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1969 putschten sich dann mehr ihnen zugewandte Militärs unter Muammar al-Gaddafi an die Macht.

Geschichte

Eine Bucht, keine Nation

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Das Land wurde von den Alten Ägyptern überhaupt nur benamt wegen der 57 000 Quadratkilometer großen Bucht in der Mitte der libyschen Küste. Libyens Geschichte.

Es geht immer um die Große Sirte in Libyen. Das Land wurde von den Alten Ägyptern überhaupt nur benamt wegen der 57 000 Quadratkilometer großen Bucht in der Mitte der libyschen Küste. Im Küstengebiet und unterm Meeresboden dort lagern riesige Erdöl und Erdgasvorkommen – Fluch und Reichtum eines ansonsten bettelarmen Landes, dessen Bevölkerung sich eher durch die Zugehörigkeit zu einem der sechs großen Stämme definiert denn durch ein „Nationalbewusstsein“. Dass Libyen als Nation wahrgenommen wurde und wird, hängt zum einen mit dem Pharaonenreich, zum anderen mit den Grenzen seiner Nachbarn Ägypten, Tunesien, Algerien, Niger, Tschad und Sudan zusammen. Aber je weiter man nach Süden kommt, um so fragwürdiger wird die – gelegentlich heiß umkämpfte – Grenzziehung.

Regional teilt sich Libyen in die Kyreneika (von der Stadtgründung Kyrene), das südwestliche Fessan und das westliche Tripolitanien (das sich drei Stadtgründungen verdankt); letzterer Teil ist der bevölkerungsreichste, der Süden wird von weitgehend menschenleeren Wüstenstrichen dominiert. Nach der Zeit Libyens als römische Kolonie fiel Tripolitanien an das westbyzantinische Reich, die Kyreneika an das ostbyzantinische. Im siebten Jahrhundert eroberte der Islam die Länder um die Große Sirte. Im 19. Jahrhundert bemächtigte sich der im Osten beheimatete islamische Orden der Senussi Libyens; diese Elite organisierte ab 1911 den Widerstand erst gegen die imperialistischen Bestrebungen des Königreichs Italien, später dann gegen Mussolinis Faschisten. 

Die behielten 1932 nach dem Einsatz von Giftgas und der Einrichtung von Konzentrationslagern die Oberhand. Im Zweiten Weltkrieg zerstoben die italienischen Träume vom neuen „Mare Nostrum“, Libyen wurde nach 1945 von Briten und Franzosen verwaltet. 1951 erstritten die Senussi die „Unabhängigkeit“ Libyens als Monarchie unter ihrem Oberhaupt Idris I. Die Tripolitanier waren nicht sonderlich begeistert. 1969 putschten sich dann mehr ihnen zugewandte Militärs unter Muammar al-Gaddafi an die Macht, aber der errichtete eine bizarre, auf ihn allein konzentrierte Diktatur, die mal islamistisch, mal absolutistisch und manchmal aggressiv war (siehe Seite 8). Nach seinem Tod während der Revolution von 2011 zerfiel Libyen in die bekannten Bestandteile: In Tripolis sitzt die „international anerkannte“ Post-Revolutionsregierung des Tripolitaners Fayiz as-Sarradsch. Aus der Kyreneika drängen die Truppen des Generals Chalifa Haftar heran, der zuvor eine IS-Filiale und andere Islamisten beseitigte und diverse (Stammes-)Milizen entweder besiegte oder in seine Armee einreihte.

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