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Durch Verkehrsunfälle kommen jährlich Hunderttausende Unfallopfer in die Notaufnahmen.
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Durch Verkehrsunfälle kommen jährlich Hunderttausende Unfallopfer in die Notaufnahmen.

Tempolimit

„Ein Tempolimit hilft den Kliniken gerade in Corona-Zeiten“

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Umweltmediziner Markus Dettenkofer über die häufige Todesursache Autounfall, die Position der FDP und Druck aus der Öffentlichkeit.

Herr Professor Dettenkofer, die Sondiererinnen und Sondierer für eine Ampel-Koalition haben das allgemeine Tempolimit auf deutschen Autobahnen auf Druck der FDP als Klimaschutz-Maßnahme ausgeschlossen. Sie fordern die Verhandelnden nun auf, das zu revidieren. Warum?

Wir haben in den Kliniken seit einigen Jahren einen Mangel an ausgebildeten Pflegekräften und dadurch einen Rückgang der verfügbaren Intensivbetten. Mit der Corona-Pandemie kommen wir an und bald wieder über die Grenze. Durch Verkehrsunfälle kommen jährlich Hunderttausende Unfallopfer in die Notaufnahmen, darunter etwa 70 000 Schwerverletzte. Dadurch gibt es eine weitere hohe Belastung der Intensivstationen. Und nicht zu vergessen: Durch Autounfälle in den letzten Jahren gibt es in Deutschland viele lebenslang Schwerbehinderte. Und die häufigste Ursache für tödliche Autounfälle ist mit 25 Prozent überhöhte Geschwindigkeit.

Wie stark könnte ein Tempolimit die Belastung der Kliniken mindern?

Bei einem Modellversuch in Brandenburg gab es durch ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen über 50 Prozent weniger Unfälle. Jeder Schwerverletzte im Verkehr und jeder Unfall mit Todesfolge ist zu viel. Bundesweit 70 000 Schwerverletzte bedeuten rund 190 Intensivpatienten neu pro Tag. Und ähnlich wie Corona-Patienten müssen sie oft lange und eingreifend auf der Intensivstation behandelt werden. Immer wieder versterben dann Menschen, die ansonsten bei guter Gesundheit noch ein erfülltes Leben haben könnten.

Würde das die Covid-Lage in den Krankenhäusern entspannen?

Auf jeden Fall. Wir kommen mit Covid an die Belastungsgrenze der Intensivstationen. Da müssen die Ärztinnen und Ärzte in Einzelfällen entscheiden, wen sie überhaupt noch adäquat behandeln können: den bei überhöhter Geschwindigkeit Verunfallten, den ungeimpften Covid-Erkrankten oder den akuten Schlaganfall-Patienten. Übrigens ist die psychische Belastung des Personals außerordentlich hoch, weil die schwer Verletzten dann vielleicht doch sterben oder an ihrem Schicksal und der Behinderung sehr leiden. Auch für die Angehörigen und für die medizinischen Teams eine schreckliche Bürde.

Glauben Sie, man könnte die Freien Demokraten, die sich als Kämpfer für die „freie Fahrt“ sehen, irgendwie überzeugen?

Zur Person

Markus Dettenkofer, 60, ist Umweltmediziner und Hygieniker. Er ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Freiburg. Der Arzt ist zudem Leiter des Bereichs Hygiene und Infektiologie bei der Klinikgruppe Sana, die in Deutschland 58 Krankenhäuser und 44 medizinische Versorgungszentren betreibt. jw Foto:Privat

Da bin ich sicher. Mich erinnert das an längst vergangene Zeiten, als mit dem Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ gegen die Gurtpflicht in Autos agitiert wurde. Der Lebens- und Umweltschutz für uns alle muss hier aber Vorfahrt haben vor einem Zeitgewinn durch riskant gefährliches Beschleunigen auf oft über 200 Stundenkilometer, mit ebenso riskanten Bremsmanövern. Das ist auch eine unverantwortliche Verschwendung wertvoller Energie.

Und wie ist es mit dem Klima- und Umweltaspekt?

Der ist genauso wichtig: Der Spritverbrauch steigt mit der Geschwindigkeit überproportional an, und überhöhte Geschwindigkeit ist definitiv klimaschädlich. Mit einem moderaten Tempolimit 130 auf Autobahnen und zum Beispiel Tempo 90 auf Landstraßen und Tempo 40 innerorts würden jährlich gut zwei Millionen Tonnen CO2 gespart, die Anzahl der Unfälle drastisch gesenkt und der oft hohe und gesundheitsgefährdende Verkehrslärm – der nachweislich zu mehr Herztoten führt – würde deutlich reduziert.

Gegenargument: Zwei Millionen Tonnen CO2 sind nur etwa drei Prozent der Gesamtemissionen.

Es gibt keine andere Maßnahme, die sich in Deutschland so schnell, kostengünstig und lebensfreundlich umsetzen lässt. Nur mal zum Vergleich: Eine typische Photovoltaikanlage auf einem Einfamilienhaus spart pro Jahr etwa zwei Tonnen CO2. Man müsste also eine Million solcher PV-Anlagen bauen, um den gleichen Effekt zu erzielen.

Also ein Grund für SPD und Grüne, die das Tempolimit befürworten, das Thema doch noch einmal aufzumachen?

Auf jeden Fall, und je schneller, desto besser. Der Nachdruck dafür kommt ja aus der ganzen Gesellschaft, und selbst der ADAC kämpft nicht mehr gegen ein vernünftiges Tempolimit. Ich selber halte mich als Arzt an Tempo 130. Ich bin aber auch immer wieder gerne im Schnellmodus bis 300 Sachen unterwegs – allerdings im ICE. Wir müssen unsere gemeinsame Verantwortung ernst nehmen. Und wie beim Nichtrauchen in Zügen und Gaststätten wird ein Tempolimit in kurzer Zeit eine Selbstverständlichkeit sein – zu unserer Sicherheit und für ein nachhaltigeren, zukunftweisenden Verkehr. Das ist auch keine „Verbotskultur“, sondern die richtig verstandene Freiheit, sich gemeinsam für das Leben zu entscheiden. Ich hoffe sehr, dass dies der neuen Koalition gelingt. Ansonsten ist es wohl Zeit für eine breite Bürgerbewegung und für eine Petition.

Interview: Joachim Wille

Markus Dettenkofer.

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