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Ukraine-Krieg und „Zeitenwende“: Ein verstörendes Jahr

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Von: Martin Benninghoff

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Menschen fotografieren den Weihnachtsbaum auf dem Sofiyska-Platz nach einem russischen Drohnenangriff auf die Stromversorgungsinfrastruktur in Kiew.
Menschen fotografieren den Weihnachtsbaum auf dem Sofiyska-Platz nach einem russischen Drohnenangriff auf die Stromversorgungsinfrastruktur in Kiew. © imago

Vor zehn Monaten hat der Ukraine-Krieg begonnen. Der Kanzler prägt mit „Zeitenwende“ den Begriff des Jahres dazu. Ein Essay.

Zeitenwende, Wendezeiten. In diesen Tagen an Weihnachten, an denen es geruhsamer, vielleicht reflexiver zugeht, kommt mir dieses simple Wortspiel in den Sinn. „Zeitenwende“, den Begriff hat Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022, drei Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, in seiner Regierungserklärung im Bundestag geprägt. Ob geschickte PR-Strategie seiner Redenschreiberinnen und Redenschreiber oder nicht, sei dahingestellt: Der Begriff saß, und er sitzt immer noch, zehn Monate später, am Puls der Zeit, und er kam zum richtigen Zeitpunkt. Als Claim wird er die Amtszeit(en) dieses Kanzlers überdauern. Das „Wort des Jahres“ hallt nach, erst recht an Weihnachten, an dem der Alltag einige Tage pausiert.

„Zeitenwende“ bringt die Zäsur auf den Punkt, die Abkehr von politisch-wirtschaftlichen Irrtümern wie dem viel zu langen Festhalten an der Nordstream-II-Pipeline und langgepflegten „Gewissheiten“ – etwa eines für immer befriedeten Europas, was ohnehin seit den blutigen Schlachten in Ex-Jugoslawien in den 1990 er Jahren die pure Anmaßung war. Es ist schon erstaunlich, wie manche nun aufschrecken, als sei hier in Europa die vergangenen Jahrzehnte alles friedlich gewesen, von anderen Weltgegenden ganz zu schweigen, wo Kriege toben und täglich Menschen abgeschlachtet werden.

Weihnachten im Krieg: Wir brauchen Empathie für die Krisen anderer

Ach ja, war das was? Haben wir all die anderen Krisen und Konflikte einfach so weggebucht, weil sie zu weit weg sind? Und weil sie nicht die hiesige Wahrnehmungsschwelle überschreiten, die es offenbar braucht, um eine „Zeitenwende“ zu sein?

Der Krieg in der Ukraine ist trotzdem ein Sonderfall, weil er die Sicherheit in ganz Europa gefährdet, ein Zustand, der für die osteuropäischen Staaten seit 2014, dem Jahr der russischen Annexion der Krim, unruhige Normalität ist. Zeitenwende weist aber über das Politische hinaus und spricht die Menschen an, die Individuen, ja, einen selbst. Auf dass es uns nicht anders ergehen soll als der großen Politik mit all ihren Irrtümern und Lebenslügen.

Wir in Deutschland schauen aus der Ferne zu, wie gehabt im geheizten Wohnzimmer, am Weihnachtsbaum, die Spekulatius und Kokosmakronen zur Hand. Wir können sagen: zum Glück.

Martin Benninghoff

Auch wir – Privatleute und Bürger:innen – stehen mit Gewohnheiten und Haltungen in Frage, mehr denn je, nicht nur im Hinblick auf die Ukraine. Dieses Weihnachtsfest am Ende eines verstörenden Jahres unterscheidet sich von den routinierten Hochfesten der Vor-Corona-Zeit, und das ist eine Chance. Aber wir brauchen Empathie für die Krisen anderer, viel mehr Empathie als in früheren Zeiten, im In- und Ausland, weil nicht alle gleichermaßen betroffen sind.

Weihnachten im Krieg: Wir schauen aus der Ferne

Es gibt eine deutliche Ungleichzeitigkeit – ein Begriff, den der Philosoph Ernst Bloch einst maßgeblich geprägt hat – im Erleben dieser Zeitenwende. Tausenden Ukrainerinnen und Ukrainern, deren Hab und Gut zerstört und Familie oder Freund:innen getötet worden sind, die am ukrainischen Weihnachtsfest im Dezember und Anfang Januar in der Kälte oder Kerzenlicht sitzen, wurde buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Da geht es nicht um Irrtümer oder Lebenslügen, ihre konkreten Existenzen sind dahin, im Falle getöteter Menschen irreparabel (das gilt auch für die Mütter und Väter gefallener russischer Soldaten). Für die Ukrainer:innen ist die Zeitenwende fühlbar, riechbar, greifbar – da reicht manchen von ihnen ein Blick durchs geborstene Küchenfenster.

Wir in Deutschland schauen aus der Ferne zu, wie gehabt (trotz aller Diskussion um Energiepreise) im geheizten Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum sitzend, die Spekulatius und Kokosmakronen zur Hand. Auch ich schaue nur zu, und solange keine russische Rakete in Berlin, Köln oder Frankfurt einschlägt, wird das auch vorerst so bleiben. Und wir können sagen: zum Glück.

Natürlich, der Liter Milch kostet im Discounter jetzt deutlich mehr als einen Euro, obwohl die konventionell hergestellte haltbare Variante im Frühjahr noch für 80 Cent zu haben war. Backen ist also teurer geworden, für manche gereicht das an Weihnachten schon zur kleinen Katastrophe. Der Diesel ist auch ziemlich kostspielig geworden, die Fahrt zur Familie macht sich an der Tankstelle stärker bemerkbar. Und auch die Flugpreise steigen. Der Weihnachtsurlaub, ein teureres Vergnügen. Ja, gut, die Preise nähern sich eben der wirklichen Wertigkeit dieser Produkte an – ist doch gar nicht so schlecht, könnte man meinen.

Weihnachten im Krieg: Ungleichzeitigkeit im Erleben der Zeitenwende

Doch jeder und jede erlebt das eigene Leid, und sei es noch so klein. Wer sich ein neues Auto kauft, muss vielleicht ein Jahr warten, weil die Lieferketten nicht so funktionieren wie sonst. Nichts davon ist geringfügig, schon klar, wer gibt gerne mehr Geld aus in Zeiten, da die Inflation drastisch gestiegen ist? Aber ist das die beschworene Zeitenwende, das gewaltsame Herausbrechen aus der Normalität? Wird jetzt gar alles anders als es zuvor gewesen ist? Das würde „Zeitenwende“ ja andeuten. Für die Mittelschicht und die Reichen in Deutschland sicherlich nicht. Es sind die moderaten Nebenwirkungen einer Krankheit, die sich ganz woanders austobt – auf den Schlachtfeldern der Ukraine. Es ist unangenehm, es kratzt und juckt, aber hier stirbt niemand an den Folgen, oder nur sehr wenige.

Doch auch in Deutschland gibt es sie, die Ungleichzeitigkeit im Erleben der Zeitenwende. Arme Menschen, die absehbar die Gasrechnungen nicht mehr werden zahlen können und künftig zu den Tafeln laufen müssen, um den Kühlschrank halbwegs zu füllen, weil alles selbst im Discounter so teuer geworden ist. Menschen, die Angehörige in der Ukraine verlieren oder selbst auf der Flucht sind und sich in Deutschland zurechtfinden müssen. Sie, deren Leben sich auf den Kopf stellt, leben Haus an Haus mit Menschen, für die die Zeitenwende nichts anderes ist als ein prominenter Begriff aus dem Munde eines noch prominenteren Kanzlers, dessen Leben sich auch nur insofern ändert, als sich sein Arbeitspensum nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges verschärft haben dürfte.

Weihnachten im Krieg: Von Pathos kann keiner leben

Mir geht es da ähnlich wie vielen: Meine Arbeit als Journalist ändert sich zwar, die Berichterstattung fokussiert sich auf den Krieg, er lässt einen nicht los oder schon gar nicht kalt. Aber mein Leben? Ja, gut, es wird etwas teurer. Mehr Zeitenwende ist aber in meinem Alltag nicht, zumindest vordergründig. Den Begriff bedeutungsschwanger im Munde zu führen, das reicht daher nicht. Von Pathos kann keiner leben.

Es ist nicht nur eine Frage der Perspektive – es ist vor allem eine Frage der Verhältnisse, in denen man lebt. Hier kommen die Wendezeiten ins Spiel, ein historischer Vergleich, den man nicht zu weit treiben sollte. Als sich das Leben von Millionen Menschen in den Wendezeiten von November 1989 bis Oktober 1990 in Ostdeutschland und Osteuropa fundamental änderte, für viele buchstäblich kein Stein auf dem anderen blieb im Privat- und Erwerbsleben, veränderte sich für viele im Westen augenscheinlich nichts. Mit Ausnahme der Entscheidung, die Hauptstadt vom Rhein an die Spree, von Bonn nach Berlin, zu verlegen, was in der rheinischen Beamtenschaft zu Unruhe führte.

Weihnachten im Krieg: Systemkonflikt mit „dem Westen“

Ansonsten herrschte eine Art Ungleichzeitigkeit im Erleben eines grundlegenden Wandels. Für die einen änderte sich nichts, für die anderen fast alles. Und oft lagen nur wenige Dutzend oder Hundert Kilometer dazwischen, manchmal sogar nur zwei, drei Steinwürfe. Auch deshalb haben viele von denen, deren Leben sich erst einmal nicht änderte, nicht verstanden, wie tiefgreifend dieser Wandel für andere ist – und indirekt auch für sie selbst. Der Graben, der heute noch zwischen Ost und West zu erahnen und manchmal zu sehen ist, liegt auch hierin begründet.

Diese Ungleichzeitigkeit trifft in besonderem Maße für die Zeitenwende zu, die wir heute erleben, die aber viele in ihrem grundlegenden Ausmaß nicht wahrhaben wollen, weil sie sie selbst kaum am eigenen Leib spüren: Wenn ein früherer ukrainischer Botschafter jenseits aller Diplomatie und fast schon unverschämt forsch für seine Sache trommelt, kann ich es in diesem Fall gut verstehen.

Weihnachten im Krieg: Kreml will dauerhaften Systemkonflikt mit „dem Westen“

Wenn Menschen nicht sehen, dass der Ukraine-Krieg eben nicht nur ein regionaler Konflikt ist, der bald vorbei geht, sondern dass die Kremlclique um Wladimir Putin versucht, einen dauerhaften Systemkonflikt mit „dem Westen“ herbeizubomben, der auch vor Deutschland nicht haltmacht.

Aber es geht über die Ukraine hinaus: Wenn Menschen nicht verstehen, dass der Klimawandel die Zukunft der heutigen und bald geborenen Kinder konkret aufs Spiel setzt, und sich stattdessen über Ordnungswidrigkeiten von Klima-Aktivist:innen echauffieren, die real um ihre Zukunft fürchten, dann ist auch das eine Ungleichzeitigkeit im Erleben der Krise. Wenn Konservative die Umsturzpläne der sogenannten Reichsbürger fahrlässig als irre Rentneraktion klein reden und mit Klima-Protesten gleichsetzen, statt die fundamentalen antidemokratischen, destabilisierenden Tendenzen in diesen Milieus endlich als das ernst zu nehmen was sie sind: eine hochansteckende Gefahr für die parlamentarische Demokratie, wie wir sie kennen und schätzen. Jetzt nochmal mehr, da wir jeden Tag sehen, wie die chinesische Diktatur bei ihrer Corona-Politik versagt.

Weihnachten im Krieg; „Zeitenwende“, ein Synonym für Aufbruch

Ein Weiter so geht nicht, es gibt keinen Anspruch auf Kontinuität der Umstände, das müssen auch die Mittelschicht und die Reichen begreifen. Für die Demokratie muss man kämpfen, sonst ist sie irgendwann weg. Oft erschließt sich die Tragweite einer solchen Zeitenwende eben erst sehr viel später – und wird zum Forschungsgebiet von Historiker:innen. Die Weimarer Republik mit ihren Steigbügelhalter:innen in Politik, Unternehmertum und Journalismus für den aufkommenden Nationalsozialismus sollte uns in Deutschland für alle Zeiten eine Lehre sein. Aber wer könnte allen Menschen den Vorwurf machen, die Tragweite nicht schon im Moment des Entstehens zu erkennen?

Ist es jedoch nicht die Pflicht der Politik, der Wissenschaft, des Journalismus, der Wirtschaft, der professionellen Zeitdeuterinnen und Zeitdeuter in der Gesellschaft, der Aktivistinnen und Aktivisten, die Zeichen und Signale richtig zu interpretieren – und nicht abzuwehren, weil sie für den Moment unbequem zu sein scheinen (aber in Zukunft noch viel unbequemer werden dürften)? Und sollten sich nicht auch alle einen Ruck geben, das eigene Umfeld zu ergründen – und damit auch die eigenen Überzeugungen? Vielleicht ohne die toxischen Zutaten einer verrohten Debattenkultur, wie sie mitunter den Rest des Jahres bestimmt?

Das christliche Weihnachten ist da nur eine Option zur innerlichen Einkehr und kann Räume zum Reflektieren öffnen. Das können auch andere Feste zur Jahreswende sein, religiöse und atheistische, in denen Menschen das Licht der Erneuerung und die Zyklen des Lebens feiern und durchdenken. Sie alle eint nur der Moment des Innehaltens, der in diesem Jahr der Zeitenwende und Wendezeiten nötiger denn je ist und vielleicht auch produktiver. Wenn das Hoffnung meint, dann ist Weihnachten das ersehnte Fest der Hoffnung. „Zeitenwende“ ist dann nichts anders als ein Synonym für Aufbruch. (Martin Benninghoff)

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