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Zum Tod von Queen Elizabeth II.: Ein Leben in der Pflicht

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Von: Sebastian Borger

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Am 8. September 2022 stirbt Queen Elizabeth im Alter von 96 Jahren.
Eine Ära ist zuende: Am 8. September 2022 stirbt Queen Elizabeth im Alter von 96 Jahren. © Frank Augstein/afp

Elisabeth II., Automechanikerin und gottgewollte Monarchin, ist gestorben. Ein Nachruf von Sebastian Borger.

London – Auf dem britischen Königsthron saß Elizabeth Windsor, die jetzt im Alter von 96 Jahren gestorben ist, so lang wie niemand vor ihr: Im September 2015 hatte sie die 63 Regentschaftsjahre ihrer Ururgroßmutter Victoria (1837-1901) übertroffen.

Unzweifelhaft stellt Elizabeths Tod also eine tiefe Zäsur und eine Bewährungsprobe dar für das keineswegs einige, von Brexit-Folgen und Spaltungsbestrebungen gebeutelte Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland. Ein historischer Moment ist es aber auch für die 14 selbstständigen Staaten, deren Oberhaupt die Königin im fernen London bis zuletzt blieb, als Chefin des Commonwealth, als Symbol des Zusammenhalts zwischen dem „Mutterland“ und den früheren Kolonien. Nicht zuletzt an der Reaktion der Menschen in Neuseeland, Kanada und Jamaika wird man ablesen, ob die Verbindung noch auf anderem Fundament ruht als auf dem Respekt vor der Lebensleistung der Verstorbenen.

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Den empfinden auch viele Menschen im Rest der Welt, vorneweg die zahlreichen Fans des britischen Königshauses und Bewunderer von „Elizabeth der Pflichtbewussten“, wie der Historiker Andrew Roberts schon vor Jahren zutreffend schrieb. Gestorben ist ein Kind der 1920er Jahre, eine Veteranin des Zweiten Weltkriegs, in dem die damalige Prinzessin als Automechanikerin Dienst leistete, eine in der Vorstellung vom Gottesgnadentum aufgewachsene Repräsentantin der Erb-Monarchie, die diese zutiefst anachronistische Institution irgendwie plausibel machte – durch Pflichtgefühl, eisernes Festhalten an Regeln, blitzschnelle Anpassung an neue gesellschaftliche Realität und vor allem äußerste Diskretion.

Gewiss blieb die Königin gehüllt in den schützenden Mantel des instinktiven Respekts ihres Volkes für das Königshaus, zuletzt auch beschützt durch die Anerkennung für ihre sieben Jahrzehnte im Amt. Aber sie hatte sich diese unangefochtene Stellung erarbeitet. Während vermeintliche und echte Prominenz auf sozialen Netzwerken ihr Innerstes nach Außen kehrten, das Prekariat in Vormittags-Talkshows seine Sexprobleme erörterte und selbst Thronfolger Charles in tiefsinnigen TV-Gesprächen um Verständnis für seine Existenz warb, kam aus dem Buckingham-Palast nichts als Schweigen.

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Audienzen mit zwölf Premierministern und drei -ministerinnen und nie ein indiskretes Wort; Zehntausende offizieller Termine mit dem immergleichen Smalltalk; Staatsbesuche in Nah und Fern. Zwei bleiben aus jüngerer Zeit in Erinnerung: 2011 besiegelte Elizabeth II. die Aussöhnung mit der jahrhundertelang unterdrückten Nachbarinsel Irland. Brillant inszenierte kleine Gesten – ein paar Worte auf Gälisch hier, ein Kleid mit dem irischen Kleeblatt dort – machten den ersten Besuch einer englischen Monarchin in 100 Jahren zum glänzenden Erfolg. Ähnliches geschah 2015 auf der letzten von fünf Visiten beim früheren Kriegsgegner Deutschland. Vor Frankfurts Römer, auf dem Pariser Platz in Berlin eroberten Elizabeth und ihr Prinzgemahl Philip die Herzen der Deutschen.

Perfekte Vorbereitung und perfekter Ablauf solcher Missionen stimmten mit der Amtsauffassung einer Frau überein, die gewissenhaft die „königliche Republik“ (Historiker David Starkey) repräsentierte und das Staatswohl ganz selbstverständlich als obersten Maßstab ansah. Als einer ihrer Lieblingsprediger vor Jahr und Tag seinen Ruhestand ankündigte, antwortete sie: „Sie können das. Ich kann das nicht.“

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Damit beschrieb die gläubige Christin aus ihrer Sicht eine Selbstverständlichkeit, schließlich lebte in der erwachsenen, älter und alt gewordenen Frau jenes Trauma der Monarchie weiter, das sie als Mädchen im Krisenjahr 1936 miterlebt hatte. Eine weitere Disziplinlosigkeit à la Edward VIII., der damals zugunsten seiner Geliebten Wallis Simpson auf den Thron verzichtete, durfte es nicht geben. Dementsprechend skeptisch blickte Elizabeth auf ihren Thronfolger Charles, auf dessen private Verirrungen und immer wieder kontroverse öffentliche Wortmeldungen.

Nur einmal, in einem lang zurückliegenden TV-Porträt, gab die Queen ein wenig Einblick in ihre Gedankenwelt. Da redete die Pferdeliebhaberin und Rennstallbesitzerin über sich selbst beinahe wie über eines ihrer Pferde: „Man kann viel erreichen, wenn man ordentlich geschult worden ist – und ich hoffe, ich bin ordentlich geschult.“

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Als Elizabeth Alexandra Mary am 21. April 1926 zur Welt kam, galt die Erstgeborene des Herzogs Albert von York und seiner Gattin Elizabeth – 1930 kam die Schwester Margaret Rose hinzu – sofort als Hoffnungsträgerin der Monarchie. Ihre PR-affine Mutter pflegte dieses Image sorgfältig. Offiziell Thronfolgerin wurde die Zehnjährige 1936, nachdem ihr widerstrebender Vater Bruder Edward als George VI. auf den Thron folgte. Aus jenen Jahren stammt die hübsche Geschichte eines Dialogs mit dem damaligen Erzbischof von Canterbury, dem höchsten Geistlichen der anglikanischen Staatskirche, deren weltliches Oberhaupt die Prinzessin einmal sein würde. Gefragt, ob sie mit dem Würdenträger einen Spaziergang machen wolle, erwiderte Elizabeth: „Sehr gern. Aber ich will nicht über Gott reden, über den weiß ich schon alles.“

Ebenso selbstsicher suchte sich die Heranwachsende einen Partner fürs Leben. Als 13-Jährige war sie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erstmals dem damals 18-Jährigen Marinekadetten Philip aus dem deutsch-griechischen Adelshaus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg begegnet. Beide blieben in Kontakt, und trotz mancher Bedenken gegen den mittellosen Aristokraten setzte die Prinzessin die Heirat im November 1947 durch. Auf Charles (1948) folgten die weiteren Kinder Anne (1950), Andrew (1960) und Edward (1964). Zwei offenbar besonders glückliche Jahre verlebte das junge Paar auf Malta, wohin der Marineoffizier Philip 1949 kommandiert worden war.

Später soll es mehrfach gekriselt haben in der königlichen Ehe, Philip wurden immer wieder Affären nachgesagt. An der gegenseitig gezeigten Loyalität änderte sich nichts. Bis ins hohe Alter absolvierte der Herzog von Edinburgh Auftritte mit seiner Frau, immer ein, zwei Schritte hinter ihr. Als der knapp 100-Jährige im April 2021 starb, ging das Bild vom Trauergottesdienst um die Welt: Wegen der Corona-Pandemie musste die Witwe einsam und isoliert auf der Kirchenbank sitzen.

Zum Tod von Queen Elizabeth II.: Das Unglücksjahr der englischen Königin

Für ihre Kinder habe sich die Königin deutlich weniger interessiert als für ihre Pferde und Hunde, so kolportierten es Insider immer wieder. Charles beschwerte sich sogar öffentlich über die emotionale Distanziertheit der Eltern. Bei den Royals herrschte allzu oft, was der Queen-Biograph Thomas Kielinger treffend „Das Schweigen der Windsors“ genannt hat. Während die Medien bis in die 60er Jahre hinein das Image einer heilen Familie kolportierten, ließen sie später keine Gelegenheit aus, auf die privaten Probleme der Windsors hinzuweisen.

Das kulminierte im von Elizabeth selbst als „annus horribilis“ bezeichneten Jahr 1992: Der Trennung von Andrew und seiner Frau Sarah folgte die Scheidung Annes von ihrem ersten Mann Mark Phillips sowie gegen Jahresende die Trennung des Thronfolgers und seiner Gattin Diana.

Als im November dann ein Großfeuer Schloss Windsor stark beschädigte und die Regierung zunächst den Wiederaufbau finanzieren wollte, gerieten die Finanzen der Queen ins Gerede. Von 1993 an musste sie deshalb Einkommensteuer zahlen und eine Kürzung der staatlichen Zuschüsse hinnehmen, was 20 Jahre später durch eine großzügige Regelung der Regierung von David Cameron ausgeglichen wurde.

70 Jahre Staatsoberhaupt: Queen Elizabeth II. gestorben

Dieser zwölfte ihrer Premierminister, Jahrgang 1966, war in den 70er Jahren ein Schulkamerad ihres Sohnes Edward gewesen, die derzeitige Bewohnerin der Downing Street Nummer Zehn, Liz Truss, gehört als Jahrgang 1975 beinahe schon zur Enkelgeneration. Hingegen stand Elizabeths erster Regierungschef Winston Churchill (Jahrgang 1874) im Herbst seiner politischen Karriere, als König George VI im Februar 1952 starb. Die Nachricht vom Krebstod des geliebten Vaters ereilte die damit über Nacht zur Königin aufgerückte 25-Jährige auf einer Kenia-Reise mit Philip. „Sie wurde Königin auf dem Hochsitz eines Baumes, während sie Nashörnern beim Trinken zusah“, notierte der Politiker und berühmte Tagebuchschreiber Harold Nicolson in London, wohin die frischgebackene Monarchin umgehend zurückkehrte.

Der rhetorisch brillante Kriegspremier Churchill rief damals in monarchistischer Begeisterung „das zweite elisabethanische Zeitalter“ aus, das halbe Land hielt ihre Regentschaft für gottgewollt. „Königin von Gottes Gnaden“ steht bis heute auf jeder britischen Münze, aber die Devotheit ist säkularer Skepsis gewichen. Die Popularität der Monarchie musste immer wieder neu erarbeitet werden, und Elizabeth war unermüdlich. Bei Hunderten von Terminen jährlich trug die zierliche Dame stets auffallende Kleidung, ließ sich von durchsichtigen Schirmen vor Regen schützen: Das Staatsoberhaupt zeigte sich seinem Souverän, dem Volk.

Die erste der drei großen Krisen ihrer Amtszeit spielte sich noch weitgehend hinter den Kulissen ab. Während der Vorbereitungen für die Krönung im Juni 1953 berichtete ihre Schwester Margaret von einer Affäre mit dem geschiedenen Rittmeister Peter Townsend. Die junge Königin empfahl Abwarten. Zu frisch schien ihr das Trauma der Abdankung von 1936. Nach zweijährigem Lavieren verzichtete Margaret auf den Geliebten, die staatlich-kirchliche Betonwand hatte Bestand, Elizabeth schwieg. Das war kein Ruhmesblatt.

Queen Elizabeth II. ist tot: Die Königin blieb ihren Vorsätzen treu

Dem „annus horribilis“ von 1992 folgte 1997 die Hysterie nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana. Aufgepeitscht von der Boulevard-Presse riefen die trauernden Massen in London nach der Anwesenheit der Monarchin, die ihre traumatisierten Enkel William und Harry im schottischen Balmoral von all dem abzuschirmen versuchte. Gerade noch rechtzeitig gab Elizabeth nach, kehrte nach London zurück, verneigte sich vor dem Sarg der ungeliebten Ex-Schwiegertochter.

Geräuschlos begann in den darauffolgenden Jahren eine vorsichtige Modernisierung des Königshauses, die sich nach dem Tod von Prinzessin Margaret und der 101-jährigen Königinmutter Elizabeth 2002 beschleunigte. Vielen ging sie nicht weit genug. Auf die Rebellion von Enkel Prinz Harry und seiner US-amerikanischen Gattin Herzogin Meghan reagierte der Palast defensiv – beinahe persönlich beleidigt. In Umfragen ergriffen die Jüngeren die Partei des nach Kalifornien umgezogenen Paares.

In gewisser Weise blieb die Monarchin selbst von der Kontroverse unberührt – diesen Kampf sollten die nachfolgenden Generationen ausfechten. Mehr und mehr zog sich Elizabeth II aus der Öffentlichkeit zurück, überließ den Nummern Eins und Zwei der Thronfolge, Charles und William, das Feld. Zunehmend litt die lange Jahre bemerkenswert rüstige Greisin unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen, sodass sie ihre Teilnahme an den Platinfeiern zum 70. Thronjubiläum im Frühsomer 2022 stark beschränken musste.

Was bis zuletzt blieb, quer durch die Generationen, war mit zunehmendem Lebensalter und immer längerer Regentschaft der Respekt vor einer gewissenhaften Monarchin. An ihrem 21. Geburtstag, der damals die Volljährigkeit markierte, hatte die Prinzessin in Kapstadt ein öffentliches Gelöbnis abgelegt: Sie werde „mein ganzes Leben, ob es lang währt oder kurz, dem Dienst an Ihnen und an der großen imperialen Familie widmen.“ Diesem Vorsatz ist Elizabeth Windsor treu geblieben. (Sebastian Borger)

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