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Saskia Esken ist Parteivorsitzende der SPD, gemeinsam mit Norbert Walter-Borjans.

Lernen in Corona-Zeiten

„Eine Chance für unser Bildungssystem“

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SPD-Chefin Saskia Esken will Tablets für alle Schüler, hofft auf mehr individuelle Förderung und sieht auch die Mobilfunkanbieter in der Pflicht.

Frau Esken, die große Koalition hat sich darauf verständigt, noch mal 500 Millionen Euro zusätzlich für digitale Bildung in die Hand zu nehmen. Warum war Ihnen das so wichtig?

Bei dieser Investition für digitale Bildung in der Corona-Krise geht es um eine ganz entscheidende soziale Frage: Können nur diejenigen digitale Lernangebote wahrnehmen, die von ihren Eltern optimal gefördert werden können und die auch die entsprechenden Geräte haben? Dann würde der digital gestützte Unterricht, den wir jetzt in Zeiten von Corona erleben und der auch künftig den klassischen Präsenzunterricht unterstützen soll, die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland vertiefen, anstatt sie auszugleichen. Deshalb war es mir wichtig, dafür zu sorgen, dass alle Schüler ein Tablet oder ein Laptop nutzen können – auch wenn sie selbst bislang noch keines zu Hause haben.

Es soll 150 Euro Zuschuss geben, damit bedürftige Kinder ein Gerät bekommen können. Eltern fragen sich jetzt: „Wie kommt dieses Geld tatsächlich zu uns?“

Die Corona-Pandemie soll ja die Bildung nicht lahmlegen. Deshalb ist es wichtig, dass das Geld jetzt schnell fließt. Das ist im Verhältnis zwischen Bund, Ländern und Kommunen nicht ganz einfach. Ich halte es deshalb für eine gute Idee, eine bestehende Struktur zu nutzen, das Geld auf den Digitalpakt aufzuschlagen und mit den Ländern zu vereinbaren, dass es für Endgeräte für die Schüler ausgegeben wird. Über dieses Verfahren hat es bereits Gespräche gegeben, unter anderem habe ich mich mit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, und weiteren sozialdemokratischen Bildungsministern ausgetauscht.

Die Lehrergewerkschaft GEW begrüßt das zusätzliche Geld, sagt aber auch: Wer sich jetzt kein Tablet leisten kann, kann es auch mit 150 Euro Zuschuss nicht.

Es muss ja nicht zwingend über einen Zuschuss laufen. Meine sozialdemokratische Idee sieht so aus: Wir sorgen für digitale Lernmittelfreiheit – so wie wir sie vielerorts auch bei Büchern haben. Die Länder sollten das Geld nutzen, um die Geräte in großer Anzahl zu beschaffen und dabei günstige Konditionen mit den Herstellern auszuhandeln. Die Schulen können die Geräte dann an die Schüler verteilen, die noch nicht versorgt sind und sie wirklich brauchen.

Selbst wenn jeder ein Gerät hat, kann das digitale Lernen noch immer daran scheitern, dass es den Schülern zu Hause am Internetanschluss oder einer entsprechend umfangreichen Datenmenge fehlt.

Das stimmt. Ich appelliere deshalb an die Internetprovider und Mobilfunkanbieter, ihren Teil beizutragen und entsprechend günstige Schülertarife mit genügend großen Datenmengen anzubieten. Gute Bildung ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft – da haben auch die Unternehmen eine Verantwortung. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie sich für diesen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit engagieren.

Könnte sich der Unterricht dauerhaft hin zu mehr digitalem Lernen verändern? Ist das überhaupt wünschenswert?

Ja, sogar sehr. Ich sehe in der Corona-Pandemie – bei allen harten Belastungen, die sie für Erwerbstätige, aber gerade auch für Familien und für Schüler bedeutet – auch eine Chance, dass wir in unserem Bildungssystem einen Sprung nach vorn machen. Mit Hilfe digitaler Angebote können wir die individuelle Förderung von Schülern deutlich verbessern.

Interview: Tobias Peter

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