Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

In Sicherheit und genug zum Essen von den Hilfsorganisationen: ein Flüchtlingsmädchen in Mekelle.
+
In Sicherheit und genug zum Essen von den Hilfsorganisationen: ein Flüchtlingsmädchen in Mekelle.

Afrika

Eine Atempause für Tigray

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
    schließen

Äthiopiens Armee und ihre marodierenden eritreischen Verbündeten flüchten aus der seit Monaten umkämpften Nordprovinz. Addis Abeba verkündet einseitig eine Waffenruhe.

Nach einer dramatischen Umkehrung der militärischen Kräfteverhältnisse in Äthiopiens Nordprovinz haben die „Tigray Defense Forces“ (TDF) am Montagabend überraschend die Provinzhauptstadt Mekelle eingenommen. Zuvor hatten Tausende äthiopischer Soldaten nach schweren Kämpfen in der Umgebung die seit fast acht Monaten von Regierungstruppen gehaltene Stadt fluchtartig verlassen. Anschließend zogen TDF-Kämpfer zu Fuß in mehreren Kolonnen in die Millionenstadt und feierten die „Befreiung“ Mekelles gemeinsam mit der Bevölkerung mit Feuerwerk, Fahnenschwenken und Schüssen in die Luft. „Die Stadt ist unter unserer Kontrolle“, jubelte TDF-Sprecher Getachew Reda über Satellitentelefon: „Die Regierungstruppen haben auch zahlreiche andere Städte in Tigray verlassen.“

Noch am Montagabend gab die Regierung in Addis Abeba einen einseitigen Waffenstillstand in der Kriegsregion bekannt. Dieser solle ermöglichen, dass „Farmer ihr Land bebauen und internationale Organisationen Nahrungsmittelhilfe verteilen können“, hieß es zur Begründung.

Die Waffenruhe soll auf Bitte der von der Regierung unter Premierminister Abiy Ahmed vor sieben Monaten in Tigray eingesetzten Übergangsverwaltung zustande gekommen sein. Mitglieder der von der Provinzbevölkerung abgelehnten Administration hatten bereits am Sonntag Mekelle verlassen. Der zunächst bis September geltende Waffenstillstand wurde offensichtlich nicht mit den TDF abgesprochen: „Wir werden weiterkämpfen, bis alle Feinde unsere Provinz verlassen haben“, ließ deren Sprecherin Liya Kassa auf der Facebook-Seite des „Tigray Media House“ wissen. Inzwischen sollen sich tatsächlich auch Regierungseinheiten auch aus zahlreichen weiteren Provinzstädten zurückgezogen haben, darunter Shire, Abiy Addi und alle zwischen Mekelle und Adigrat gelegenen Ansiedlungen.

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau (siehe Ausgabe vom 28. Juni) hatte TDF-Sprecher Getachew Reda zu Beginn der vergangenen Woche von einer Offensive seiner Truppen gesprochen. Zum ersten Mal seit der Besetzung der Provinz im vergangenen November zogen sich die TDF-Guerillas nach vereinzelten Angriffen nicht wieder in die Berge zurück, sondern begannen, als regelrechtes Militär weite Teile der Sstraßen zwischen Städten in Tigray zu kontrollieren. Getachews Worten zufolge töteten die nur knapp 100 000 TDF-Kämpfer in den vergangenen Wochen Zehntausende Regierungssoldaten und nahmen Tausende mehr gefangen. Ihnen soll es außerdem gelungen sein, große Mengen an schwerem militärischen Gerät, auch Artillerie, zu erbeuten. Die Stärke der äthiopischen und der mit ihnen verbündeten eritreischen Streitkräfte, die von Norden her in Tigray einfielen, gab der ehemalige äthiopische Informationsminister Getachew mit weit über einer Million Mann an.

Unklar ist bislang noch, was mit den eritreischen Truppen geschieht. Sie hätten sich in grenznahe Regionen zurückgezogen, wo sie eine „verdiente Pause“ genössen, gab die staatliche Agentur „Eritrea Press“ bekannt. Vor allem den Eritreern werden zahllose Kriegsverbrechen während der Besatzungszeit vorgeworfen. Während einer einwöchigen Reise durch die Provinz konnten wir mit zahlreichen Überlebenden sprechen, die von Plünderungen, Massenvergewaltigungen und Massakern seitens eritreischer Soldaten berichteten. Dem Konflikt sollen nach Angaben der TDF mindestens 50 000 Zivilpersonen zum Opfer gefallen sein. Die Vereinten Nationen sprechen von zwei Millionen Vertriebenen und 350 000 Menschen, die akut vom Hungertod bedroht seien, darunter auch 140 000 Kinder.

In einem der jüngsten offensichtlichen Kriegsverbrechen bombardierte ein äthiopischer Kampfjet am Dienstag vergangener Woche einen Markt in dem rund 25 Kilometer westlich von Mekelle gelegenen Städtchen Togoga. Dabei kamen nach Angaben von Ärzten des Hayder-Hospitals in Mekelle weit mehr als 50 Zivilisten ums Leben. Die äthiopische Armee bestritt, dass bei dem Angriff Unbeteiligte getötet worden seien. Das Bombardement habe vielmehr TDF-Kämpfern gegolten, die von der Regierung als „Terroristen“ bezeichnet werden. Anderntags schossen diese eine äthiopische Transportmaschine vom Typ Herkules ab.

Die politischen Auswirkungen der militärischen Niederlage der äthiopischen Truppen werden sich erst noch herausstellen müssen. In Äthiopien haben just Wahlen stattgefunden, von denen jedoch ein Viertel aller potentiellen Wahlberechtigten – unter anderem alle Tigray – ausgeschlossen waren. Das offizielle Ergebnis der Abstimmung, die Abiy Ahmeds „Wohlstandspartei“ aller Wahrscheinlichkeit nach für sich entscheiden konnte, wird erst Ende dieser Woche erwartet. Abiy hatte bereits vor sieben Monaten den erfolgreichen Abschluss der „Strafverfolgungsaktion“ in Tigray verkündet und monatelang die Beteiligung eritreischer Truppen an dem Waffengang geleugnet. Monatelang auch war die Provinz für die Medien unzugänglich.

Der Versuch des vor zwei Jahren mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Regierungschefs, aus der föderalen Bundesrepublik Äthiopien einen zentralistischen Staat zu machen, lehnen außer den Tigray auch andere Bevölkerungsgruppen ab. Mehrere Politiker der Oromo befinden sich deshalb im Gefängnis. Sowohl äthiopische wie auch internationale Menschenrechtsorganisationen fordern die Aufklärung der während der Kämpfe begangenen Kriegsverbrechen. Das könnte das politische Ende des Premierministers bedeuten.

Kommentar Seite 13

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare