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Ein Jahr nach der Flut: Für die Geduld und gegen das Vergessen

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Von: Martin Benninghoff

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Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören? Viele Betroffene wie hier im Ahrtal fühlen sich von Politik und Versicherungen im Stich gelassen. Foto: Foto: Boris Roessler/dpa.
Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören? Viele Betroffene wie hier im Ahrtal fühlen sich von Politik und Versicherungen im Stich gelassen. Foto: Foto: Boris Roessler/dpa. © Boris Roessler/dpa

Zum Jahrestag der Flutkatastrophe erinnert die Politik im Ahrtal und der umliegenden Region an die vielen Opfer. Die Fragen nach dem Krisenmanagement und das Trauma bleiben.

Einige der schlimmsten Spuren der Flutkatastrophe sind zwar beseitigt, doch wer durch Altenahr fährt, denkt an ein Kriegsgebiet. Noch immer. Altenahr ist ein Tourismusdörfchen am Fuße der Weinberge im rheinland-pfälzischen Ahrtahl. Der Bahnhof steht verlassen in der Landschaft herum, die Schienen der Ahrtalbahn wurden entfernt, nachdem die Wassermassen die Bahndämme weggespült hatten. Schulen, Rathaus, Restaurants, viele Häuser sind noch immer unbenutzbar, der Ort gleicht einer Geisterstadt. Selbst ein Jahr nach der großen Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021, bei der mehr als 180 Menschen starben und Tausende Gebäude zerstört oder schwer beschäftigt wurden. Für den Wiederaufbau stellen Bund und Länder rund 30 Milliarden Euro bereit. Das Trauma ist mit Geld jedoch kaum zu heilen.

Die Zerstörung und der Verlust der Menschenleben sind so gegenwärtig, dass von einer Gedenkveranstaltung eigentlich kaum die Rede sein konnte. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Jahrestag der Katastrophe am Donnerstag nach Altenahr und das nahegelegene Winzerdorf Dernau reiste, muss ihm klar gewesen sein, dass es nicht nur ums Erinnern gehen kann. Vielmehr braucht es Hilfe, noch immer: „Wir haben die Menschen im Ahrtal nicht vergessen und wir wissen, wie viele noch ringen mit dem Wiederaufbau ihrer Wohnungen und Häuser“, sagte das Staatsoberhaupt bei seinem Besuch, der ihn in ein Weinlokal in Altenahr und in eine Schreinerei in Dernau führte. Die Aufgabe von Regierungen sei es nun, die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen und den Katastrophenschutz zu verbessern.

Die Katastrophe

Am Abend des 14. Juli 2021 schwollen die Bäche und Flüsse infolge des langanhaltenden Starkregens vor allem im nördlichen Rheinland-Pfalz und im südlichen Nordrhein-Westfalen an. Auch im angrenzenden Ausland zog die Flut eine Schneise der Verwüstung: In Belgien starben 39 Menschen. Insgesamt ist die Bilanz der Flutnacht verheerend: In NRW und Rheinland-Pfalz wurden mehr als 180 Menschen getötet. 800 Anwohnerinnen und Anwohner wurden teils schwer verletzt.

Im rheinland-pfälzischen Ahrtal - in der Öffentlichkeit zum Synonym für die Katastrophe geworden - wurden viele Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Bund und Länder haben für den Wiederaufbau insgesamt rund 12,3 Milliarden Euro bereitgestellt.

Mehr als 282 Millionen Euro Fluthilfe hat das Bündnis „Aktion Deutschland hilft“ für Betroffene gesammelt. mben

Was das im Konkreten heißt, das muss die Landeschefin Malu Dreyer beantworten. Am Vorabend hatte die SPD-Politikerin in den ARD-Tagesthemen prophylaktisch den Vorwurf mangelnden Krisenmanagements pariert: „Das Ausmaß dieser Katastrophe konnte so niemand voraussehen“, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin. „Wir müssen der Frage nachgehen, warum der Katastrophenschutz nicht funktioniert hat, und was müssen wir vor allem für die Zukunft tun.“

Sichere Bauplätze rar gesät

Doch im Ahrtal ist die Frage nicht leicht zu beantworten, alternative Bauplätze auf Höhen und weit vom Flüsschen Ahr entfernt sind rar gesät. Der Untersuchungsausschuss im nordrhein-westfälischen Landtag, der etwaigen Versäumnissen der Landesregierung nachgehen will, soll seinen Bericht in einem Jahr vorlegen. Es ist also Geduld gefragt. Steinmeier schwor die Menschen auf einen langen Wiederaufbau ein, der „keine Aufgabe von 365 Tagen“ sei. Helfende Hände würden immer noch gebraucht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) und die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (Mitte), in Altenahr. Foto: epd.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) und die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (Mitte), in Altenahr. Foto: epd. © epd

Die Spitzenpolitik teilte sich am Donnerstag auf. Am Abend wurde Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu einer Gedenkveranstaltung im nahegelegenen Städtchen Bad Neuenahr-Ahrweiler erwartet.

EU regt Gedenktag an

Steinmeier besuchte wiederum später am Tag gemeinsam mit Nordrhein-Westfalens Regierungschef Hendrik Wüst (CDU) einen ökumenischen Gedenkgottesdienst in Euskirchen, einer Stadt am Rande der Eifel im südlichen Nordrhein-Westfalen. Auch hier hatte die Flut die Innenstadt verwüstet, die Fußgängerzone und die meisten Geschäfte rund um die Herz-Jesu-Kirche, wo nun der Gottesdienst stattfand.

Der kleine Veybach fließt dort in Steinwurfweite an der Kirche vorbei, friedlich und unspektakulär. Vor einem Jahr hatte er sich zu einem reißenden Strom verwandelt. Zum Gedenkgottesdienst waren auch einige Hinterbliebene von Opfern erwartet worden.

Das Gedenken beschränkte sich am Donnerstag nicht auf die Innenpolitik. Auch im europäischen Ausland hat es Tote infolge der Flut gegeben, Dutzende beispielsweise in Belgien. „Wir erinnern uns heute an den Verlust von Menschenleben durch unvorhersehbare Wetterbedingungen, fast täglich gibt es Tote auf der Welt“, sagte Frans Timmermans, Vizepräsident der EU-Kommission. Die Kommission hat einen jährlichen Gedenktag für die Opfer des Klimawandels angeregt. mit dpa/afp

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