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Ein Tod mit vielen Fragezeichen

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Von: Stefan Scholl

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Am Ort des Anschlags: Ermittler sammeln in der Nähe von Moskau die Überreste des Wagens auf, in dem Darja Dugina ums Leben kam.
Am Ort des Anschlags: Ermittler sammeln in der Nähe von Moskau die Überreste des Wagens auf, in dem Darja Dugina ums Leben kam. © AFP

Nach dem Mord an der Tochter eines kremlnahen Ideologen übertrumpfen sich FSB und Oppositionelle mit Tatversionen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Tass ist der Toyota-Jeep, den Darja Dugina gesteuert hat, mit Hilfe eines aus der Ferne gezündeten Sprengsatzes in die Luft gejagt worden. Und der russischsprachige Telegram-Kanal Mash berichtete, Unbekannte hätten mit anonymisierten Mobiltelefonen ihren Vater, Alexander Dugin, beschattet.

Am Samstagabend kam Darja Dugina, 29, die Tochter des nationalistischen Ideologen Alexander Dugins, bei einem Bombenanschlag auf der Moschaisker Chaussee bei Moskau ums Leben. Kremlnahe Politiker und Publizisten machten sofort den ukrainischen Geheimdienst, außerdem die USA und Großbritannien für den Mord verantwortlich. Oppositionelle redeten von einer Provokation des russischen Sicherheitsapparates, als Handhabe für noch stärkeren Terror gegen ihresgleichen.

Der russische Geheimdienst aber präsentierte am Montag eine ukrainische Geheimdienstagentin als Mörderin. Und eine weitere Version lieferte der nach Kiew emigrierte oppositionelle Ex-Parlamentarier Ilja Ponomarjow: Hinter dem Anschlag auf Dugina stünden Untergrundkämpfer einer russischen „Nationalen Republikanischen Armee“. Ein politischer Mord mit vielen Verdächtigen.

Laut FSB ist der Fall gelöst: Geplant habe das Verbrechen der ukrainische Sicherheitsdienst SBU, Täterin sei die Ukrainerin Natalja Wowk, die Ende Juli mit ihrer zwölfjährigen Tochter nach Russland eingereist sei und eine Wohnung in dem Haus gemietet habe, in dem auch Darja Dugina lebte.

Laut FSB sei Wowk eine Agentin des ukrainischen Geheimdienstes SBU gewesen, die ihr Opfer in einem Mini Cooper mit Nummernschildern der ukrainischen Rebellenrepublik DNR und Kasachstans beschattete. In diesem Auto sei sie dann mit ukrainischen Nummernschildern über die estnische Grenze entkommen.

Allerdings spotten Menschen in Russland in den sozialen Netzen jetzt über die feindliche Spionin im Mini-Cooper. Zumal Wowk am Tag des Mordes angeblich mit ihrer Tochter auf dem nationalpatriotischen Sommerfest „Tradizija“ gesehen wurde, von dem Darja Dugina zu ihrer Todesfahrt im Toyota startete.

Zudem vermuteten die Moskauer Medien sofort nach dem Mord, das Attentat habe Alexander Dugin und nicht seiner Tochter gegolten. Der Soziologe predigt seit Jahrzehnten eine antiwestliche Politik, sein „eurasischer Imperialismus“ gehört inzwischen zum Mainstream der russischen Propaganda. Seine Tochter Darja unterstützte die neue russische Expansionspolitik, gehörte aber keineswegs zur politischen Prominenz Moskaus.

Putin-Gegner Ponomarjow brachte auf der Internetplattform Youtube eine bisher unbekannte russische Untergrundgruppe ins Gespräch: „Wie viele andere direkte Partisanenaktionen, die auf dem Gebiet Russlands in den vergangenen Monaten ausgeführt wurden, hat die Nationale Republikanische Armee diese Operation verwirklicht.“ Er halte über den Telegramkanal Rospartisan Kontakt mit ihren Kämpfern, die ihn bevollmächtigt hätten, ihr Manifest bekannt zugeben. Laut dessen Text handelt es sich um Aktivisten, Militärs und Politiker, die Kriegstreiber, Räuber und Unterdrücker Russlands bekämpfen. „Wir erklären Präsident Putin zum Machtusurpator und zum Kriegsverbrecher … Armut und Särge für die einen, Paläste für die anderen, das ist das Wesen seiner Politik.“ Sie würden Putin vernichten und eine neue Gesellschaft ohne Oligarchen, Korruption und Beamtenwillkür, ohne Gewalt und Krieg schaffen. „Jeder wird nach seiner Arbeit belohnt.“

Außer der Stimme des Sozialisten Ponomarjows gibt es bisher keinerlei Informationen über eine Antiputin-Partisanenarmee in Russland. „Ponomarjow ist bekannt dafür, dass er viel redet, viel Phantasie besitzt“, sagte der liberale Moskauer Politologe Juri Korgonjuk der FR. Und Alexander Dugin sei schon lange eine unwesentliche Randfigur ohne Zugang zu Putin. Wahrscheinlicher als eine professionelle Terror- oder Geheimdienstoperation gegen ihn sei eine Abrechnung innerhalb rechter Splittergruppen.

Die Telegram-Guerilleros von „Rospartisan“ versicherten gestern, die vom FSB beschuldigte Ukrainerin Natalja Wowk habe nichts mit dem Anschlag zu tun gehabt.

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