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Emmanuel Macron tritt in der Stichwahl am 7. Mai gegen Marine Le Pen an.

Frankreich

Eine Chance für den Erneuerer

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Nach seinem Erfolg in der ersten Wahlrunde ist der Mitte-Links-Politiker Emmanuel Macron Favorit für das Präsidentenamt in Frankreich.

Glücklich sind an diesem Sonntagabend nur sie: der Sozialliberale Emmanuel Macron und seine im Süden von Paris zusammengekommenen Anhänger. Noch eine Stunde nach Verkündung der ersten Wahlergebnisse schwenken sie freudetrunken die Trikolore, singen, rufen, brüllen: „Macron président!“ Mit knapp 24 Prozent zieht er in die Stichwahl ein, als strahlender Sieger der ersten Wahlrunde. Und wenn nicht alles täuscht, wird der 39-jährige Senkrechtstarter, der vor einem Jahr erst mit der Gründung seiner Bewegung „En Marche!“ (Vorwärts!) im Präsidentschaftsrennen an den Start gegangen war, in zwei Wochen tatsächlich seinen früheren Mentor François Hollande politisch beerben und in den Elysée-Palast einziehen.

Macron selbst zeigt sich davon bereits überzeugt. „Die Wähler haben ein neues Kapitel der französischen Geschichte aufgeschlagen“, verkündet er am Sonntagabend. Für ihn heißt es im Erfolgsfall zu zeigen, dass er tatsächlich zum Erneuerer taugt, dass es den von ihm verheißenen Weg zwischen ausgetretenen sozialistischen und konservativen Pfaden tatsächlich gibt.

Drum herum gibt es nur Verlierer. Da sind zunächst die konservativen Republikaner und die Sozialisten, deren Kandidaten erstmals in der Geschichte der Fünften Republik nicht in die Stichwahl gelangt sind. Wie eine Verliererin gebärdet sich freilich auch Marine Le Pen. Dabei hat sie es doch geschafft, ist in die Stichwahl eingezogen. Auch ist Macron, mit dem sich die Chefin des Front National am 7. Mai zu duellieren hat, ihr erklärter Wunschgegner. Die Franzosen hätten in zwei Wochen zu entscheiden, ob sie dem von ihr gepriesenen Patriotismus den Vorzug geben wollten oder der von Macron propagierten Globalisierung, hat die Rechtspopulistin wissen lassen. Eine klarere Alternative könne es nicht geben.

Doch auch wenn sich die FN-Chefin mehrfach um ein Lächeln bemüht, mehrfach mit rauer Stimme das „historische Resultat“ preist und „das erfolgreiche Überwinden der ersten Hürde auf dem Weg zum Elysée-Palast“: Die Politikerin wirkt enttäuscht. Und auf den Gesichtern der in ihrer nordfranzösischen Hochburg Henin-Beaumont zusammengekommenen Getreuen zeichnet sich ebenfalls Frust, ja Bitterkeit ab. Die Versammelten hatten schließlich gehofft, Le Pen werde als Siegerin der ersten Wahlrunde ein Zeichen für die zweite setzen. Bei den Regional- und Europawahlen war der Front National zur stärksten politischen Kraft avanciert. Diesmal ist es nur Platz zwei. Und vor allem: Noch am Sonntagabend stellten sich die Ausgeschiedenen samt und sonders hinter ihren Gegner. Von den Konservativen „Republikanern“ über die Grüne Cécile Duflot bis hin zum viertplatzierten Linksaußen Jean-Luc Mélenchon und dem mit nicht einmal sieben Prozent der Stimmen gedemütigten Sozialisten Benoît Hamon: Alle haben sie dazu aufgerufen, in zwei Wochen gegen den Rechtsradikalismus zu stimmen, sich an den Wahlurnen zu Macron zu bekennen.

Fillon ruft zur Unterstützung Macrons auf

François Fillon, der auf Platz drei gelandet und damit ausgeschieden ist, war einer der ersten, der den im Wahlkampf geschmähten Rivalen seiner Solidarität versichert. Der in eine Scheinarbeitsaffäre verstrickte Konservative, der in den vergangenen Wochen nicht eben durch Einsicht und Reue aufgefallen war, fand im Angesicht der Niederlage beeindruckend aufrichtige Worte. „Ich habe nicht überzeugt“, sagte Fillon, „ich allein trage für diese Niederlage die Verantwortung.“ Es folgten vernichtende Worte an die Adresse Le Pens: „Eine rechtsextremistische Partei, bekannt für ihre Intoleranz, die den europäischen KO wünscht und Frankreich in den Bankrott führen würde, greift nach der Macht – ich wähle deshalb in zwei Wochen Macron.“

Die Finanzmärkte geben Entwarnung. Wohlhabende Franzosen, die ihr Vermögen vor dem Wahlsonntag vorsichtshalber nach Luxemburg transferiert und dort in steuergünstige Lebensversicherungen gesteckt haben, können die Verträge getrost wieder kündigen.

Was nicht heißt, dass Frankreich einfach zur Tagesordnung übergehen könnte. Der Wahlkampf hat eine Menge Frust, ja Bitterkeit hinterlassen. Die Plakatwände vor den Wahllokalen hatten am Sonntag noch einmal daran erinnert. Zerfetzt und verschmiert hing vielerorts herab, was zwei Wochen zuvor als strahlendes Konterfei eines Kandidaten aufgeklebt worden war. Im Fall der Pariser Vorstadt Saint-Cloud hatten Bürger auch noch zur Farbspraydose gegriffen und malträtierte Gesichter mit dem Boykottaufruf versehen. „Wählt nicht!“

Die Scheinarbeitsaffären Fillons, aber auch Marine Le Pens hatten das dem Wähler unterbreitete politische Angebot erheblich reduziert. Wer das höchste Staatsamt keinem krummer Geschäfte verdächtigen Bewerber anvertrauen und nicht für einen von vornherein chancenlosen Kandidaten stimmen wollte, hatte nur noch die Wahl zwischen dem Linksaußen Mélenchon und dem sozialliberalen Jungstar Macron – eine für eine große Demokratie erschreckend geringe Auswahl.

Anschlag überschattet die Wahl

Und dann war am vergangenen Donnerstag ja auch noch der Terror nach Paris zurückgekehrt, hatte Angst und Verwirrung gestiftet. Gegen 21 Uhr hatte der 39-jährige Franzose Karim C. auf den Champs-Elysées einen Polizisten erschossen und zwei weitere verletzt, bevor er selbst im Kugelhagel starb.

Der Wahlbeteiligung brach zwar, anders als zunächst befürchtet, nicht massiv ein. Mit 77 Prozent lag sie 2,5 Punkte unter dem 2012 erreichten Wert. In den Köpfen der Wähler waren die Schreckensbilder vom Morden auf der Pariser Prachtstraße aber gleichwohl präsent. Zumal am Sonntag 7000 Militärs und 50 000 Polizisten aufmarschiert waren, um weitere Anschläge zu verhindern.

Jérôme Fourquet vom Meinungsforschungsinstitut Ifop geht davon aus, „dass der Terroranschlag den Wahlausgang beeinflusst hat“. Als Kandidaten, denen das Attentat Stimmengewinne beschert haben dürfte, nennt der Meinungsforscher „an erster Stelle Marine Le Pen, an zweiter François Fillon“. Dem Konservativen nützte freilich nicht einmal das.

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