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Chile wählt

Präsidentenwahl in Chile: Ein junger Linker strebt Erbe Allendes an

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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Erste Präsidentenwahl nach dem gewaltsamen Aufstand von 2019: Ultrarechter Kandidat sammelt Konservative hinter sich, doch auch Gabriel Boric hat gute Chancen.

Santiago de Chile - Wenn man durch den bürgerlichen Vorort Valle Lo Campino im Norden von Santiago de Chile geht, sieht man Wahlplakate. Sie sind zerschnitten, abgerissen, in den Graben geworfen oder besprüht. „Politiker haben noch immer einen fürchterlichen Ruf“, sagt Ayleen González. Die 22-jährige Mutter wundert nicht, was sie sieht. „Der Ärger von 2019 ist vor allem bei den jungen Leuten noch immer nicht verraucht“. Damals überrollte vor allem die Hauptstadt eine Welle der Wut und der gewaltsamen Auseinandersetzungen, die sich gegen die Regierung, aber besonders gegen das neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des Landes richteten.

Der konservative Präsident Sebastián Piñera stand dem Aufstand, der fast alle Schichten erfasste, rat- und hilflos gegenüber. Aber er hielt sich an der Macht, die er nun abgeben muss, wenn sein Mandat im März ausläuft. Er geht als ein Präsident, der von rechts bis links, von jung bis alt und von arm bis reich nur noch als tragischer Verwalter wahrgenommen wird. Piñera scheidet mit rund 14 Prozent Zustimmung aus dem Amt.

Viele hoffen, dass der Kandidat Gabriel Boric (rechts) siegen wird.

Wahl in Chile: Die einzige Frau im Rennen vertritt die Mitte

Wer ihm nachfolgen wird, scheint kurz vor der ersten Runde der Präsidentenwahl nicht so klar. Lange Jahre waren Wahlen in Chile immer vorhersehbar, jetzt wagt kaum einer eine Prognose. Von den sieben Kandidat:innen sind drei klar links zu positionieren, einer so weit rechts, dass selbst Jair Bolsonaro in Brasilien wie ein Demokrat wirkt.

Die einzige Frau im Rennen und ein anderer Politiker vertreten die Mitte, die Chile im Grunde seit Ende der Diktatur 1990 regiert hat. Der siebte Kandidat macht Wahlkampf aus dem Ausland, weil er Unterhaltsschulden hat und ihm in Chile Hausarrest droht.

Wahl in Chile: Boric ist jung und war über viele Jahre Aktivist

Lange Zeit schien es ausgemacht, dass Gabriel Boric die Wahl gewinnt. Er ist jung, war über viele Jahre Aktivist, Studentenführer, nahm selbst anfangs am Aufstand 2019 teil und tritt nun für ein Mitte-Links-Bündnis (Apruebo Dignidad) an. Ihm hat sich die in Chile eher stalinistisch geprägte Kommunistische Partei angeschlossen. „Boric ist derjenige, der die meisten Forderungen von den Protestierenden von damals in sein Programm aufgenommen hat“, sagt Camila Miranda, Direktorin des Thinktanks „Fundación Nodo XXI“. Boric setzt auf die Themen Ökologie und Energiewende, Gleichstellung und die Grundrechte auf Wohnen, Bildung und Gesundheit und die Verstaatlichung des Rentensystems. Und er räumt auch den Ureinwohner:innen, vor allem den Mapuche, Platz in seinem Programm ein.

Aber selbst Boric wird am Sonntag kaum mehr als 20 Prozent plus X erreichen - laut den in Chile nie sehr zuverlässigen Umfragen. „Er kommt zwar von außen, wird aber inzwischen in Teilen der Bevölkerung als Vertreter des Systems wahrgenommen“, sagt im Gespräch Claudia Heiss, Politologin von der Universidad de Chile. Denn eines der charakteristischsten Merkmale der Proteste seinerzeit war, dass es keinen Anführer gab, niemanden, der sich die Proteste zu eigen gemacht hat.

Jose Antonio Kast ist Kandidat und Gründer der Republikanischen Partei Chiles.

Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Wahl in Chile mit dem Republikaner Juan Antonio Kast

Dennoch glauben die meisten Chilen:innen, dass Boric spätestens bei der Stichwahl kurz vor Weihnachten zum „ersten linken Staatschef seit Salvador Allende“ gewählt wird. Das hofft auch der Student Patricio Martínez. Es wäre die logische Konsequenz nach der Rebellion von 2019, die zudem zur Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung geführt hat, die derzeit eine neue Magna Charta ausarbeitet. In den Diskussionen geht es um das künftige politische Modell, um mehr Rechte fürs Parlament und weniger für den Präsidenten. Und es geht um die Frage, ob Chile zu einem Sozialstaat umgebaut wird, der fundamentale Rechte garantiert.

Kandidaten der Parteien und Koalitionen für die 1. Runde

Gabriel BoricApruebo Dignidad
Sebastián SichelChile Podemos Más
Yasna ProvosteNuevo Pacto Social
José Antonio KastFrente Social Cristiano
Eduardo ArtésUPA
Marco Enríquez-OminamiPRO
Franco ParisiPDG

In den letzten Wochen hat sich ein Politiker als härtester Widersacher von Boric etabliert, den noch vor Monaten die meisten als ultrarechten Spinner belächelten. Juan Antonio Kast (55), deutschstämmiger Politiker und neunfacher Vater mit großen Sympathien für den früheren Diktator Augusto Pinochet, liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem jungen Linken. Kast schoss in den Umfragen so hoch, dass sich ihm reihenweise Unterstützer aus dem gemäßigten rechten Lager anschlossen. „Kast ist die Hoffnung für alle von Piñera enttäuschten konservativen Chilenen“, unterstreicht Jorge Saavedra, der an der britischen Cambridge-Universität zu sozialen Bewegungen forscht. Und mit seinem Diskurs von Recht und Ordnung, mit seinem Hass auf alle Linken gibt er denjenigen eine Stimme, die sich während des Aufstands und noch danach weggeduckt haben.

Chile: Geringe Wahlbeteiligung

Viel hängt davon ab, ob nun mehr Wahlberechtigte an die Urne gehen. In Chile tun das in der Regel nur knapp 50 Prozent. (Klaus Ehringfeld)

Rubriklistenbild: © AFP

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