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Eine Festnahme, die absehbar war

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Von: Stefan Scholl

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Jewgenij Roisman in seiner Stiftung in Jekaterinburg.
Jewgenij Roisman in seiner Stiftung in Jekaterinburg. A. VLADYKIN/AFP © A. VLADYKIN/AFP

Jewgeni Roisman war der bekannteste russische Oppositionelle in Freiheit – bis zum 24. August 2022. Nun teilt der Tausendsassa das Schicksal seines Kollegen Nawalny.

Gegen sechs Uhr morgens holten sie Jewgeni Roisman ab. Ein Dutzend Kriminalbeamt:innen und maskierte Einsatzpolizeikräfte stand vor seiner Tür, als er öffnete. Der kremlnahe Telegramkanal Mash filmte mit, wie eine Ermittlerin Roisman verkündete, seine Wohnung werde im Rahmen eines Strafverfahrens durchsucht.

Ein halbes Jahr nach den ersten Raketeneinschlägen in der Ukraine ist Roisman der 16 437. Russe, der wegen seines Auftretens gegen Kremclhef Wladirmir Putins „Spezialoperation“ festgenommen wurde, so das Bürgerrechtsportal OWF-Info. Er ist der 224. Russe, gegen den ein Strafverfahren eröffnet wurde. Und bis Mittwoch war er der bekannteste russische Oppositionelle, der sich in seiner Heimat noch in Freiheit befand.

„Es geht um die Worte ,Einfall in die Ukraine‘“, sagte Roisman Jekaterinburger Medienschaffenden im Treppenhaus, als man ihn abführte. „Das habe ich überall gesagt, und werde es auch jetzt sagen.“ Laut der Nachrichtenagentur Tass wurde das Verfahren gegen Roisman wegen eines seiner Youtube-Videos eröffnet. Roisman drohen bis zu drei Jahren Gefängnis wegen öffentlicher „Diskreditierung des Einsatzes der Streitkräfte Russlands“.

Roisman, 59, ehemaliger Abgeordneter der Staatsduma und ehemaliger Bürgermeister der Uralmetropole ist der wohl populärste Jekaterinburger. Ein blauäugiger Hüne mit silbergrau meliertem Schopf, der mit Vorliebe verwaschene Jeans und T-Shirts trägt, er ist Ikonensammler, passionierter Langstreckenläufer, Blogger und Dichter. Roisman, geschieden, fünf Kinder, landete als Halbwüchsiger wegen Diebstahls für zwei Jahre im Gefängnis, wurde später mit Juwelenhandel reich, ihm wurden beste Kontakte zur Jekaterinburger Unterwelt nachgesagt. Er organisierte eine sehr erfolgreiche, aber wegen angeblich zu rabiaten Methoden am Ende verbotene Heilanstalt für Drogensüchtige, veranstaltete nächtliche Fahndungsaktionen gegen Rauschgifthändler, bis heute empfängt er in seiner Wohltätigkeitsstiftung wöchentlich Menschen in Not. „Er hat kranken Kindern das Leben gerettet und bankrotten Familien die Wohnung, indem er das nötige Geld aufbrachte“, sagt Dmitri Kolesjow, Chefredakteur des Stadtportals „It’s My City“. „Seine Beliebtheit hat Tiefe, ihn mag hier nicht nur die liberale Intelligenz, sondern auch das einfache Volk.“

Er ist Altruist und Quertreiber. Seit dem 24. Februar wurde Roisman dreimal wegen pazifistischer Sprüche zu Geldstrafen verurteilt, unter anderem weil er den staatlichen PR-Buchstaben „V“ für den Ukraine-Feldzug als „irgendein Sieg Heil“ bezeichnete. Vorher hatte er gespottet: „Putin überleben – Russlands neue Nationalidee“. Seine Festnahme galt seit Wochen als wahrscheinlich, aber die Flucht ins Ausland lehnte er ab. „Ich bewege mich keinen Millimeter.“

Roisman sagte früher einmal, jeder intelligente Russe sollte wenigstens einmal im Leben hinter Gittern gesessen haben. Aber es ist fraglich, ob er das Zuchthaus als besonders effektive politische Tribüne betrachtet, wie der Moskauer Oppositionspolitiker Ilja Jaschin, der wegen der Verbreitung angeblicher Fake News über die Armee in Untersuchungshaft sitzt. Jaschin hatte kürzlich erklärt, Worte aus der Gefängniszelle hätten mehr Gewicht als solche aus der Freiheit. Aber im Gegensatz zu Jaschin oder Alexej Nawalny hat Roisman nie die große internationale Bühne gesucht. Und beim Joggen in Jekaterinburg plauderte er mit jedem, der schnell genug mitlaufen konnte.

Dort tauchten am Mittwoch mehrere einzelne Demonstrierende mit Schildern wie „Freiheit für Jewgeni“ auf. Nach Polizeiangaben wird Roisman für weitere Ermittlungen nach Moskau gebracht. Aber seine Anwältin Julia Fedotowa hofft, der gegen ihn angewandte Strafrechtsparagraph wiege so leicht, dass Roisman nicht in Untersuchungshaft muss. Sollte er doch hinter Gitter landen, schließt Lokalredakteur Kolesjow nicht aus, dass Hunderte, wenn nicht Tausende Jekaterinburger:innen für ihn auf die Straße gehen. Die Affäre Roisman wird Putins Politik jedenfalls kaum populärer machen.

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