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Die US-Sanktionspolitik trifft die iranische Mittelschicht am stärksten und nimmt ihr die Kraft für politische Aktivitäten, meint der Autor Cheheltan.

US-Sanktionen gegen den Iran

„Ein Fehler kann zum Krieg führen, denn beide Seiten sind verrückt“

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Wie sehr fürchten die Menschen im Iran die Bedrohung durch die USA? Viel zu wenig, sagt der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan.

Der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan über die wirtschaftliche Misere in seinem Land und darüber, wie die US-Sanktionen die demokratische Bewegung schwächen.

Herr Cheheltan, wie ist in diesen Tagen die Stimmung in Teheran?
Sehr angespannt.

Weil die Menschen Angst haben, dass US-Präsident Trump seine Drohung wahr macht und den Iran angreift?
Nein. Die meisten Menschen nehmen diese Drohung ziemlich gleichgültig zur Kenntnis. Wenn überhaupt. Die Iraner sind derzeit voll damit beschäftigt, auch nur ihren Alltag zu bewältigen. Die wirtschaftliche Situation ist wegen der US-Sanktionen dramatisch. Die Lebensmittelpreise haben sich innerhalb eines Jahres vervielfacht, teilweise um 100, 200 Prozent. Jeder Tag ist eine enorme Herausforderung, darum kümmern sich die Leute, ins wirtschaftliche Überleben stecken sie all ihre Kraft.

USA - die größten aller Feinde?

Das heißt, es gibt keine öffentliche Diskussion darüber, dass es Krieg mit den USA geben könnte?
Doch, aber nicht so, wie Sie es sich vorstellen. Wir haben zwei Kategorien von Medien im Iran: die offiziellen, vom Staat gelenkten und die sozialen Medien. Die Staatsmedien berichten ständig über den Konflikt mit den USA und über die gegenseitigen Anschuldigungen. Vor allem aber sind sie voll von Propaganda gegen das „geistig zurückgebliebene“ Weiße Haus, gegen die USA als den größten aller Feinde und rufen die Iraner zum Widerstand auf.

Und wie reagieren die sozialen Medien der – jüngeren – Bürger?
Die berichten weniger über die militärische Bedrohung. Sie kritisieren die Inflation, die Preissteigerungen, den Mangel an Freiheit, Zusammenstöße mit der Sittenpolizei, den Zustand des Landes im Inneren. Die Mehrheit der Iraner ist gelähmt von ihren persönlichen Sorgen. Sie verstehen die Ernsthaftigkeit der amerikanischen Drohungen nicht. Das beunruhigt mich sehr.

Amir Hassan Cheheltan schreibt Romane, die im Iran verfemt sind.

Oder sind die Leute einfach so an das Feindbild Amerika gewöhnt?
Nein, im Gegenteil. Das finde ich gerade sehr interessant: Die jungen Iraner zeigen in der Wirtschaftskrise vor allem mit dem Finger auf ihre eigene Regierung. Was ist mit der Korruption, der Misswirtschaft, der Geldwäsche? Ständig hören wir davon. Und viele sind frustriert, dass die Mullahs nicht klug genug sind, um in 40 Jahren auch mal Differenzen mit den Amerikanern wegzuverhandeln. Das sind die Punkte, über die viele Leute in sozialen Medien reden.

Wie schätzen Sie persönlich die aggressive Rhetorik zwischen Washington und Teheran ein?
Viele in meiner Umgebung, mich eingeschlossen, fürchten, dass die Krise mit den USA eskaliert. Ein Missgeschick, ein Fehler kann zum Krieg führen, denn beide Seiten sind verrückt. Da gibt es eine Parallele zum Iran-Irak-Krieg der 80er Jahre: Saddam Hussein war einer der verrücktesten Männer der Welt. Der Iran hatte viele Signale von ihm bekommen, dass er bereit sei, einen Krieg zu beginnen. Aber die Regierung in Teheran hat nichts getan, um diesen Krieg zu verhindern.

Die Geschichte wiederholt sich?
Im Moment stecken wir in einem Dilemma: Verhandlungen oder Krieg, ich sehe keine andere Alternative. Der Atomvertrag war eine gute Grundlage für weitere Gespräche, aber US-Präsident Donald Trump hat ihn aufgekündigt. Das hat die Grundlage für jeden möglichen Kompromiss ruiniert. Trotzdem: Ich wünsche mir, dass wir mit den Amerikanern reden. Aber ich bezweifle, dass unsere Machthaber weise genug sind, das zu tun. Und wenn es keinen Raum für Gespräche gibt, dann gehört aller Raum der Gewalt.

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Würde Ihre Regierung einen Angriff der USA womöglich begrüßen?
Zumindest ein Teil der Regierung würde das wohl tun. Möglicherweise sehen sie da einen Ausweg, um den massiven internen Problemen zu entkommen. Aber ich denke, die mehr Moderaten, die Liberalen und die Reformer innerhalb des Regimes sind wirklich in großer Sorge. Das sieht man auch daran, dass gerade eine Gruppe von Reformern einen Offenen Brief an den UN-Generalsekretär geschrieben hat. Darin fordern sie ihn auf, die USA zu stoppen. Aber: Die Propaganda weiß genau, wie sie Menschenmassen gegen den großen Feind von außen mobilisieren kann. Der Iran-Irak-Krieg hat damals die Demokratiebewegung gestoppt, und das Mullah-Regime hat am meisten davon profitiert. Es hat politische Gruppen unterdrückt, die gesamte freie Presse verboten im Angesicht des äußeren Feindes. Das wiederholt sich jetzt: Das Regime versucht, gegen äußere Feinde zu mobilisieren und das Volk auf die Islamische Republik einzuschwören.

Und das funktioniert?
Nicht wirklich. Das gehört zu den Widersprüchlichkeiten im Iran. Unter der Asche glüht nach zehn Jahren immer noch das Feuer der Grünen Revolution von 2009. Wenn Sie jetzt nach Teheran kämen, Sie würden es nicht wiedererkennen. Der zivile Ungehorsam der Frauen in den Straßen ist überall zu sehen. Viele tragen gar kein Kopftuch mehr, nur einen Schal um die Schultern. Vielleicht ist das die Reaktion der Frauen auf die kritische Lage, in der sie und ihre Familien sich befinden. Und die Regierung wagt es nicht, sie dafür anzugreifen, zu hart zu kontrollieren oder sie sogar zu betrafen. Denn die Leute sind inzwischen so weit, dass schon ein kleiner Funke eine Revolte auslösen kann. Noch einmal: Der wirtschaftliche Druck ist in 40 Jahren nicht so gewaltig gewesen wie jetzt.

Dann ist es vielleicht doch richtig, dass Trump diesen Druck durch verschärfte Sanktionen noch verstärkt?
Es ist zynisch, denn eine Revolte würde, wie vor zehn Jahren, brutal niedergeschlagen werden. Ich glaube nicht, dass Druck von außen den Iranern helfen wird, Demokratie und Freiheit zu erlangen. Denn mehr als irgendeine andere Gruppe leidet die Mittelklasse – das aber ist genau die Schicht, die für den Wandel in diesem Land arbeiten kann und will. Wenn die Sanktionspolitik der USA so weitergeht, dann fallen schon bald mehr als 50 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze.

Und das bedeutet, ...
... dass diese Klasse keine Kraft mehr für politische Aktivitäten hat. Sanktionen töten die demokratische Bewegung der Iraner.

Sie sehen das als ernsthafte Gefahr?
Der Iran ist sehr fragil. Jede Attacke der übermächtigen USA wird das Land ins Chaos stürzen. Die Leute sind nicht glücklich mit der Regierung. Aber wenn diese Regierung geschwächt oder gestürzt wird, wer wird einen Vorteil aus der Situation schlagen? Wer holt sich die Macht, wenn nicht eine friedliche Transformation, sondern eine Militäraktion von außen die Islamische Republik kollabieren lässt? Das ist die Frage, die Leute wie mich umtreibt.

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Zugleich provoziert Teheran seinerseits gezielt. Die Atomenergiebehörde hat bestätigt, dass der Iran die im Atomvertrag festgelegte Höchstmenge von angereichertem Uran erstmals wieder überschritten habe. Was soll das?
Ich denke, sie wollen die Europäer zwingen, etwas wegen der Sanktionen zu tun. Sie sollen mehr tun, als Teheran ein paar finanzielle Erleichterungen zu verschaffen. Die Methode ist allerdings zweifelhaft. Ich weiß, dass die Europäer nicht viel gegen die Amerikaner tun können. Obwohl eine Lockerung der Sanktionen die Wirtschaft im Iran stärken und damit den Menschen wieder mehr Spielraum geben würde, ihre eigene Regierung mit ihrem Zorn zu konfrontieren.

Wie viel Konfrontation können Sie selbst sich als Intellektueller und Dissident denn noch leisten?
Der Druck auf Autoren ist so hoch wie immer, die Zensur ist sehr scharf. Ich habe meine eigenen Beschränkungen, mit wem ich mich wo und wann treffen kann. Meine Bücher, die ich in vielen Sprachen und Ländern veröffentlicht habe, sind nie in meiner Muttersprache erschienen. Sie sind im Iran immer noch verboten. Die Dissidenten des Iranian Writers Center können sich öffentlich nicht treffen. Jüngst sind drei Schriftsteller zu Haftstrafen verurteilt worden wegen „Propaganda gegen den Staat“. Aber wissen Sie, es macht die Leute nur wütender, sie wollen in all dem Elend wenigstens etwas mehr Freiheit.

Woher nehmen Sie den Mut, so offen mit einer Journalistin zu sprechen? Kennen Sie keine Angst?
Wenn die Lage so ernst ist wie jetzt, fragen Sie am besten niemals einen Schriftsteller mit großer Vorstellungskraft, ob er Angst hat oder nicht. Natürlich hat er sie! Aber wenn wir die Angst bannen wollen, müssen wir über ihre Quellen reden.

Interview: Susanne Iden

Zur Person

Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956 in Teheran, studierte Elektrotechnik in Großbritannien. Im Ersten Golfkrieg diente er als Soldat. Seither kämpft er für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Seine Romane spielen alle im Iran – und alle sind dort verfemt. Mit Stipendien hat er 1999/2000 zwei Jahre in Italien und 2011 in Berlin gearbeitet. Er schreibt regelmäßig Essays für internationale Zeitungen. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in Teheran.

Auf Deutsch erschien vom ihm zuletzt „Der standhafte Papagei. Erinnerungen an Teheran 1979“, Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2018.

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