1. Startseite
  2. Politik

Ein dauerhafter Frieden – ist der möglich?

Erstellt:

Kommentare

Abrüstung 1987: „Realpolitik zwischen dem Realpolitiker und Friedensfreund Gorbatschow und dem ,Kalten Krieger‘ Reagan.“
Abrüstung 1987: „Realpolitik zwischen dem Realpolitiker und Friedensfreund Gorbatschow und dem ,Kalten Krieger‘ Reagan.“ © imago

„Feindesliebe“ heißt nicht, sich alles bieten zu lassen, sagt der Pazifist Franz Alt. Es bedeute vielmehr, klüger zu sein als der Feind.

Ende 2022 gab sich Russlands Präsident Putin überzeugt von seinem Sieg im Ukraine-Krieg. Und der ukrainische Präsident Selenskyj sagte vor dem US-Kongress: „Wir gewinnen, weil wir vereint sind.“ Wie soll in dieser Situation Frieden möglich werden?

Tatsächlich hat Putin den Krieg bereits verloren. Er hatte am Anfang des Krieges drei Kriegsziele und hat bisher keines davon erreicht: Er wollte die ukrainische Regierung stürzen, die Ukraine zu einem territorialen Anhängsel Russlands machen und er träumte vom Mythos der Auferstehung eines „heiligen Russland“. Stattdessen hat er die Ukraine als Nation gestärkt und ebenso die westliche Solidarität mit der Ukraine.

Wichtiger aber als die Frage nach einem militärischen Sieg dieses Putin’schen Aggressionskriegs ist die nach einem dauerhaften und gerechten Frieden. Wie ist 2023 Frieden möglich?

Wir müssen endlich den altrömischen Grundsatz „Si vis pacem, para bellum – wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“ überwinden und nach dem Grundsatz handeln: „Wenn du wirklich Frieden willst, bereite den Frieden vor.“ Das heißt, nicht mehr siegen und herrschen, sondern miteinander leben wollen. Und hier kommt die „Feindesliebe“ des wunderbaren jungen Mannes aus Nazareth ins Spiel.

Franz Alt.
Franz Alt. © privat

Aber: „Das geht doch nicht. Das ist doch alles schöne Theorie. Wir brauchen Realpolitik“, höre ich tausendfach als Gegenthese. Auch ich plädiere als Realpazifist für Realpolitik. Ein Realpolitiker war zum Beispiel Michail Gorbatschow. Er hat vor 35 Jahren „Abrüstung statt ewiger Aufrüstung“ verlangt und durchgesetzt, weil er den Mut hatte zum ersten Schritt und weil er begriffen hatte, was „Feindesliebe“ konkret und praktisch heißen kann: Versetze dich in die Lage deines „Feindes“. „Feindesliebe“ heißt ja nicht: Lass dir alles bieten, sondern: Sei klüger als dein Feind. Jesus war kein Spinner.

Weil Gorbi das verstanden hatte, wurde Ende der 80er und in den 90ern des letzten Jahrhunderts Abrüstung tatsächlich möglich. 80 Prozent der damaligen Atomwaffen in Europa wurden kontrolliert verschrottet. Realpolitik zwischen dem Realpolitiker und Friedensfreund Gorbatschow und dem „Kalten Krieger“ Reagan. Dadurch wurde die friedliche deutsche Wiedervereinigung möglich. Frieden ist immer möglich.

Autor und Serie

Der Autor: Franz Alt ist Journalist, Publizist, Klimaschützer und Pazifist. 2017 veröffentlichten er und Michail Gorbatschow das Buch „Kommt endlich zur Vernunft – Nie wieder Krieg!“. Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Oder ein aktuelles Beispiel: In Äthiopien haben die Zentralregierung und eine nördliche Provinzregierung jahrelang einen blutigen und brutalen Bürgerkrieg geführt. Frieden schien lange unmöglich. Aber vor wenigen Wochen haben beide Seiten endlich einen Dialog begonnen, einen Waffenstillstand und sogar einen Friedensvertrag geschlossen und sich gegenseitig als „Brüder“ angeredet. Die Geschichte lehrt: Alle Kriege gehen zu Ende. Ein Atomkrieg wäre freilich und wahrscheinlich das Ende der Geschichte. Deshalb muss das langfristige Ziel echter Friedensverhandlungen eine atomwaffenfreie Welt sein. Den Skeptikern halte ich entgegen, dass in den Vereinten Nationen bereits 123 Staaten sich für eine atomwaffenfreie Welt ausgesprochen haben.

Putins Ukraine-Krieg ist eine völkerrechtswidrige Aggression und ein durch nichts zu rechtfertigender Massenmord an Ukrainerinnen und Ukrainern sowie an seinen eigenen Soldaten. Deshalb sind wahrscheinlich auch die Mütter der russischen Soldaten die gefährlichsten Gegner seiner verbrecherischen Machtpolitik.

Ist 2023 Frieden in der Ukraine möglich? Das hängt auch vom Westen und der Nato ab. Auch wir sollten unsere eigenen Fehler gegenüber Russland aufarbeiten. Gorbatschow sagt in unserem gemeinsamen Buch „Nie wieder Krieg – Kommt endlich zur Vernunft“, der größte Fehler des Westens war, sich nach 1990 als Sieger gegenüber Russland aufzuspielen. Ähnliches haben auch Helmut Schmidt und Helmut Kohl gesagt. Wir haben Russlands Sicherheitsinteressen zu wenig berücksichtigt. Die Nato-Osterweiterung hat uns natürlich keine Angst gemacht, doch für einen Krieger wie Putin und für viele Russinnen und Russen fühlte sich das ganz anders an.

Zu Jahresbeginn 2023 gibt es kaum Aussichten auf Verhandlungen für einen gerechten und dauerhaften Frieden, in dem auch die berechtigen Sicherheitsinteressen der Ukraine berücksichtigt sein müssen. Dennoch müssen beide Seiten so rasch wie möglich einen Dialog anstreben. Putin hat das schon 2001 im Deutschen Bundestag unter dem Beifall aller Parteien gesagt.

Die weltweit stärkste Militärmacht sind heute die USA. Sie haben einen dreimal so hohen Militäretat wie Russland und China zusammen. Sie könnten jetzt einen ersten Schritt auf Russland zugehen, so wie es Gorbi in den 80ern auf den Westen hin getan hat. Das wäre Realpolitik im Geist der Bergpredigt. Was im Kalten Krieg möglich war, ist auch heute möglich. Was 2022 in Äthiopien möglich war, ist 2023 auch in Europa möglich. Frieden ist noch immer möglich.

„Feindesliebe“ heißt nicht, sich alles bieten zu lassen, sagt der Pazifist Franz Alt. Es bedeute vielmehr, klüger zu sein als der Feind.

Auch interessant

Kommentare