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FR vom Juni 1967

"Ein Student verstarb später im Krankenhaus"

Tonband könnte zum wichtigsten Beweismittel werden - Berliner Senat taktiert hinhaltend.

Von Karl-Heinz Krumm, z.Zt. Berlin

Das wichtigste Beweismittel ist ein Tonband. Ein junger Berliner Lehrer hatte es, ohne die spätere Bedeutung zu ahnen, am vergangenen Freitagabend bei den Studentendemonstrationen gegen den Schah vor der Berliner Oper eingeschaltet und dabei auch die entscheidenden Momente der dramatischen Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten in der Krummen Straße aufgezeichnet. Was amtliche Stellen seit Tagen durch immer neue Versionen Ober den Tod des Studenten Benno Ohnesorg zu verwirren trachteten: Das Tonband gibt darauf eine recht klare Antwort. Sprechchöre der Studenten rufen immer wieder "Pfui" und "Notstandsübung", bis plötzlich eine einzelne Stimme zu hören ist: "Jetzt haben sie einen Polizisten." Dann plötzlich ein dumpfer Schuß und kurz darauf ein vielstimmiger Schrei: Die Polizei rückt nach. Dann: Hell und klar der zweite Schuß. Genau 22 Sekunden nach dem ersten. Beendet wird die turbulente Szene mit dem vielstimmigen Ruf: "Mörder! Mörder! Mörder!"

Der junge Lehrer übergab in der Nacht zum Dienstag dem Berliner Rechtsanwalt Mahler, der sich seit dem tödlichen Zusammenstoß unermüdlich bemüht, anhand zahlreicher Zeugenaussagen ein klares Bild jenes Abends zu ermitteln, im "Republikanischen Klub" in der Wielandstraße jenes Tonband. Begründung Nachdem wenige Stunden zuvor in der Fernsehsendung "Panorama" Bruchstücke der Aufzeichnung gesendet worden waren, lag unter der Wohnungstür des Lehrers eine anonyme Warnung: Behalten Sie das Band nicht zu Hause.

Allein diese Konsequenz ist typisch für das allgemeine und latente Mißtrauen, das sich nach den jüngsten Vorfällen in Berlin breitmacht und unübersehbar zeigt, wie wenig man bei den Studenten dem Senat und seinen Behörden nach ihrer harten und einseitigen Verurteilung der Demonstration ein ehrliches Bemühen um die ganze Wahrheit zutraut.

Der "Republikanische Klub", Ende vergangenen Jahres nach Bildung der Großen Koalition in Bonn von etwa 300 kritischen Wissenschaftlern, Künstlern und Gewerkschaftern als Diskussionszirkel gegründet, hat sich inzwischen, nur wenige Tage nach seiner offiziellen Eröffnung, zu einem Treffpunkt der Berliner "Rebellen" oder, wie ein Student formulierte, "zu einem Zentrum ehrlicher Aufklärung und Information" entwickelt. So ließ sich weit nach Mitternacht am Dienstag der Fraktionsführer der Berliner Freien Demokraten, Oxfort, von Rechtsanwalt Mahler über den neuesten Stand seiner Ermittlungen berichten. Mit größter Wahrscheinlichkeit ergibt sich daraus, daß nach der eigentlichen Demonstration vor der Oper ein Kriminalbeamter in der Krummen Straße plötzlich auf einen Studenten zulief, angeblich (so die Version des Polizeipräsidenten), weil er in dem jungen Mann einen Steinwerfer wiedererkannte und den flüchtenden Übeltäter bis in den Garagenhof verfolgte. Einige Demonstranten liefen sofort hinterher und sahen, wie der Beamte über dem am Boden liegenden Studenten stand und ihn mit Boxhieben bedrohte.

Es bestehen wenig Zweifel, daß während der nun folgenden Befreiungsaktion der Beamte für einen Moment in ernste Gefahr geriet. Sein erster Schuß scheint damit auch erklärt. Dann strömte sofort ein größeres Polizeiaufgebot nach; die Notwehrsituation war genauso schnell beendet, wie sie entstanden war. Und doch fiel 22 Sekunden nach dem ersten Schuß der zweite, und zwar ein gutes Stück vom Ort der "Prügelszenen" entfernt. Aber so viel weiß man: Ohnesorg starb nicht auf dem freien Platz hinter den Garagen, sondern unmittelbar neben der Straße, und einige Zeugen sahen einen Beamten mit vorgehaltener Pistole laufen, wollen ängstlich geschrien haben: "Nicht schießen!" Er schoß dennoch. Notwehr? Diese bequeme Theorie verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft eine Sonderkommission gebildet. Freilich: Ihre ersten Bemühungen, von Zeugen die ganze Wahrheit zu erfahren, blieben schon in den Ansätzen stecken. So soll ein Kriminalbeamter den entscheidenden Passus einer Aussage sehr eigenwillig und für die Polizei "wohlwollend" ins Protokoll notiert haben und erst zu einer Änderung bereit gewesen sein, als: sich der Zeuge beharrlich weigerte, seine Unterschrift zu leisten. Rechtsanwalt Mahler empfahl daher allen wichtigen studentischen Zeugen, nur vor einem Untersuchungsrichter auszusagen.

Währenddessen bemühen sich die drei Parteien im Abgeordnetenhaus, ihre eigenen Schlüsse aus dem politischen Spektakel zu ziehen. Die FDP, zunächst ebenfalls auf hartem Senatskurs, faßte als erste wieder Tritt Sie beantragte die sofortige Einberufung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, geriet aber dabei sofort in Schwierigkeiten mit dem Koalitionspartner SPD. Innerhalb der SPD-Fraktion soll es bereits am Montag zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen gekommen sein, und nicht nur unter den Studenten kursiert hartnäckig das Gerücht, daß bereits kurz nach der Affäre ein namhafter Sozialdemokrat erklärte: "Es stehen schon drei Särge bereit, für den Regierenden Bürgermeister Albertz, den Innensenator Büsch und den Chef der Senatskanzlei, Spangenberg." Daß einige SPD-Politiker der seit dem Wochenende verfolgten Senatstaktik recht kritisch gegenüberstehen, zeigt auf jeden Fall die Aussage des Abgeordneten Löffler, die am Dienstag sogar in der obrigkeitstreuen Springer-"Morgenpost" notiert wurde: "Ich selbst hörte, wie ein Polizist zum anderen sagte: Warum hat der Kriminalbeamte geschossen? Wir hatten den Demonstranten doch schon sicher?"

Der Senat indes scheint sich, allen Studenten-Protesten zum Trotz, weiterhin für hinhaltendes Manöver entschieden zu haben. Fünf Verletzte, gab man jetzt bekannt, liegen noch in Krankenhäusern. Die Namen blieben geheim. Die Ärzte, hieß es, nehmen es mit ihrer Schweigepflicht sehr genau. Einen zweiten Toten hingegen, verlautete amtlicherseits, habe es bei den Demonstrationen nicht gegeben. Hoffentlich. Für das offizielle Bemühen des Senats, die Ereignisse jener Nacht im dunkeln zu lassen, gibt nämlich ein Beispiel zum Nachdenken Anlaß: Selbst im internen Bericht der Schutzpolizei vom 4. Juni steht über den tödlichen Vorfall in der Krummen Straße kein einziges Wort, sondern nur der Satz: "Ein 26jähriger Student verstarb später im Krankenhaus."

Aus der FR-Sonderausgabe von Anfang Juni 1967

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