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Friedrich Merz.

Friedrich Merz

Ein Köder auch für die Verlierer

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Der Globalisierer Friedrich Merz fährt eine Doppelstrategie - und lockt im Machtpoker der Union mit der Ideologie einer „Leitkultur“.

Wir erinnern uns: Friedrich Merz, 64, das ist der Mann aus der „gehobenen Mittelschicht“, so sieht er es jedenfalls selbst. Jahreseinkommen laut Selbstauskunft von 2018: etwa eine Million Euro. So viel Geld zu verdienen, ist ja nicht verboten. Und die „Mittelschicht“, hat der Jurist später nachgeschoben, war ganz anders gemeint: Mit ihr teile er zwar nicht den Lebensstandard, dafür aber andere Werte wie „Fleiß, Disziplin, Anstand, Respekt und das Wissen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt, wenn man es sich leisten kann“.

Nun will der Sauerländer der Gesellschaft etwas ganz Besonderes zurückgeben, nämlich sozusagen sich selbst. CDU-Vorsitzender will er werden und möglichst auch Kanzler, und zumindest den bisherigen Hauptkonkurrenten Armin Laschet hat er in mehreren Umfragen hinter sich gelassen.

Offenbar ist es möglich, dass inmitten steigender Mietpreise ein Politiker Wahlchancen besitzt, der jahrelang im Aufsichtsrat von Blackrock saß – jener Investmentfirma, die an allen großen Immobilienkonzernen in Deutschland beteiligt ist. Der Zuspruch könnte an dem ideologischen Rahmenprogramm liegen, mit dem Merz seinen neoliberalen Politikansatz zu ergänzen pflegt.

Kraftprobe in der Union: Die weiteren Bewerber für CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur

Der Einkommensmillionär, in ökonomischen Fragen ein Freund von Freiheit und Globalisierung, macht denjenigen, die sich von all den „Entgrenzungen“ der Gegenwart bedroht fühlen, ein ganz spezielles Angebot: „nationale Identität und traditionelle Werte“. So nannte es Merz 2018, als er gegen Annegret Kramp-Karrenbauer kandidierte. Mit einem anderen Ausdruck: Leitkultur.

Das Wort fiel im Jahr 2000, als Merz noch Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU war. Zugewanderte müssten sich „einer gewachsenen, freiheitlichen deutschen Leitkultur anpassen“, sagte Merz. Verbindet man das mit „Sekundärtugenden“ wie Fleiß oder Disziplin, dann lässt sich auf eine sehr deutsche „Leitkultur“ schließen, die aber sehr gut zum Globalisierer Merz passt: Nicht nur Zugewanderte, sondern auch die Abgehängten und Daheimgebliebenen sollen vor den sozialen Gefahren der kapitalistischen Globalisierung nicht etwa durch materielle Absicherung geschützt werden, sondern durch ideelle Beheimatung in einem national-kulturellen, ideologischen Schutzraum.

Wie sie die Miete bezahlen, ist dann ihre Sache.

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