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Die Krise von 2008 hat nichts an den Strukturen des Finanzmarkts geändert.
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Die Krise von 2008 hat nichts an den Strukturen des Finanzmarkts geändert.

Finanzmärkte

„Ein Kreislauf aus Schulden und Profiten“: „Oeconomia“-Regisseurin Carmen Losmann über das kaputte Wirtschaftssystem

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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„Oeconomia“-Filmemacherin Carmen Losmann spricht im Interview über ihre Erfahrungen beim Drehen mit Bankern, die riskanten Mechanismen des kapitalistischen Finanzsystems und Reformen, die daran etwas ändern könnten – wenn die Politik es nur wollte

Frau Losmann, Sie haben für Ihren Film „Oeconomia“ mit Menschen gesprochen, die zentrale Positionen in der Finanzindustrie einnehmen. Was verstehen diese Leute selbst von dem System, in dem sie arbeiten?

Die Interviews, die ich mit Chefvolkswirten, Vermögensverwaltern und Finanzvorständen geführt habe, verweisen für mich auf ein strukturelles, größeres Problem: Offensichtlich bilden wir als Gesellschaft Ökonom:innen aus, die zwar hochkompetent und funktionstüchtig in ihrem operativen Arbeitsbereich sind, sich aber darüber hinaus über manche grundlegenden Zusammenhänge kaum Gedanken machen. Sie akzeptieren das System einfach unhinterfragt. Offensichtlich fehlt es an einer universitären Theoriebildung, die die Mechanismen der Selbstvermehrung des Kapitals erörtert. Das erschwert es uns als Gesellschaft, über den Sinn dieser Selbstvermehrung nachdenken zu können.

Carmen Losmann ist Autorin und Regisseurin. Nach ihrem Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln brachte sie 2011 ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ heraus, der sich mit neuen Formen von Ausbeutung in der Arbeitswelt befasst und unter anderem einen Grimme-Preis erhielt. „Oeconomia“ wurde 2020 im Forum der Berlinale uraufgeführt. FR

Sie haben mal von einem „Dreiklang kapitalistischer Ökonomie aus Wirtschaftswachstum, Verschuldung und Vermögenskonzentration“ gesprochen. Was ist so schlimm an diesem Dreiklang?

Wenn die Wirtschaft nicht ständig wächst, können keine Profite generiert werden. Ohne Profiterwartung stagniert die Geldschöpfung, in der Folge kollabieren die Verschuldungsketten unserer Wirtschaft und die Geldversorgung bricht zusammen. Anders gesagt: Neue Schulden müssen gemacht werden, damit die Geldmenge wächst und Profite eingenommen werden können,

Und diese Profite verstärken wiederum die ungleiche Verteilung von Vermögen. Was folgt daraus?

Je ungleicher die Vermögensverteilung, desto mehr Geld wird nicht verkonsumiert, sondern „will“ profitträchtig angelegt werden. So müssen immer schneller immer neue, profitversprechende Anlagemöglichkeiten für privat überschüssiges Geld geschaffen werden. Allein zu dem Zweck, damit die Kapitalvermehrung und in der Folge die Geldschöpfung und Geldversorgung der Wirtschaft nicht ins Stocken geraten. Wohin das führt, erleben wir aktuell im Gesundheitswesen. Auch suchen private Geldvermögen nach Sachkapital, um vor dem nächsten Börsenkrach sicher zu sein, jetzt sind die Autobahnen dran.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden.Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um die LGBTQ*-Community. Sie erscheint am Freitag, 18. Juni.

Zuletzt erschienen: eine Folge der Serie zum Thema Rassismus am Freitag, 11. Juni.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/Bundestagswahl

Gerade in der eher linken Wirtschaftswissenschaft wird Verschuldung gar nicht so negativ gesehen.

Dass linke Ökonomen Staatsverschuldung als Ausweg betrachten, zeigt, dass sie nur innerhalb dieses Systems nach Lösungen suchen. Allerdings kommt es auch durch Staatsverschuldung zur Ausweitung der Geldmenge und unter den herrschenden Eigentumsverhältnissen fließt dieses Geld in nur wenige Taschen, so dass ökonomische Ungleichheit und undemokratische Strukturen zunehmen. Entweder wir akzeptieren die Profit-Ideologie und ermöglichen unbegrenzte Schulden und damit auch Vermögen, oder wir beenden die Profit-Ausrichtung und stellen auf ein Wirtschaftssystem um, das nicht dauerhaft wachsen muss, um zu funktionieren.

Wenn Sie von der „destruktiven Dynamik der kapitalistischen Ökonomie“ sprechen: Was genau zerstört sie?

Der Kapitalismus funktioniert als ein sich selbst verstärkendes System – wie eine Heizung, die immer heißer wird, wenn die Temperatur steigt. Was in den vergangenen Jahrhunderten in den Industrieländern für materiellen Wohlstand sorgte, richtet längst enorme ökologische und soziale Schäden an. Auch werden immer mehr Lebensbereiche der Profitlogik unterstellt. Weil aus Zeit Geld werden muss, gerät Menschlichkeit unter die Räder.

Was meinen Sie damit?

Pflegekräfte sagen: „Ich würde mich gerne mehr um die pflegebedürftigen Menschen kümmern, aber ich habe strenge Zeit- und Zielvorgaben, die ich einhalten muss.“ Wir werden durch ökonomische Strukturen gezwungen, uns entgegen unseren menschlichen Bedürfnissen zu verhalten. Damit traumatisieren wir uns selbst. Das schafft ein Klima von Angst, Einsamkeit, sozialer Kälte und Härte, bewirkt ein funktionalisiertes Selbstverhältnis und fördert die Entfremdung von uns selbst und unseren Mitlebewesen.

Auf der Homepage zum Film ist von einer „geistigen Monokultur“ die Rede. Was heißt das?

Der Begriff stammt von der Professorin Silja Graupe. Sie zeichnet in ihren Publikationen nach, wie sich die verschiedenen ökonomischen Schulen im Laufe der Geschichte zu einer herrschenden Auffassung verengt haben. Die Neoklassik ist zur dominierenden Lehrmeinung geworden und liefert für den Neoliberalismus den theoretischen Background. Grundlegende Fragen zur Dysfunktionalität des Kapitalismus kommen im medialen Diskurs eher selten vor. Dieser Elefant im Raum wird immer erdrückender.

Wie lässt sich das ändern?

Ich wünsche mir ganz simpel das, was im Rundfunkstaatsvertrag geschrieben steht: „Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.“

Was sollte die nächste Regierung tun, um mit einem Systemwechsel zu beginnen?

Sie sollte die Vorschläge der Modern Monetary Theory umsetzen: Der Staat sollte seine Verschuldungsfähigkeit und seine Ausgabenpolitik nutzen, um gesellschaftliche Ziele wie eine gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung zu erreichen und eine sozial und ökologisch sinnvolle Infrastruktur aufzubauen, zum Beispiel Krankenhäuser wieder in die öffentliche Hand zurückzuführen. Ein weiterer Schritt wären Änderungen der Kreditvergaberegeln: Bisher gelten Vorhaben als kreditwürdig, die Profite versprechen; nicht Projekte, die nach ökologischen oder sozialen Kriterien sinnvoll sind. Außerdem sehe ich in einer Vermögenssteuer die Möglichkeit, Druck aus dem System zu nehmen. Vermögende haben über die Maßen von den Schulden des Staates profitiert, also müssen sie auch ihren Teil zur Rückführung beitragen.

Der Utopische Raum

Am Donnerstag, 17. Juni , um 20.30 Uhr spricht Carmen Losmann in einer digitalen Veranstaltung der Reihe „Der utopische Raum“ über ihren Film „Oeconomia“ und ihre kritischen Thesen zur Geldpolitik. Mit ihr diskutiert die Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi, Moderator ist Felix Trautmann vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt.

Wer den Film sehen möchte, kann ihn bis zum 30. Juni für 6,90 Euro im Online-Programm des Frankfurter Kinos „Mal seh’n“ abrufen.

Die Links zum Film und zur Veranstaltung sind hier zu finden.

Die Reihe „Der utopische Raum“ ist eine Kooperation der Stiftung Medico international mit dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. FR

Jenseits realistischer Optionen: Wie müsste alternative Politik im Idealfall aussehen?

Auf lange Sicht gesehen, brauchen wir meiner Ansicht nach eine Transformation unseres Wirtschaftssystems, so dass es nicht mehr vom Streben nach Profit, sondern wieder von Bedürfnisbefriedigung getrieben wird. Zunächst halte ich umfassende Wertberichtigungen im Bankensektor durch Schulden- und Vermögensschnitte sowie Umverteilung von Vermögen durch Vermögenssteuern für notwendig. Doch solche Maßnahmen haben langfristig nur Sinn, wenn die Geldmengensteuerung sich von jeder Profiterwartung löst und also völlig neu geregelt wird.

Wenn Sie die Ära Merkel Revue passieren lassen: Woran erinnern Sie sich besonders?

Bezeichnend war, dass Merkel 2017 auf das „Ja“ des damaligen Landwirtschaftsministers Christian Schmidt (CSU) zu dem umstrittenen Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat lediglich mit einer Rüge an ihren Minister reagierte. Ich habe „gelernt“, dass Regierungen die Versprechen in ihren Wahlprogrammen vergessen. Aber dass ein Minister sich nicht an einen Kabinettsbeschluss hält und das ohne Konsequenzen bleibt, hat mich in meinem Rest von Demokratieerwartung erschüttert. Die Kanzlerin scheint an der Einhaltung demokratischer Spielregeln nicht interessiert.

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