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„It is like it is“ - „Es ist, wie es ist“, heißt das Mahnmal zur Corona-Krise des Künstlers Dennis Josef Meseg.
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„It is like it is“ - „Es ist, wie es ist“, heißt das Mahnmal zur Corona-Krise des Künstlers Dennis Josef Meseg.

Corona-Pandemie

Einander aushalten

  • Viktor Funk
    vonViktor Funk
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Warum wir gerade jetzt lernen sollten, mit Widersprüchen zu leben und warum es sich lohnt hinter die eigene Wut zu schauen.

Wo anfangen?

Zum Coronavirus selbst ist viel gesagt worden. Wer seine Gefahr prinzipiell infrage stellt, braucht nicht weiterzulesen. Hier soll es um den politischen Umgang mit der Pandemie gehen, genauer: um das politische Stolpern durch die Pandemie. Um schlechte politische Kommunikation, um die fehlende politische Bildung in der Gesellschaft, um moralische Überlegenheitsgefühle derjenigen, die harte Corona-Regeln befürworten sowie derjenigen, die diese ablehnen.

Krankheiten waren schon immer politisch. Das zeigt die Geschichte von Impfungen, das zeigt der Umgang mit HIV-Infizierten, das zeigen Vorwürfe an verschiedene Gruppen, Krankheiten zu verbreiten. So weit nichts Neues. Neu ist, dass Corona alle Menschen (be)trifft, dass so gut wie niemand in der Gesellschaft sagen kann: Das geht mich nichts an.

Die Betroffenheit aller zeigt sich darin, dass alle ihre Betroffenheit äußern. Sichtbar und hörbar sind dabei vor allem Wut und Zorn, Frust und Jammer. Weniger sichtbar ist Trauer. Nicht nur die Trauer derjenigen, die wegen Covid-19 jemanden verloren haben oder die in der Pandemie jemanden verloren haben, von dem sie sich nicht verabschieden konnten. Es geht auch um die Trauer, die in vielen Fällen hinter der Wut ist, die heilsamer als Wut wäre, wenn man sie zuließe: die Trauer um zerstörte Lebensträume; die Trauer, wenn der eigene Betrieb leidet; die Trauer, wenn der Streit über den Umgang mit der Pandemie Bekanntschaften, Freundschaften oder Familien zerreißt.

Wut und Zorn – so wichtig sie in einem Moment von Überwältigung sein können, so (selbst)zerstörerisch sind sie, wenn man nicht dahinterblickt und sich selbst fragt, weshalb genau man wütend ist. Sind das wirklich einzelne Politiker oder Politikerinnen, die eine direkte Schuld an meiner Situation haben? Sagt die ständig neu verhandelte Inzidenzzahl tatsächlich etwas über die Gefahr des Virus aus oder mehr über unser politisches föderales System? Sind die Boten einer schlechten Nachricht das Problem oder das, wovon die Nachricht handelt?

Die Vielfalt der Gruppen, die in der Pandemie zu hören sind, ist groß. Und oft werden sie mit Begriffen versehen, die zu noch mehr Wut und Zorn führen. Es gibt – wie auch schon 2015/2016 beim Zuzug vieler Flüchtlinge zu beobachten – Menschen, die für Argumente nicht erreichbar sind. Um die geht es hier nicht.

Vorsichtig mit pauschaler Abwertung und dem Abbruch der Kommunikation sollten wir aber bei denjenigen sein, die berechtigte Fragen haben, wie zum Beispiel: Warum haben wir nach 13 Monaten immer noch keine genaueren Daten? Wie kann es sein, dass Gesundheitsbehörden so schlecht ausgestattet sind, dass sie nur zeitversetzt und wie im 20. Jahrhundert arbeiten? Wie sollen Menschen, die seit einem Jahr überdurchschnittlich gestresst sind, in die Politik vertrauen, wenn innerhalb kurzer Zeit die Alarm-Inzidenzzahl von 50 auf 100, dann auf 35, dann wieder auf 200 und dann erneut auf 100 (Ausgangssperre) und 165 (Schulen dicht) festgelegt wird? Warum wird immer wieder die Zahl der freien Intensivbetten betont, aber selten gesagt, dass es zu wenig Personal gibt, die Schwerkranken zu versorgen? Warum wird die rhetorische Beruhigungspille von „ausreichenden Betten“ wiederholt, wenn bekannt ist, dass mehr als ein Drittel aller beatmeten Covid-Kranken stirbt? Warum sind manchen die älteren Menschen gleichgültig, wenn sie sagen: „Es sterben doch fast nur Alte!“?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, lautet der erste Satz unserer Verfassung. Jedes Menschen.

Innerhalb der Gruppe, die die Gefährlichkeit des Virus nicht verneint, gibt es ebenfalls unterschiedliche Positionen: An einem Ende sind jene, die der Politik und vielen Forschenden Angstmache und der Pharmaindustrie Profitgier vorwerfen und am anderen Ende sind jene, die noch härtere Corona-Regeln fordern und sich bereitwillig mit allen zugelassenen Anti-Covid-Vakzinen impfen lassen würden.

In der täglichen redaktionellen Arbeit zeigt sich die Bandbreite dieser skeptischen Stimmen in Mails und Anrufen, in denen man sowohl als Verbreiter von Verschwörungsmythen beschimpft wird als auch als uneinsichtig, weil „jetzt einfach alle mal schnell durchgeimpft werden müssten“.

Jeder und jede dieser skeptischen – nicht leugnenden – Stimmen kann für sich begründen, warum der oder die andere falsch liegt. Beide Seiten haben etwas gemeinsam: Es fällt ihnen offenbar schwer, die Ängste und Sorgen der anderen zu sehen. Auf der einen Seite steht da der Vater einer schwerkranken Tochter, für die eine Corona-Infektion höchstwahrscheinlich tödlich ist, auf der anderen Seite ein kleines Familienunternehmen, das seit einem Jahr Schulden anhäuft, weil kaum noch wer seine Geschäfte betritt. Der eine wünscht sich einen vollständigen Lockdown und schnell eine Impfung, die anderen trauen den neuen Impfstoffen nicht und wollen mehr Öffnungen, weil es – aus der jeweiligen Sicht – um alles in ihrem Leben geht.

Wie weiter?

Es fehlt an Empathie. Sie könnte die Wut und den Zorn mindern, sie könnte mich auch die Sorgen der anderen sehen lassen. Diese Erkenntnis aus der Pandemie ist mindestens genauso wichtig für unsere Gesellschaft wie die vielzitierte Voraussage von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Wir werden auch viel darüber reden müssen, warum Menschen die Nöte der anderen nicht sehen können und wie wir zu einer solidarischeren Gesellschaft werden können.

Es fehlt auch am Vermögen, Widerspruch auszuhalten. Nicht alles muss in ein bestimmtes, den eigenen Bedürfnissen angepasstes Erklärungsmodell hineingezwängt werden.

Wir alle lernen. Und manchmal ist das Aushalten von Unklarheit und Widersprüchen Teil des Lernprozesses. Es wäre gut, mehr von dieser Kompetenz zu vermitteln, denn die globalisierte Welt wird noch komplexer werden.

Ist jetzt ein schlechter Zeitpunkt, damit anzufangen? Aber wird es einen besseren geben? Die sozialen Wunden der Pandemie wachsen, auch sie werden lange heilen müssen, so wie der Körper nach einer Infektion.

Dringender denn je ist jetzt eine transparente Kommunikation der Verantwortlichen in Bund und Ländern. Dringender denn je muss erklärt werden, warum manches noch immer schief läuft und warum die Entscheidungen so fallen, wie sie fallen.

Und wir müssen endlich über die Gründe reden, die zur miserablen Ausstattung der Gesundheitsämter, der Überforderung von Pflegekräften oder Personal in Kitas und Schulen führen. Ohne über den Neoliberalismus der vergangenen Jahre zu sprechen, ziehen wir keine adäquaten Konsequenzen aus dieser Krise.

Denn die eigentliche Frage ist nicht, wie Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten durch die Pandemie kommt, sondern, wie Deutschland besser und im inneren friedlicher durch ähnliche Krisen gehen kann. Denn dass sie kommen werden, steht außer Zweifel.

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