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Ein Jahr nach dem Abzug von Afghanistan: „Bei uns allen bleibt Bitterkeit zurück“

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Von: Thomas Spang

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Nichts wie weg: Ein US-Militärflugzeug hebt am 30. August 2021 vom Flughafen in Kabul ab. Foto: Aamir QURESHI / AFP.
Nichts wie weg: Ein US-Militärflugzeug hebt am 30. August 2021 vom Flughafen in Kabul ab. Foto: Aamir QURESHI / AFP. © Aamir Qureshi/afp

Das Chaos am Flughafen von Kabul hat Spuren hinterlassen: Vor einem Jahr zogen die internationalen Truppen aus Afghanistans ab – viele beteiligte US-Einsatzkräfte plagen Schuldgefühle.

Leutnant Timothy Williams hat miterlebt, was die Welt nur auf Bildern sah: Verzweifelte Menschen auf der Flucht vor den neuen Taliban-Machthabern in Kabul. Frauen, Männer, Kinder, die auf den Flughafen stürmten, sich an startbereite C-17-Transportflugzeuge klammerten, um kurz darauf in den Tod zu stürzen. Williams war einer von 6000 US-Soldat:innen, die vor einem Jahr zu der größten Evakuierung seit Vietnam abkommandiert waren – jeder habe in diesem Moment gedacht, „das ist schrecklich“.

Der von den USA angestoßene Truppenabzug gestaltete sich insgesamt chaotisch und stieß international auf Kritik und Unverständnis. Ausländische Truppen – auch aus Deutschland – waren 2001 unter US-Führung in Afghanistan einmarschiert – als Antwort auf die Terroranschläge von Al-Kaida-Terroristen vom 11. September 2001.

Afghanistan: Militäreinsatz verschlang Unsummen, Zehntausende Zivilpersonen kamen ums Leben

Der internationale Einsatz führte damals zum Sturz der Taliban-Regierung, die Al-Kaida-Terroristen Unterschlupf gewährt hatte. Der Militäreinsatz verschlang Unsummen, Zehntausende Zivilpersonen und afghanische Sicherheitskräfte kamen ums Leben, ebenso wie mehrere Tausend internationale Soldaten, darunter 2461 US-Amerikaner:innen und 59 deutsche Einsatzkräfte. Die letzten US-Soldat:innen verließen eine Minute vor Mitternacht in der Nacht vom 30. auf den 31. August 2021 das Land.

Williams gehört zu 14 US-Einsatzkräften, die an einem Projekt der „Washington Post“ mitgewirkt haben, das die chaotischen zwei Wochen vor dem Abzug Ende August 2021 auf dem Flughafen in Kabul aufarbeitet. „Bei uns allen bleibt Bitterkeit zurück über das, was am Ende passierte“, sagt der Befehlshaber der Operation Marine-General Kenneth „Frank“ McKenzie, der seit April dieses Jahres im Ruhestand ist und sich an dem Projekt beteiligte.

Afghanistan: General McKenzie hatte mit den Taliban eine Vereinbarung getroffen

General McKenzie hatte die Aufgabe, den Abzug abzusichern. Unter seinem Kommando retteten die US-Truppen über 17 Tage rund 125 000 Menschen, die aus der von den Taliban überrannten Hauptstadt fliehen wollten. Neben US-Bürger:innen fanden sich darunter Ortskräfte und deren Familien, die sich vor der Rache der Sieger fürchteten. Zehntausende blieben zurück, als das letzte US-Flugzeug abhob.

Wie viele Menschen in den chaotischen Tagen des Rückzugs ums Leben kamen, lässt sich nicht genau sagen. General McKenzie hatte mit den Taliban eine Vereinbarung getroffen, die den neuen Machthabern die Kontrolle außerhalb des Flughafens überließ. Im Gegenzug garantierten die Islamisten, die US-Truppen bis Ende August auf dem Flughafen gewähren zu lassen.

Afghanistan hungert

In Afghanistan haben die herrschenden radikalislamischen Taliban den ersten Jahrestag des westlichen Truppenabzugs aus dem Land gefeiert. Die Taliban erklärten den Mittwoch zum nationalen Feiertag, schon am Vorabend erhellte Feuerwerk den Himmel über der Hauptstadt Kabul. Taliban-Kämpfer gaben Freudenschüsse ab.

Die Islamisten versprachen mit der Machtübernahme ein gemäßigteres Vorgehen als von 1996 bis 2001. In den vergangenen zwölf Monaten wurden jedoch insbesondere die Rechte von Frauen und Mädchen massiv eingeschränkt. Es gibt Berichte von zahlreichen Menschenrechtsverletzungen. Bislang hat kein Land die Taliban-Regierung offiziell anerkannt.

Sechs Millionen Menschen sind in Afghanistan UN-Angaben zufolge vom Hunger bedroht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sei auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund drei Millionen Kinder seien unterernährt, berichtete der UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths kürzlich dem UN-Sicherheitsrat. Es braucht ihm zufolge 600 Millionen Dollar, um Afghanistan auf den Winter vorzubereiten. dpa

Afghanistan: US-Truppe musste tatenlos zusehen, wie die Taliban Menschen misshandelten

Marine-Sergeant Tyler Vargas-Andrews erinnert sich, wie die Vereinbarung ihn und seine Truppe ständig in Konfliktsituationen brachte. Sie mussten tatenlos zusehen, wie die Taliban Menschen misshandelten, die versuchten, das Innere des Flughafen zu erreichen. Vargas-Andrews machte Bilder von den Opfern der Taliban und zeigte sie seinen Vorgesetzten. „Wenn wir sie unter Beschuss nehmen, schießen sie auf uns“, hörte er als Antwort. „Wollen wir das in diesem Szenario?“

August 2022: Die alten, neuen Machthaber feiern den Jahrestag des US-Abzugs – die Bevölkerung leidet unter Hunger und Gewalt.
August 2022: Die alten, neuen Machthaber feiern den Jahrestag des US-Abzugs – die Bevölkerung leidet unter Hunger und Gewalt. Foto:Wakil KOHSAR / AFP. © Wakil Kohsar/afp

Ein wesentlicher Teil der Aufgabe der US-Soldat:innen bestand darin, die Zugänge zu dem Flughafen zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass nur Personen mit gültigen Papieren durchkamen. General McKenzie sagt, die größte Sorge habe darin bestanden, dass es einem Selbstmordattentäter gelingen könnte, unbemerkt durch die Kontrollen zu gelangen. „Wir mussten sicher sein, dass keiner einen Sprengsatz in ein Flugzeug bringt“, beschreibt der Befehlshaber die Situation. Eine Explosion mit Hunderten Menschen in der Luft wäre verheerend gewesen.

Afghanistan: Mindestens 170 Afghan:innen kamen bei dem Selbstmordanschlag vom 26. August ums Leben

Feldwebel Jonathan Eby hatte mit seinem Zug den Auftrag, das „Abbey Gate“ genannte Tor zu sichern. Eby erinnert sich, immerzu nach einem „schwarzen Rucksack“ Ausschau gehalten zu haben. Das war Teil der Beschreibung eines möglichen Selbstmordattentäters, vor denen die US-Truppen gewarnt worden waren. Feldwebel Vargas-Andrews behauptet, er habe von seinem Wachturm aus einen Mann am „Abbey Gate“ gesehen, der so aussah. Die alarmierten Vorgesetzten lehnten seine Anfrage ab, den Verdächtigen auszuschalten. Die Begründung: Es seien zu viele Zivilisten in der Nähe. Kurz nachdem Vargas-Andrews von seinem Wachturm geklettert war, kam es zu einer gewaltigen Explosion.

Mindestens 170 Afghan:innen und dreizehn US-Soldat:innen kamen bei dem Selbstmordanschlag vom 26. August ums Leben. „Es ist schwer damit umzugehen“, sagt Vargas-Andrews, der selber nur knapp mit dem Leben davonkam. Er verlor seinen rechten Arm, das linke Bein, eine Niere und Teile seines Verdauungstrakts. Nach 43 Operationen hat er noch immer Metallfragmente des Sprengsatzes in seinem Körper. Trotz seines eigenen Schicksals plagen ihn Schuldgefühle.

Afghanistan: der Rückzugsbefehl Joe Bidens und seine Folgen

General McKenzie teilt diese. Neben dem Anschlag vom „Abbey Gate“ verfolgt ihn ein befohlener Drohnenangriff drei Tage später, bei dem zehn Zivilpersonen ums Leben kamen. Letztlich sei all dies die Konsequenz von Entscheidungen gewesen, die weit oberhalb seiner Ebene getroffen worden seien. Angefangen mit dem Rückzugsbefehl Joe Bidens aus dem April 2021, mit dem sich der US-Präsident über den Rat vieler seiner Militärs hinweggesetzt hatte – auch McKenzies.

Eine Rolle spielte auch das Ringen des US-Außenministeriums mit dem Pentagon, das vergeblich darauf gedrängt hatte, sehr viel früher das Personal aus der Botschaft in Kabul zu evakuieren. (mit dpa)

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