dieser Anschuldigungen zweieinhalb Monate früher aus dem Amt.

Ihm folgten die Präsidenten Gustav Heinemann und Walter Scheel, die weitgehend unbehelligt ihres Amtes walten konnten – sieht man einmal von Beschimpfungen Heinemanns aus der CDU/CSU ab, die ihn wegen seiner offenen Sympathien für die Studentenbewegung als „Apo-Opa“ betitelten.

Der vormalige Unionsfraktionschef Karl Carstens, 1979 zum Präsidenten gewählt, war dann wieder Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen. Seine Mitgliedschaft in der SA ab 1934 und später der NSDAP war Anlass öffentlicher Proteste und heftiger Debatten. Carstens vermittelte in den kulturpolitischen Debatten jener Jahre nicht, sondern ergriff Partei und spitzte zu. Den Höhepunkt bildete seine unsachliche Auseinandersetzung mit Heinrich Böll, dem er Sympathien für die RAF-Terroristen unterstellte. Der Grafiker Klaus Staeck entwarf darauf ein Plakat, auf dem Carstens auf einer Kuh reitend dargestellt war, mit der Überschrift „Professor Carstens reitet für Deutschland“ und einem Zitat, das ihn der Unkenntnis der Werke des Nobelpreisträgers Bölls überführte.

Auch Richard von Weizsäcker war zunächst umstritten. Die Verteidigung seines Vaters, der vom Kriegsverbrechertribunal verurteilt worden war, irritierte manche. Härter aber noch waren Vorwürfe der Grünen, wonach Weizsäcker als Vorstandsmitglied des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim an der Produktion und Liegferung des Giftgases Agent Orange beteiligt war, das die USA im Vietnamkrieg eingesetzt haben. Weizsäcker bestritt, davon gewusst zu haben.

Privatjets und ein rauschendes Fest

Mit Johannes Rau erreichte die Kritik das heutige Niveau. Seine enge Verbandelung als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen mit der landeseigenen WestLB und ihrem Chef Friedel Neuber belastete den 1999 zum Präsidenten gewählten Sozialdemokraten. Ein Untersuchungsausschuss des Landtages förderte Freiflüge mit Flugzeugen der Bank zu Tage, die auch ein Fest zu Raus 65. Geburtstag mit Kosten von 15?000 Euro ausgerichtet haben soll – man fühlt sich an Christian Wulffs Umfeld erinnert.

Zwischen beiden amtierte Horst Köhler, der frei von jedem Filz- und Glamourverdacht blieb. Ihm warf man in seiner zweiten Amtszeit vor, verstummt zu sein, was im Bild vom Schlossgespenst gipfelte. Köhler nahm das übel und ging – und sorgte erst damit für einen Skandal.

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