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Religiöse Erziehung – hier ein Chanukkaleuchter in einer Synagoge – nimmt in der Lauder-Schule breiten Raum ein.

Berlin

Lernen in der „Bubble“

Einblicke in den Alltag in einer besonders konservativen jüdischen Schule in Berlin.

Wenn die Jungen der Lauder Beth-Zion Schule morgens zum Unterricht kommen, tragen viele zwei Kopfbedeckungen. Sie nehmen dann ihre Mützen und Baseballkappen ab. Darunter sitzt die Kippa, die behalten sie auf. Manche treffen auch ohne schützende Mütze ein, steigen aus dem Auto der Eltern, aus dem Schulbus, und betreten das alte rote Backsteingebäude in Berlin.

Drinnen werden sie zur Gemeinschaft, die man an ihrer Kleidung erkennt. Hier tragen alle Jungen die traditionelle Kappe auf dem Hinterkopf, die Mädchen haben Röcke an. Die Kinder sind auf dem Schulgelände unter sich. Niemand soll sie stören. Polizei und Sicherheitsdienst bewachen den Eingang der jüdischen Schule. Wer als Außenstehender auf das Gelände möchte, muss sich anmelden und bekommt einen Termin.

Der Religionslehrer Meir Daus, 28, sitzt in einem winzigen Klassenzimmer an einem Tisch mit vier Jungen der dritten Klasse. Alle sind um die acht Jahre alt. Rabbi Meir Daus ist schwarz-weiß gekleidet, wie es von Männern mit streng jüdisch-orthodoxem Glauben erwartet wird. Thema dieser Stunde sind besondere Teile der Kleidung, nämlich die Quasten oder Schaufäden. Sie hängen bei Daus und den Jungs links und rechts neben den Oberschenkeln herab. Genannt werden sie auf Hebräisch Zizit und in der Mehrzahl Zizijot.

Im vierten Buch Mose heißt es, man solle die Quasten ansehen und dabei an die Gebote des Herrn denken. Rabbi Daus fragt, wann die Jungen ihre Zizijot anbringen müssten. Die Schüler überlegen, sie wippen auf ihren Stühlen. „Ich gebe euch einen Tipp“, sagt Daus, „geht zum Lichtschalter und legt ihn um.“ Ein Junge hat den Hinweis auf Licht und die Möglichkeit, etwas anzusehen, verstanden. „Am Tag“, sagt er. Die Lauder Beth-Zion Schule gilt als religiös besonders konservativ. Neben dem üblichen Lehrplan müssen die Kinder etwa 14 Stunden in der Woche religiöse Fächer pauken. „Man kann da wenig abspecken“, sagt eine der beiden Schulleiterinnen.

13 jüdische Schulen mit 2350 Schülerinnen und Schülern zählt der Zentralrat der Juden in Deutschland insgesamt, die meisten davon in Berlin. Weitere gibt es in Frankfurt am Main, Düsseldorf, Hamburg, Köln, München und Stuttgart.

Im Deutschunterricht in der 9. Klasse tragen Teenager, um die 14 Jahre alt, eigene Gedichte vor. Stadtgedichte. Die Jungen scharen sich rechts der Pinnwand, an der die Zettel mit ihren Kreationen hängen, die Mädchen links. Keiner meldet sich wirklich freiwillig, sie zieren sich. Über Berlin schreibt ein Junge: „Staatsbesuch hier/LKA und SEK haben alle im Visier/Hotel Adlon wird sichergestellt/damit es nicht auffällt/Sniper am Dach/Polizei 24 Stunden Wach (…).“ Die Kinder und Jugendlichen wachsen unter sich auf. An einigen jüdischen Schulen lernen auch Christen, Muslime, Konfessionslose. An der Lauder Schule ist das nicht so. Viele Schüler kennen sich zudem aus ihrer strenggläubigen Gemeinde, zu der etwas weniger als 100 Familien in Berlin zählen. „Mir gefällt, dass hier jeder praktisch jeden kennt. Und zwar wirklich kennt“, sagt ein 15-Jähriger. Der Zehntklässler sucht sich für diesen Medienartikel den Namen Marcel aus. Auch seine Mitschüler tragen ausgedachte Namen, weil die Schulleitung das zu ihrem Schutz so wollte. „Ich habe einige nichtjüdische Freunde, aber nur online“, sagt Marcel zu Sara. Sie ist 14 und in der Neunten, eine Stufe unter ihm. Die Schüler sind von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr zusammen. Viel Zeit außerhalb von Schule und jüdisch-orthodoxer Gemeinde, um Freunde zu finden, bleibt ihnen nicht. Sara spricht von der Gemeinde als einer „Bubble“, einer Blase. Sie fühlten sich wohl hier, sagen sie, wünschen sich aber auch mehr Kontakt zu jungen Leuten, die eine andere Herkunft haben, einen anderen Glauben. Geht das so einfach? Besonders die jüngeren Schüler betonen, warum sie gerne innerhalb der bewachten Schulmauern und der bekannten Gruppe bleiben. „Hier sind alle Juden, alle wissen, was Juden sind“, sagt die Fünftklässlerin

Rahel. „Hier muss man sich nicht verstecken.“ Verstecken? Das kann heißen, dass man, wie ihr Mitschüler Jakob, im Sportverein niemandem erzählt, dass man Jude ist. Bei Schulausflügen werden längere Unterhaltungen auf Hebräisch unterbunden. Die Lehrer ziehen Jungen, die es nicht von allein tun, die Mütze über die Kippa. Die Schaubänder verschwinden in der Hose. „Wir sind darauf geschult, darauf zu achten, dass unsere Kinder nicht sofort als jüdische Kinder erkennbar sind“, erläutert eine der Schulleiterinnen.

Die älteren Schüler machen sich weniger Sorgen oder sagen das zumindest. „Ich glaube, ich bin aktuell sicher in Deutschland“, sagt Marcel. Dabei hat auch er schon schlechte Erfahrungen gemacht. In seiner Grundschulzeit in einer anderen Stadt hätten ihm zwei Klassenkameradinnen und ein Junge die Mütze weggenommen und hineingespuckt. „Sie haben gesagt: Ich darf nicht auf ihr Grundstück, weil ich Jude bin.“ Trotzdem trägt Marcel privat seine Kippa in Berlin oft offen. Er sei in der Hauptstadt noch nie angegriffen oder beleidigt worden.

Sara pflichtet ihm bei. Die AfD macht nach ihrer Einschätzung eher Kampagnen gegen Muslime als gegen Juden. Wenn es aber schlimmer werde, müsse man Deutschland verlassen, sagt sie schnell hinterher. (Maximilian Perseke, dpa)

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