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Ein Abgang, den viele Briten wollten: Cummings muss Number 10 nach Rauswurf mit Krempelkarton verlassen.

Brexit

Ein Rüpel zieht aus Downing Street aus

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Der bis vor kurzem noch allmächtige Premier-Berater Dominic Cummings wird ausgemustert.

Ein als Zuhörtermin gekennzeichnetes Treffen mit konservativen Hinterbänklern, eine programmatische Rede zur Umweltpolitik, dazwischen natürlich neue Brexit-Beratungen: Mit diesem straffen Programm für die neue Arbeitswoche versuchten die verbliebenen PR-Leute Boris Johnsons am Wochenende energisch, das Psychodrama im Herzen der britischen Regierung als abgeschlossen erscheinen zu lassen. Es war am Freitag kulminiert mit dem abrupten Auszug von Dominic Cummings aus der Downing Street, dem gleichermaßen verhassten wie bewunderten bisherigen engsten Berater des Premierministers.

Tränen, Wut, Verzweiflung und ständige Intrigen – so beschrieben die Sonntagszeitungen die vergiftete Arbeitswelt in Number 10. Glaubt man den Kommentaren, dann signalisiert Cummings’ Abgang zusammen mit der Kündigung des bisherigen Kommunikationsdirektors Lee Cain eine Neuorientierung der seit Monaten glücklos agierenden Tory-Regierung. Aber wohin geht die Reise nun? Das ist offen. Immerhin: Die Beseitigung der üblen Macho-Kultur, die das fanatisch antieuropäische Duo verbreitete, wäre ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zu einer sachorientierteren Arbeit.

Wohl nicht zufällig stehen mächtige Frauen als Siegerinnen im „Kampf um Johnsons Seele“ da, so die „Sunday Times“. Dazu gehört Munira Mirza, Leiterin der Grundsatzabteilung und eine alte Vertraute aus Johnsons Zeit als Londoner Bürgermeister. Profiliert hat sich auch Johnsons Verlobte Carrie Symonds, die als frühere Beraterin von Ministern sowie Kommunikationschefin der Konservativen die Partei so gut kennt wie kaum wer sonst in Downing Street. Gegen die „verrückten Mullahs“, so ihr Spitzname für Cain, Cummings und die anderen Eiferer der Brexit-Kampagne, setzte sie die befreundete Journalistin Allegra Stratton als Johnsons Pressesprecherin durch.

Cummings’ Abgang, fernsehgerecht inszeniert mit Rausschmiss-Karton vor der berühmten schwarzen Tür mit der goldenen Zehn, komme keinen Moment zu früh, seufzten viele in der immer schwerer gebeutelten Tory-Fraktion: Die Verachtung des 48-Jährigen für Abgeordnete und den parteipolitisch neutralen Civil Service habe sich allzu sehr auf die komplette Regierung übertragen. Und so ist an diesem Montag Johnsons erster Termin ein Gespräch mit der Gruppe konservativer Abgeordneter, die neugewonnene Wahlkreise im Norden Englands repräsentieren.

Kein Premierminister könne es sich leisten, „wenn ein einzelner Berater zur Dauerstory wird“, wies der mächtige Ausschussvorsitzende Bernard Jenkin gegenüber der BBC auf ein anderes Problem hin. „Niemand ist unverzichtbar.“ Dabei schien es noch im Mai so, als würde genau das auf Cummings zutreffen. Damals wurde bekannt, dass Johnsons Chefberater zu Beginn des Corona-Lockdowns Ende März gegen alle Auflagen verstoßen hatte und mit Covid-19-Symptomen erstmal ins Büro ging und dann mit Frau und Kind mehr als 400 Kilometer aus London zum Anwesen seiner Eltern im nordenglischen Durham düste. „Ich habe nichts falsch gemacht“, lautete der Kernsatz des Historikers mit Abschluss an der Elite-Uni Oxford auf einer bizarren Pressekonferenz im Garten der Downing Street.

Dass Johnson ihn mit diesem offenkundigen Regelverstoß davonkommen ließ, verursachte einen eklatanten Stimmungswechsel im Volk. Standen die Briten bis dahin der Regierung im Kampf gegen Corona praktisch vorbehaltlos zur Seite, stürzten nun Sympathie- und Umfragewerte in den Keller. Mittlerweile liegt die Labour-Opposition unter Keir Starmer regelmäßig vor den Torys, der Premier wird mehrheitlich als inkompetent und unzuverlässig eingestuft.

Das fiel Johnson vor einigen Wochen auch selbst auf, heißt es jetzt in der Rückschau. Er wartete dann nur auf den geeigneten Zeitpunkt, Cummings loszuwerden, der immer deutlicher die alte Regel bestätigte: Politikstrategen, die erfolgreiche Kampagnen anhand simpler Slogans zu führen gewohnt sind, erweisen sich für zielorientiertes, kompromissbereites Regierungshandeln als ungeeignet.

Und welch ein Ruf eilte dem gern in abgerissenen Sweatshirts und schlecht sitzenden Jeans herumlaufenden Mann voraus! Mit beinharten Kampagnen machte er sich in EU-feindlichen Kreisen einen Namen, gab „die Unterminierung der Glaubwürdigkeit der BBC“ als strategisches Ziel aus und amtierte für die Vote-Leave-Kampagne im Brexitreferendum 2016 als Chefstratege.

„Die Kontrolle zurückgewinnen“, jener so simple wie einprägsame Slogan ging auf den Mann zurück, den der frühere Premier David Cameron (2010-16) als „Karriere-Psychopathen“ bezeichnete. Dessen Abgang gebe der Regierung die Chance zu einem anderen Ton und besseren Umgangsformen, mahnt Ausschusschef Jenkin: „In Zukunft sollten Respekt, Integrität und Vertrauen eine zentrale Rolle spielen.“

Ob Cummings‘ Sturz aber auch einen Kurswechsel in den Brexit-Verhandlungen signalisiert? Brüsseler Insider freuten sich jedenfalls. Doch zu Beginn der alles entscheidenden Verhandlungswoche gab es keine Signale aus Downing Street. Mag der innenpolitische Ton sanfter werden – im Clinch mit der EU gibt sich London weiter hart.

Die EU wartet noch auf freundlichere Töne.

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