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Ein pompöser Abschied macht Japan wütend

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Von: Felix Lill

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Abgeschirmt vom Protest: Abes Witwe Akie und Premier Kishida begrüßen sich am Dienstag.
Abgeschirmt vom Protest: Abes Witwe Akie und Premier Kishida begrüßen sich am Dienstag. © afp

Der Staatstrauerakt für den im Juli ermordeten Ex-Regierungschef Shinzo Abe kommt in Japan nicht gut an / Von Felix Lill

Drinnen wirkte es wie große Einigkeit. Nach würdevollen Reden des aktuellen Premierministers Fumio Kishida sowie von dessen Vorgänger schritten die Vertreterinnen und Vertreter aus rund 200 Staaten und Regionen nacheinander nach vorne, wo das überlebensgroße Foto des Verstorbenen hing. Alle verbeugten sich in äußerst vorsichtigen Bewegungen. Diese delikate japanische Geste der Wertschätzung hatten viele der Geladenen offensichtlich extra einstudiert.

Um das Budokan herum, einer Sport- und Konzerthalle in Tokio, hatten sich Zehntausende Polizistinnen und Polizisten formiert. Schließlich war derjenige, dem dieses Staatsbegräbnis galt, nicht zuletzt deshalb bei einer Wahlkampfveranstaltung vor zweieinhalb Monaten gestorben, weil die Sicherheitsvorkehrungen zu lax gewesen waren und sein Mörder ungehindert hatte auf ihn schießen können.

Demonstrationen in Tokio

Am Dienstag wurde Shinzo Abe, der Japan von 2012 bis 2020 als Premierminister regierte, die letzte Ehre erwiesen. Es war ein pompöses Ereignis, das in Sachen öffentlicher Aufmerksamkeit und Feierlichkeiten fast an die Inthronisierung des Kaisers heranreichte. Seit Wochen war in Japan darüber gesprochen worden – und gestritten. Draußen, um das Budokan herum und anderswo in Tokio, wurde auch am Dienstag wieder protestiert, um sich gegen diese außergewöhnliche Veranstaltung auszusprechen. „Hantai“, auf Deutsch: dagegen, prangte auf vielen Schildern.

Japan hat untypische Wochen hinter sich. Auch in dem ostasiatischen Land ist es eigentlich üblich, dass über Tote nicht schlecht gesprochen wird. Und direkt nachdem Shinzo Abe am 9. Juli auf offener Straße in Westjapan erschossen worden war, war im Land auch fast nur Anteilnahme zu vernehmen. Zwei Tage nach dem Attentat gewann Abes Partei, die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP), wohl auch wegen des tragischen Todes deutlich die Wahl für das Oberhaus. Ein privates Begräbnis Abes fand binnen Tagen statt.

So schien die Regierung von Premierminister Fumio Kishida Mitte Juli populärer als je zuvor, hatte in Koalition mit anderen Parteien sogar eine Verfassungsmehrheit gewonnen. Konservative Kräfte um die LDP herum versuchen seit Jahrzehnten, die Verfassung zu ändern, um die Verteidigung des Landes stärken zu können. Die pazifistische Nachkriegstradition Japans und die hohen Hürden für eine Verfassungsrevision haben dies bisher nicht erlaubt. Der plötzliche Tod Abes aber, der sich zeitlebens um eine Verfassungsänderung bemühte, schien den Wunsch der Nationalist:innen zu erfüllen.

Ablauf des Staatsaktes

Soldaten in weißen Uniformen nahmen in der nahe des Kriegsschreins Yasukuni gelegenen Budokan-Halle die Urne entgegen und stellten sie auf ein Podest, das mit weißen und gelben Chrysanthemen dekoriert war. Während eine Militärkapelle die Nationalhymne Kimigayo spielte, standen die Gäste. Es folgte ein Moment des stillen Gedenkens. Danach wurde ein Video abgespielt, in dem Abes Amtszeit gerühmt wurde. In seiner Rede lobte der heutige Regierungschef Fumio Kishida seinen Mentor Abe als Politiker mit einer klaren Vision für die Entwicklung Japans und der Welt, der das Konzept eines „freien und offenen Indopazifik“ als Gegengewicht zu China verfolgt habe. „Du warst jemand, der viel länger hätte leben sollen“, sagte Kishida. (dpa)

Doch als die Regierung verkündete, Abe ein Staatsbegräbnis zu widmen, veränderte sich die Stimmung. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Japaner:innen gegen eine solche Ehre ist. Bis dato war nur einem Premier ein Staatsbegräbnis zuteilgeworden: Shigeru Yoshida, der Japan nach 1945 in ein neues Zeitalter geführt hatte.

Kritiker:innen von Abe betonen, dass der Nationalist zu polarisierend gewesen sei für so einen Staatsakt. Es gibt weitere Kritikpunkte. So werden die Kosten des Ereignisses auf umgerechnet 11,5 Millionen Euro geschätzt – in den Augen der Gegner:innen zu viel. Zumal im Fall von Abe, der in Skandale von Vetternwirtschaft verwickelt war und dessen Ansehen schon kurz nach seinem Tod abnahm. Abes Mörder hatte ihm vorgeworfen, mit einer Bewegung in Verbindung zu stehen, die als „Vereinigungskirche“ und für die Ausbeutung ihrer Mitglieder bekannt ist.

Regierung im Umfragetief

Der Mörder Abes gestand seine Tat sofort und gab an, die Vereinigungskirche habe seine Mutter ruiniert und Abe habe mit ihr in Verbindung gestanden. Mittlerweile ist eine solche Verbindung nicht nur bestätigt. Es hat sich auch herausgestellt, dass rund 200 Abgeordnete in Japan Verbindungen zur Vereinigungskirche unterhalten haben. Im Gegenzug für Unterstützung bei Wahlkampfkampagnen oder Spenden haben Politikerinnen und Politiker oft weggeschaut, was das Gebaren von Organisationen wie der Vereinigungskirche angeht.

Premier Fumio Kishida hat auf diesen Skandal mit einer Umordnung seines Kabinetts reagiert, wollte am Staatsbegräbnis aber festhalten. Dies wiederum hat ihn von einem auffallend populären zu einem äußerst unpopulären Premier gemacht. Nur noch 40 Prozent der Befragten sind mit seiner Arbeit zufrieden. Die führende Nachrichtenagentur Kyodo spekulierte diese Woche schon, dass Kishidas Tage als Premierminister gezählt sein könnten.

Der Staatstrauerakt kostet Millionen.
Der Staatstrauerakt kostet Millionen. © afp
Protest in Tokio am Dienstag.
Protest in Tokio am Dienstag. © afp

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