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Im Dezember musste Polizei das russische Konsulat in Odessa gegen aufgebrachte Bewohner der Stadt schützen.

Ukraine

„Ein Menschenleben zählt nichts“

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Trotz der Maidan-Revolution von 2014 herrschen in Odessa am Schwarzen Meer noch immer politische Zerrissenheit und Kriminalität.

Das Holz fühlt sich fest an, ist aber keine Akazie wie in Berlin. „Kiefer ist billiger“, sagt Alexei Jeremiza. „Und wir schweißen keine sechs, sondern acht Millimeter dicke Eisenbeschläge. Weil ein Spielplatz in Odessa mehr Rabauken aushalten muss als in Deutschland.“ Der 39-Jährige schwärmt von Berlin, wo seine Kinder zweieinhalb Jahre zur Schule gingen, in Wilmersdorf. „Da hab’ ich die ersten hölzernen Kinderspielplätze gesehen.“ Der Mann scheint eine Frohnatur, wie so viele Odessiten – obwohl kaum wer hier Grund zur Freude hat.

Vor fünf Jahren war Jeremiza noch Vizegouverneur der ukrainischen Schwarzmeerregion Odessa, zuständig für Bauwesen. Aber die Maidan-Revolte brodelte schon, am 22. Februar 2014 übernahmen prowestliche Aufständische in der Hauptstadt Kiew die Macht. Präsident Viktor Janukowitsch floh, der Vizegouverneur von Odessa wurde abgesetzt.

Annexion der Krim und Aufstände in der Ostukraine

Jeremiza, damals Mitglied von Janukowitschs prorussischer „Partei der Regionen“ sitzt jetzt als Abgeordneter für deren Nachfolgepartei „Oppositionsblock“ im Stadtrat. Er sagt, er habe 2014 wegen Janukowitschs kriminell-korruptem Regime im Stillen mit dem Maidan sympathisiert. „Aber das Ergebnis, der Assoziierungsvertrag mit der EU, hat unsere Industrie ruiniert. Und die Korruption ist nicht verschwunden.“

Moskau antwortete auf den Maidan mit der Annexion der Krim und Aufständen in der Ostukraine. In Odessa brachen am 2. Mai 2014 Straßenkämpfe aus. Das Gewerkschaftshaus, in dem sich Anhänger Russlands verschanzt hatten, geriet in Brand, mindestens 48 Menschen kamen um. „Die Staatsmacht brauchte diese Opfer“, meint Jeremiza, „um dem Antimaidan ein Ende zu machen.“ Die Erinnerung daran hängt der Millionen-Stadt immer noch nach. Und Anhänger wie Gegner des Maidan müssen weiter mit Odessas altbekannter Korruption und Kriminalität hadern.

Odessa ist sehr alt und sehr jung. Ein Großteil der Architektur stammt aus dem 19. Jahrhundert, die Jugendstilfassaden der Obergeschosse bröckeln, unten aber drängen sich Coffeeshops und Frühstückscafés. Kämpfer aus dem Donbas verabreden sich mit Politologen zum Interview in Kneipen, wo es 17 verschiedene Sorten Craft-Bier gibt. Odessa gilt als lebenslustig, besitzt nach der Annexion der Krim nicht nur den letzten großen Schwarzmeerhafen der Ukraine, sondern auch ihren längsten Urlaubsstrand. Und in der Fußgängerzone der Deribasiwska flanieren Türkisch sprechende Männerrudel, der Sextourismus hat das ganze Jahr Saison.

Ustimenko ist jetzt Antikorruptionsaktivist

Aber das Gerichtsverfahren, das das Blutbad vom Mai 2014 aufklären soll, kommt nicht voran. Vor dem Gewerkschaftshaus fordern jeden Sonntag etwa 40 Leute Vergeltung. Die meisten haben graue Haare und tragen ärmliche Kleider. Pensionären geht es schlecht unter Präsident Petro Poroschenko. Jeremizas Eltern, ein früherer Trolleybusfahrer und eine Straßenarbeiterin, bekommen zusammen umgerechnet 104 Euro Rente im Monat. Aber allein Gas, Strom und Wasser kosten sie mehr als 110 Euro.

Poroschenko und sein Westkurs sind in der Region nicht mehrheitsfähig. Nach Umfragen von 2018 sind nur 15 Prozent ihrer Bewohner für einen Beitritt zur Nato, drei Mal weniger als in der übrigen Ukraine. Und als auf Odessas Bahnhof jemand Englisch spricht, murrt ein beleibter Herr in Lederjacke mit Pelzkragen laut: „Was – haben wir einen Ami-Scheißer im Abteil?“

Der 25-jährige Politologe Witali Ustimenko aber setzt auf den Westen, wie viele junge Leute hier. „Das wichtigste Ergebnis des Maidan ist die ukrainische Zivilgesellschaft, die es nie zulassen wird, dass unser europäischer Vektor wieder russisch oder sowjetisch wird.“ Ustimenko und Jeremiza kennen sich und ihre gegensätzlichen politischen Ansichten. „Die Ukraine kann nur als Korridor, als Brücke zwischen Europa und Russland, überleben“, meint Jeremiza. „Sie muss in beide Richtungen schauen.“ Ustimenko aber gehört zu den Gründern der „Selbstverteidigung“, gut 200 Odessiten, die im Frühjahr 2014 mit Helmen und Schlagstöcken prowestliche Kundgebungen verteidigten. Die kriegerische Romantik von damals ist vorbei, geschäftstüchtige Ex-Kameraden haben die „Selbstverteidigung“ zur Wachschutz-Firma umfunktioniert.

Ustimenko ist jetzt Antikorruptionsaktivist. Zurzeit schlägt er sich mit einem Ex-Staatsanwalt herum, dessen Familie ein Vier-Sterne-Hotel auf den Meeresstrand gebaut hat, keine 50 Meter vom Wasser. Der Staatsanwalt wurde deshalb entlassen, gerade ist seine Verleumdungsklage gegen Ustimenko gescheitert.

Aber Dutzende solcher Bauten kriechen in die Hundert-Meter-Schutzzone am Meeresufer. „Die Steilküste ist lehmig“, erklärt Jeremiza den Ärger darüber. „Die Gefahr ist groß, dass die Gebäude zusammen mit ihr ins Meer rutschen.“ Seit den 60er Jahren habe niemand mehr Geld in die Befestigung der Küste gesteckt.

In Sachen Korruption in Odessa erzählen Ustimenko und Jeremiza die gleichen Geschichten. Von Strandprojekten, die als Bootsstation genehmigt und als Delfinarium gebaut wurden. Von Haushaltsmitteln für die Renovierung historischer Bauten, die nur in Immobilien gesteckt werden, welche Beamten, Parlamentariern oder deren Kumpanen gehören.

Fünf Holzspielplätze nach Berliner Vorbild

Seit Jahren schreibt die Presse über die kriminellen Kontakte des Bürgermeisters Gennadi Truchanow, vor Monaten wurde ein Korruptionsverfahren gegen ihn eröffnet – doch es kommt nicht voran. Nach Einschätzung örtlicher Politologen nützt das vor allem Präsident Poroschenko: Er erwartet vom Bürgermeister tatkräftige Hilfe bei den Präsidentschaftswahlen Ende März.

Ustimenko sagt, Jeremiza sei einer von vielleicht fünf ehrlichen Abgeordneten im Stadtrat. Weshalb er wohl 2016 von Unbekannten mit Pfefferspray und Fußtritten angegriffen wurde – ein Einschüchterungsversuch, sagt er. „Der Grund war wohl meine Tätigkeit als Abgeordneter, die den städtischen Behörden kaum gefallen hat.“

Und gerade hat die Polizei die beiden Personenschützer abgezogen, die Ustimenko bewachten, nachdem ihn vergangenen Juni zwei Männer mit angespitzten Schraubenziehern attackiert hatten. Das Duo wurde gefasst, aber nicht seine Hintermänner. „Wir leben wie US-Gewerkschafter Anfang des 20. Jahrhunderts“, sagt ein Mitstreiter Ustimenkos, der Seemann Igor Kalmykow. „Ein Menschenleben zählt nichts.“ Ustimenkos Freunde versuchen, ihn so wenig wie möglich allein zu lassen.

Jerimiza aber steht in seiner Schreinerei, die er in den Wirtschaftsgebäuden der früheren Synagoge an der Welika Arnautska eingerichtet hat, mit sechs Mitarbeitern und Sägebänken aus Österreich. Fünf Holzspielplätze nach Berliner Vorbild haben sie schon aufgebaut. Jeremiza meint, er habe Aufträge für 40 weitere Spielplätze. In Odessa verfüge jeder Stadtverordnete über einen Sozialetat von umgerechnet 49 000 Euro. Post-sowjetische Politiker wissen, dass gut sichtbare soziale Investitionen, ob Parkbänke oder neue Krankenhausdächer, der Wiederwahl bedeutend helfen. Ein schöner neuer Holzspielplatz ist kaum zu toppen.

Sicher, er sei selbst der Lobbyist seiner Geschäftsidee, gesteht Jeremiza. Aber er zahle keinem Kollegen Schmiergeld. „Inklusive Montage kosten meine Holzgeräte nicht mehr als chinesische Plastikspielplätze.“ Er lächelt wieder. „Ich bin ehrlich und fühle mich wohl dabei.“ Odessa macht kleine Schritte in Richtung Europa, auf jeden Fall in Richtung Wilmersdorf.

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