+
Der russische Präsident Wladimir Putin beantwortete vier Stunden lang Fragen.

Pressekonferenz von Wladimir Putin

"Ein Bergmassiv von Informationen"

  • schließen

Heiratspläne, Arbeitslosigkeit, Schutz der Jugend: Wladimir Putin gibt sich bei seiner Jahrespressekonferenz gut vorbereitet.

Wie jedes Jahr winken die Journalisten mit Pappschildern, um auf sich aufmerksam zu machen. „Natur, Heimat, Volk“, „Putin + Skier“ oder auf Deutsch: „kinderreiches Tomsk“. Wie jedes Jahr wollte einer wissen, wann der Staatschef heiraten werde? Wladimir Putin lachte: „Als anständiger Mensch werde ich das irgendwann tun müssen.“

Das Eingeständnis des 66-Jährigen, dass es eine Frau gibt, die seine Braut werden könnte, war vielleicht schon die Sensation des Tages. Gestern veranstaltete Wladimir Putin in Moskau seine 14. Jahrespressekonferenz. Vor einer Rekordkulisse von 1702 akkreditierten Reportern antwortete er in fast vier Stunden auf 66 Fragen.

Putin versicherte, nicht er wolle die Welt beherrschen, der Stab, der dieses Ziel anstrebe, sitze in den USA. Er beklagte die „Missachtung des Wählerwillens“ in Amerika, wo man Donalds Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen noch immer nicht akzeptiere. Und in Großbritannien, wo niemand den Volksentscheid über den Brexit verwirklichen wolle. Putin begrüßte Trumps Entschluss, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen, zweifelte aber an dessen Umsetzung. Er warnte vor einer atomaren Katastrophe, falls jemand neue Kernwaffen mit beschränkter Sprengkraft einsetze. Und er äußerte die Hoffnung, man komme aus der Sackgasse im Verhältnis zwischen Russland und Großbritannien heraus.

Außenpolitisch war Putins Ton diesmal gemäßigt. „Themen wie Syrien oder die Ukraine interessieren in Russland jetzt weniger als wirtschaftliche und soziale Fragen“, sagte der Politologe Alexei Muchin der FR. Innenpolitisch war Putin nicht ganz so zurückhaltend. Auf die Frage nach reihenweise untersagten Rap-Konzerten sprach er sich gegen ein Verbot der jugendlichen Subkultur aus. Aber es sei schick geworden, Suizid zu propagieren.

Man müsse die Jugend „ruhig und vorsichtig von der Anziehungskraft anderer Werte überzeugen“. Als Vorbild für junge Leute erinnerte Putin an den Heldenkampf von 98 Fallschirmjägern im März 2000 in Tschetschenien. „Burschen von 19, 20 Jahren, die fast direkt von der Schulbank in der Armee gelandet sind.“ Sie hätten gegen 2000 Feinde mit Spaten und Messern gekämpft, nur sechs haben überlebt. „Das sind Helden, das ist Jugend.“

Schon vorher hatte Pressesprecher Dmitri Peskow erzählt, Putin habe sich drei Tage bis spät in die Nacht vorbereitet und dabei ein „Bergmassiv von Informationen“ studiert. Tatsächlich parierte der Präsident gerade Fragen zu Wirtschaft und Sozialem mit vielen Zahlen: So werde das Bruttosozialprodukt im Jahr 2018 um 1,8 Prozent wachsen, das Realeinkommen um 0,5 Prozent. Dafür sinke die Arbeitslosigkeit dieses Jahr von 5,2 Prozent auf ein neues Rekordtief von 4,8 Prozent.

Allerdings widersprechen diese Zahlen der gelebten Realität vieler Russen. Laut dem russischen Statistikamt fielen das Realeinkommen allein im November um drei Prozent. Und etwa 3,6 Millionen offiziell registrierten Arbeitslosen stehen nach Schätzung von Soziologen in Wirklichkeit 15 Millionen Russen ohne Job gegenüber.

Aber niemand im Saal hakte nach. Die Masse der 66 Fragesteller waren Journalisten zentraler und regionaler Staatsmedien, nur eine Handvoll Oppositionsjournalisten oder westlicher Korrespondenten kamen zu Wort. Wie jedes Jahr auch Roman Zimbaljuk, Korrespondent der ukrainischen Agentur Unian. Obwohl Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums, den Ukrainer vor kurzem öffentlich als „reinen Goebbels“ beschimpft hatte.

Zimbaljuk warf Putin bei der Pressekonferenz vor, er mische sich massiv in den ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf ein. Und ob Putin nicht finde, ein direkter Dialog zwischen den Staatschefs beider Länder werde erst möglich, nachdem er seinen Arbeitsplatz verlasse habe. Putins Antwort war spitz: Solange in den Kiewer Machtkorridoren Russophobe unterwegs seien, werde sich nichts ändern. „Egal, wer im Kreml an der Macht ist.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion