Hamdayet, Sudan: Flüchtlinge aus der äthiopischen Konfliktregion Tigray kommen im Sudan an. Äthiopiens Regierung hatte nach Monaten der Spannungen mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) vor einer Woche eine Offensive gegen die Rebellengruppe begonnen.
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Hamdayet, Sudan: Flüchtlinge aus der äthiopischen Konfliktregion Tigray kommen im Sudan an. Äthiopiens Regierung hatte nach Monaten der Spannungen mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) vor einer Woche eine Offensive gegen die Rebellengruppe begonnen.

Äthiopien

Ein Flächenbrand droht

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Der Bürgerkrieg in Äthiopiens Provinz Tigray weitet sich gefährlich aus.

Fast zwei Wochen nach dem Einmarsch äthiopischer Truppen in die aufständische Tigray-Provinz weitet sich der Konflikt zu einem Regionalkrieg aus, der laut Fachleuten das gesamte Horn von Afrika in Mitleidenschaft zieht. Am Wochenende feuerten die Streitkräfte der Tigrayischen Volksbefreiungsbewegung TPLF vier Raketen in das Nachbarland Eritrea ab, von denen drei den Flughafen nahe der Hauptstadt Asmara und eine das Informationsministerium zum Ziel hatten. Der Beschuss richtete aber wohl kaum Schaden an.

Der vom äthiopischen Parlament inzwischen abgesetzte Präsident Tigrays, Debretsion Gebremichael, bestätigte den Vorfall: „Solange fremde Truppen in unserem Gebiet kämpfen, werden wir jedes legitime militärische Ziel auswählen und feuern“, sagte der TPLF-Chef. Gebremichael bezichtigt Eritrea, mit insgesamt „16 Divisionen“ auf der Seite der äthiopischen Streitkräfte in Tigray zu kämpfen. Auch der Sudan sieht sich nicht nur durch die dort eintreffenden Flüchtlinge in den Konflikt hineingezogen: Die äthiopische Regierung drängt den Nachbarstaat, seine Grenze nach Tigray zu schließen, um die Provinz damit von jedem Nachschub abzuschneiden.

Tigray.

Ägypten und der Sudan veranstalten unterdessen gemeinsame Militärübungen: Kairo steht mit Addis Abeba ohnehin wegen des „Großen Renaissance-Staudamms“ auf Kriegsfuß, der Ägyptens Wasserversorgung gefährde. Selbst die Vereinten Arabischen Emirate werden mit dem Konflikt in Zusammenhang gebracht. Deren in der eritreischen Hafenstadt Assab stationierte Drohnen, die bislang im Krieg in Jemen eingesetzt wurden, kämen inzwischen über Tigray zum Einsatz, sagte der TPLF-Funktionär Getachew Reda. Eritrea dementiert, in den äthiopischen Konflikt verwickelt zu sein. Allerdings sind die Animositäten zwischen der Regierung in Asmara und der TPLF schon seit Jahrzehnten kein Geheimnis.

Da Presse und Hilfsorganisationen keinen Zugang zum Kriegsgebiet haben, sind Details über die Lage kaum zu verifizieren. Nach Angaben der Regierung in Addis Abeba verzeichnen die äthiopischen Streitkräfte Geländegewinne sowohl im Westen wie im Osten der Provinz. Sie hätten am Montag das rund 150 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Mekele gelegene Städtchen Alamata eingenommen. Bei ihrer Flucht aus Alamata habe die TPLF 10 000 Menschen als „Gefangene“ genommen, hieß es in einer Twitter-Nachricht des äthiopischen Militärs. Regierungschef Abiy Ahmed lehnte eine Verhandlungslösung des Konflikts erneut ab. Der Krieg werde von seinen Truppen in Kürze siegreich beendet.

Zehntausende auf der Flucht

Fachleute bezweifeln das. Die TPLF habe bis zu 250 000 Soldaten, die aus früheren Waffengängen gegen Eritrea und den äthiopischen Diktator Mengistu kriegserfahren seien. Sie verfügten über schweres militärisches Gerät und machten sich das bergige Terrain der Tigray-Provinz zunutze. „Das ist ein Bürgerkrieg, der sich in einen geopolitischen Alptraum verwandelt“, sagt der in London lebende äthiopische Rechtsprofessor Awol Allo.

In dem wenige Tage alten Krieg soll bereits Hunderte gestorben sein, mehr als 20 000 Flüchtlinge aus Tigray sind im Sudan angekommen. Dort sind die Behörden völlig überfordert. Amnesty International wurde Bildmaterial von einem Massaker an der Grenze zwischen den Provinzen Tigray und Amhara zugespielt, dem „Dutzende oder gar Hunderte“ von Amhara zum Opfer gefallen sein sollen. Keine der beiden Kriegsparteien übernahm die Verantwortung. Aus Äthiopien werden Übergriffe gegen Angehörige der Volksgruppe der Tigray gemeldet. Kenner des Landes befürchten, dass die auch zwischen anderen Bevölkerungsgruppen bestehenden Spannungen eskalieren könnten.

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