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Eine andere Erzählung

Was die Botschaft der Kriegskinder mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen ist, darüber wird auf einem Kongress nachgedacht

Von MATTHIAS ARNING

Die Todesanzeige führte Jürgen Reulecke kurz vor Weihnachten 2003 zu dem unbekannten Caritas-Direktor. Der hatte die Annonce bei der FAZ aufgegeben. "Den Anderen als Mahnung". Für seinen Vater. Geboren am 26. Mai 1914, gestorben in Chieti/Italien, am 20. Dezember 1943. Eine Anzeige für einen Verstorbenen, sechs Jahrzehnte nach dessen Tod veröffentlicht. Historiker Reulecke recherchierte. Denn so etwas hatte er noch nie gesehen. Und Reulecke fand den Caritas-Direktor. Sie kamen ins Gespräch, das allerdings schon nach kurzer Zeit ein vorläufiges Ende fand: Der Sohn schien an seinen Tränen zu ersticken. Erst seine Lebensgefährtin machte Reulecke deutlich, dass sie bislang gedacht hätten, "das ist allein unsere Geschichte."

Professor Reulecke erzählt diese Geschichte als ein Beispiel für die Gesellschaft, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem "Ende der männlichen Welt" in der Bundesrepublik konfrontiert sieht. Reulecke berichtet vom Fall dieses Suizid gefährdeten Sohnes, der 60 Jahre später noch nicht damit umgehen kann, dass er auf seinen Vater verzichten musste. Eine Geschichte über die Traumatisierungen von Kriegskindern, vorgetragen bei einem internationalen Kongress an der Frankfurter Goethe-Universität. Einer dreitägigen Tagung, die hunderte, zumeist aus der betroffenen Generation stammende Zuhörer in das IG Farben-Haus lockt.

Keine einfache Tagung. Das zeigt sich schon bei der Eröffnung. Dieter Graumann von der Frankfurter Jüdischen Gemeinde macht den Veranstaltern Vorwürfe, die die Hochschule unbedingt vermeiden wollte: Der Kongress betreibe "eine Gleichmacherei unter den Opfern", deutsche Kriegskinder würden sich selbst als Opfer inszenieren. Um diesen Anwurf zu entkräften, hat man selbst den umständlichen Titel der Veranstaltung in Kauf genommen: "Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa sechzig Jahre nach Kriegsende." Der Verweis auf Europa dient dazu, die eigene Erfahrung als Kriegskind mit der Botschaft vom späteren Aufbruch zu einem friedlichen Miteinander zu verknüpfen.

Daraus wird nichts. Lutz Niethammer macht sich am Freitag die Mühe, zu ergründen, warum das nicht klappt: Erstens sei es falsch zu behaupten, die Kriegskinder bildeten eine Generation in dem Sinne, dass sich individuelle Schicksale vergleichen ließen. Zweitens, und das ist keine Kleinigkeit: "Sie haben keine Botschaft", sagt der Jenenser Historiker: "Aber sie brauchen eine."

Niethammer macht sich an die Arbeit. Und vergleicht die Kriegskinder, die aus dem Ersten Weltkrieg zurückblieben, mit denen, die den Zweiten Weltkrieg überlebten. Während sie den Ersten Weltkrieg "emphatisch begleiteten, den Krieg selbst aber gar nicht erlebten", stehen sie am Ende des Zweiten auf den Trümmern der Städte in der Gewissheit, dass es keinen Krieg mehr geben wird, in dem man zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheidet. Während sich aus den Kriegskindern nach 1918 "die Generation der Exekutoren" der menschenverachtenden Politik des Nationalsozialismus rekrutierte, fallen die Perspektiven im Augenblick der Stunde Null zwischen dem Osten und dem Westen krass auseinander: Bietet der Staat jenseits der Elbe den Heranwachsenden die Aussicht, dass es im Wesentlichen um Zukunft gehe, reift im Westen eine skeptische Generation heran.

Zu ihr gehörten für Niethammer diejenigen, die als "68er" in die Geschichte dieser Republik eingegangen sind, junge Leute, "die sich selbst als Modernisierer stilisiert haben". Zeitgleich mit ihrem Auftritt sei an allen Ecken und Enden Europas auch die neue Rechte erstarkt. Jenseits der politischen Lager finden sich die, die sich selbst und ihre Erfahrungen mit dem Krieg, wahrgenommen vor allem als "Einbruch von Gewalt", hintanstellten, die wie "eine Gelenkstelle" in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur gewesen seien, weil sie niemals Zweifel daran aufkommen ließen: "Auschwitz first". Nach dem Mord an den Juden sei ihnen eigenes Erleben wie eine Bagatelle erschienen. Deswegen könnte die Botschaft dieser Kriegskinder auch darin bestehen, deutlich zu machen: Die großen Lektionen des 20. Jahrhunderts stehen nicht in Konkurrenz zu den eigenen Erfahrungen, doch die bislang ausgegrenzten Erfahrungen müsse man perspektivisch zulassen. Seine Generation, das unterstreicht Niethammer, müsse für eine "nicht-ritualisierte Gedenkkultur" eintreten, die auch "die eigenen Gefühle" ernst nehme.

Harald Welzer ist angetan. Bemerkenswerte Überlegungen Niethammers, lobt der Essener Sozialpsychologe, gerade Mitte 40. Und dennoch drängt sich ihm angesichts des umfangreichen Programms des gesamten Kongresses die Frage auf, "welche Funktion das eigentlich hat". Es ist "eine Art Gegenerzählung", glaubt Welzer, gesetzt gegen die Erzählung, die bislang "als Standard" galt - die Erzählung des Holocaust.

Kriegskinder im Dossier 60 Jahre danach bei FR online bietet mehr Informationen zum Kongress.

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