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Die Oktjabrskaja-Straße in Minsk: Bunt und modern will Belarus sein, aber noch immer regiert da ein alter Autokrat.
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Die Oktjabrskaja-Straße in Minsk: Bunt und modern will Belarus sein, aber noch immer regiert da ein alter Autokrat.

Belarus

Eine Branche begehrt auf

Der IT-Sektor ist für Belarus bedeutend. Doch immer mehr Fachleute wandern aus – auch weil das Regime die jungen Kreativen drangsaliert. Von Ekaterina Venkina.

Bis vor kurzem galt die Oktjabrskaja-Straße als Mini-Berlin im Zentrum von Minsk. Die ehemaligen Fabrikhallen wurden vor einigen Jahren in verschiedene Event Spaces (Veranstaltungsräume) umgewandelt. Hipster, Kreative und IT-Leute, die in den zahlreichen Start-ups arbeiteten, verbrachten dort ihre Zeit. Wenn sie die Straße entlangeilten, wurden sie von einem braunen Wisent mit großen traurigen Augen beobachtet. Das nationale Symbol von Belarus blickte von einem großen Wandbild auf die Menschen hinunter. Als wollte es fragen: und was jetzt?

Diese Frage stellt sich heute für ganz Belarus.

Im August 2020 begangen die Proteste gegen den autokratischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, Ende Oktober schon veröffentlichte das auf die IT-Branche fokussierte Medium „dev.by“ eine Umfrage zur Stimmung unter den Computer- und Internetfachleuten im Land. Nur fünf Prozent hatten keine Ausreisepläne, 33 Prozent der Befragten beabsichtigten, das Land sofort zu verlassen, ohne die politische Entwicklung abzuwarten. Fast 54 Prozent der Umfrageteilnehmer (meist junge, gut ausgebildete Leute) wollten zwar bleiben, waren aber bereit auszuwandern, wenn sich die Lage in ihrer Heimat verschlechtere.

IT in Belarus

Wirtschaftliche Bedeutung: Der Beitrag der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zum Bruttoinlandsprodukt in Belarus lag 2019 bei 6,6 Prozent. IT-Unternehmen standen dabei fü 0,5 Prozent des BIP-Wachstums (gesamt 1,2 Prozent). Der IKT-Sektor (insbesondere der so genannte Hochtechnologiepark) beschäftigte insgesamt rund 70 000 IT-Spezialisten.

Wichtige Unternehmen: Unter den Top-50 IT-Firmen nach Anzahl der Mitarbeiter in Belarus führen EPAM, IBA Group und Wargaming die Liste an. EPAM wurde 1993 von den Belarussen Arkadij Dobkin in Princeton und Leo Lozner in Minsk gegründet. Das Unternehmen ist ein globaler Anbieter von Software-Engineering- und IT-Beratungsdienstleistungen. Es hat seinen Hauptsitz in Newtown (USA) und mehrere Standorte in Belarus. Die IBA Group, mit Hauptsitz in Prag, ist einer der größten IT-Dienstleister in Osteuropa. Sie konzentriert sich auf Big Data, Cloud- und Business-Analytics-Lösungen. Wargaming (Hauptsitz in Nikosia, Zypern) ist weltweit für seine historische Panzersimulation, World of Tanks, bekannt.

Flucht ins Ausland: Mit dem Beginn der Proteste im August hat das IT-Softwareunternehmen PandaDoc seinen Rückzug aus dem belarussischen Markt angekündigt. Mindestens 60 Beschäftigte sind aus Minsk bereits nach Kiew umgezogen. Auch Wargaming hat einen Teil seines Teams dorthin verlegt. EPAM und der App-Entwickler Flo sind dabei, Büros in der litauischen Hauptstadt Vilnius zu eröffnen. Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für digitale Transformation waren bis Mitte Oktober etwa 1200 belarussische IT-Fachkräfte in die Ukraine umgezogen. Polnische Behörden meldeten, dass mindestens 790 IT-Kräfte aus Belarus Arbeitsvisa erhalten haben. Nach offiziellen Angaben des belarussischen Hochtechnologieparks hat jedoch bisher keines der dort vertretenen Unternehmen seinen Austritt angekündigt. ev

Die IT-Branche spielt eine große Rolle für Belarus. Sie machte vom Januar bis Oktober 2020 7,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt aus (zum Vergleich: In Deutschland sind es 4,2 Prozent). Damit hat sie auch eine soziale Bedeutung.

Valery Samalazau, ein 32-jähriger IT-Entwickler, klingt bedrückt, wenn er von den vergangenen sechs Monaten berichtet: „Ich kann meine Finger immer noch nicht fühlen. Die Nervenenden wurden beschädigt.“

Samalazau ist dünn, hat braune Haare, große, graue Augen. Seit Anfang Juli arbeitete er in London bei Medium Systems. In Belarus hatte er zwei weitere Jobs in IT-Firmen, ein Haus, drei Töchter und Eltern. Dank seiner IT-Jobs war er finanziell sehr gut gestellt. Am 2. August kehrte Samalazau kurz nach Minsk zurück, um mit seinen Kindern zu wandern und eine Woche später bei den Präsidentschaftswahlen abzustimmen. Am 10. August umstellten ihn Sicherheitsleute in Sturmhauben in der Nähe des Minsker Bahnhofs im Stadtzentrum. „Anscheinend gefiel ihnen mein T-Shirt mit Totenkopf-Print nicht. Sie dachten, es sei das Symbol des ukrainischen Asow-Bataillons“, sagt er. Außerdem habe er britische Pfundnoten und SIM-Karten dabei. „Es wurde vermutet, dass ich einer der Organisatoren (der Proteste – Anm. d. Red.) war.“ Nach seiner Verhaftung soll Samalazau gefoltert worden sein. „Die Menschen um mich herum weinten, beteten, bluteten.“ Schließlich landete er in Schodsina, nordöstlich von Minsk, in Untersuchungshaft.

In dem Raum, der für zehn Personen geeignet war, befanden sich 32. Acht von ihnen kamen aus dem IT-Sektor. Nach seiner Entlassung aus der U-Haft wurde Samalazau zwei Wochen lang medizinisch behandelt. Im Krankenhaus sei bei ihm ein Schädel-Hirn-Trauma diagnostiziert worden. Am 28. August floh er nach London. Diesmal folgte ihm fast seine ganze Familie: seine Frau, drei Kinder, ein Kater, eine Hündin.

In Großbritannien will Samalazau Asyl beantragen: In Belarus droht ihm strafrechtliche Verfolgung. Ob diese Umsiedlung mit dem ganzen Haushalt für ihn schwierig war? „Wenn dich jemand mit einem Kampfstiefel in den Asphalt stößt, werden plötzlich alle materiellen Werte unwichtig.“

Seit Ende August sind viele IT-Leute in Belarus mit einer möglichen Verlagerung ihrer Jobs konfrontiert. „Ich sehe jetzt einen aktiven Transfer von IT-Spezialisten in die Nachbarländer – in die Ukraine, nach Polen, Litauen und Estland“, sagt Michael Rumiantsau (31), Gründer von „Founders.ai“. Im Jahr 2019 schaffte es der im kalifornischen Mountain View lebende IT-Unternehmer aus Belarus auf die Forbes „30 unter 30“-Liste.

Viele IT-Leute sind bereits ins Ausland gezogen. Offiziell sind sie aber immer noch in Belarus gemeldet. Sie bleiben in der amtlichen Statistik, deshalb ist es schwierig, den Exodus zu beziffern.

IT-Dienstleister wie die US-Firma Epam oder die tschechische IBA Group haben Entwicklungsfilialen in Belarus. Ihre belarussischen Angestellten können sie nur in die Länder entsenden, in denen sie Büros haben. An den Gehältern ändern sie dabei nicht viel, so dass die unterschiedlichen Steuersätze und Lebenshaltungskosten in den Ländern ein Nachteil für die Angestellten sein können, wenn sie in ein anderes Land ziehen.

Anders stellt sich die Situation für belarussische IT-Produktentwickler dar. Sie sind flexibler und orientieren sich zum Beispiel nach Polen, Lettland oder Litauen.

In Silicon Valley habe Michael Rumiantsau zwar noch nicht viele neue Landsleute aus der Branche getroffen. Er verweist zudem auf „Visa-Barrieren“. Aber eins sei klar, sagt er: Die Repressionen in Belarus würden nicht aufhören.

Bis heute befindet sich zum Beispiel Alexej Korotkow in Untersuchungshaft, er ist Chefentwickler bei MakeML , einem Anbieter von Software für IT-Entwickler. Ihm wird Beteiligung an Massenunruhen vorgeworfen. Auch einer der vier Topmanager der Minsker Niederlassung von PandaDoc, Wiktor Kuwschinow, wurde bisher nicht freigelassen. „Damit sich die Lage in Belarus ändern kann, muss die Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden“, sagt Rumiantsau.

Alex Shkor (30), Gründer der Technologieplattform Deip und Mitglied des Koordinierungsrates der Opposition, sieht den „Exodus“ nicht als das größte Problem der belarussischen IT-Branche. Sondern den Verlust des Optimismus: „Der IT-Sektor ist die wichtigste Ressource von Belarus – nicht einmal im Hinblick auf den Profit, sondern im Hinblick auf die Entwicklung von Humankapital und Kultur“, sagt Shkor. Dies ist der einzige Sektor, der Belarus auf dem globalen Markt bedeutend machen könnte, die einzige Möglichkeit, die wirtschaftliche Autonomie des Landes im Zeitalter der Globalisierung zu bewahren. Die Offensive Lukaschenkos gegen den IT-Sektor sei der Kampf zwischen „Menschen der Vergangenheit und Menschen der Zukunft“, sagt Shkor. Dies sei ein Kampf um Werte.

„Beim Regimewechsel geht es nicht nur um den Verlust von Macht, sondern auch darum, dass man nicht mehr gefragt ist“, sagt Shkor. „Für die Menschen der Zukunft geht es vor allem um Selbstverwirklichung, Solidarität und Freiheit. Aber den Machthabern fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die Gesellschaft über sie hinausgewachsen ist.“

Von Ekaterina Venkina

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