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Will hoch hinaus: Mark Kelly. AFP

US-Wahlen in Arizona

Ein Astronaut auf politischer Mission

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Die Wahl um einen Senatssitz in Arizona wird zu einer der wichtigsten Abstimmungen bei den US-Wahlen am 3. November. Der Demokrat Mark Kelly liegt in Umfragen vorn.

Es gibt so vieles in der US-Politik, das sich nicht auf Europa oder Deutschland übertragen lässt. Dinge, die hierzulande einfach nicht vorstellbar wären. Zu diesen Dingen zählt die Art und Weise, mit der Demokrat Mark Kelly in Arizona Wahlkampf führt.

Der etwas untersetzt wirkende, glatzköpfige ehemalige Kampfpilot, Luftfahrttechniker und Astronaut, der schon das Space Shuttle gesteuert hat, bezeichnet seine Bewerbung um Arizonas zweiten Senatssitz stets als „Mission“. Sein Wahlkampfslogan „Full Speed Ahead“ – „Volle Kraft voraus“ – wirkt auf Plakaten eher wie die Werbung für einen neuen Weltraumfilm, denn als die Öffentlichkeitsarbeit einer klassischen politische Kampagne.

Aber was ist schon „klassisch“ in Zeiten eines Donald Trump? Tatsächlich passt das Hoch-hinaus-wollen eines Astronauten sehr gut zu einer Polit-Kampagne, die dem Griff nach den Sternen gleicht, weil sie das scheinbar Unerreichbare erreichen will: Dass der 56-jährige Kelly in Arizona für die demokratische Partei einen Senatssitz erringt, der seit den 60er-Jahren fest in republikanischen Händen ist. Zeitweise in denen John McCains, jenes Republikaners, der bei der Präsidentschaftswahl 2008 erfolglos gegen Barack Obama angetreten war, als Senator in Arizona aber fünf Mal wiedergewählt wurde.

McCain starb 2018. Und seine vom Gouverneur Arizonas ernannte Nachfolgerin Martha McSally kämpft nun ums politische Überleben. Auch sie war einmal Militärpilotin – laut eigenen Angaben sogar die erste Frau, die in der amerikanischen Luftwaffe einen Kampfeinsatz flog. Sie setzt sich gegen Abtreibung und gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ein – und für Donald Trump. Doch seit Monaten liegt sie in Umfragen teils mit zweistelligen Prozentzahlen hinter Kelly. Der wiederum kann nicht nur gute Umfragewerte vermelden, sondern sammelt auch schier astronomische Summen an Spenden ein: Bis heute haben laut seiner Kampagne mehr als 700 000 Personen rund 83 Millionen US-Dollar für seinen Wahlkampf gegeben.

Tatsächlich ist der umkämpfte Senatssitz in Arizona laut einer Analyse des Portals „538.com“ jener bislang republikanisch gehaltene Sitz, der nach der Wahl am 3. November am wahrscheinlichsten in die Hände der Demokratischen Partei fallen wird. Zwar könnten auch republikanische Senatorinnen und Senatoren in Colorado, North Carolina, Maine und Iowa ihre Posten verlieren. Das war es dann aber auch schon: Die elf weiteren Republikaner:innen, die sich diesmal für die Wiederwahl im Senat stellen müssen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit wiedergewählt. Und mindestens drei „Übernahmen“ brauchen die Demokrat:innen bei den Senatswahlen, wenn sie die Kontrolle über das Haus wieder erringen wollen. Kelly steht also unter besonderem Druck, seine Mission erfolgreich zu Ende führen.

Stets an seiner Seite ist dabei seine Ehefrau, die ehemalige Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords. Sie erlangte über die Grenzen der USA hinaus traurige Berühmtheit, als ihr ein Attentäter im Januar 2011 bei einer Wahlkampfveranstaltung in den Kopf schoss. Sechs Menschen starben bei dem Angriff, Giffords jedoch überlebte und wurde überraschend schnell wieder gesund. Seit Jahren setzt sie sich nun mit ihrem Mann für mehr Kontrollen beim Waffenbesitz ein.

Vielleicht liegt Kellys bisheriger Erfolg auch daran, dass seine politisch mittig gehaltene Kampagne zu großen Teilen gezielt die wachsende Latino-Community anspricht. Von Kelly in den Vordergrund gestellte Themen wie eine bezahlbare Krankenversicherung, bessere Bildung und mehr Hilfe für kleine, von der Corona-Krise gebeutelte Geschäftstreibende, scheinen dort gut anzukommen. Dabei spricht Kelly in seiner spanischsprachigen Kommunikation oft gezielt junge Leute an. So vor ein paar Tagen auf Twitter, als er unter einem lässigen Jugendfoto von sich schrieb: „Wenn mir mit 16 jemand gesagt hätte, dass ich mal meinen Traum verwirklichen und zweimal ein Space Shuttle befehligen würde, dann hätte ich das wohl nicht geglaubt.“ Soll heißen: Dann kann ich jetzt wohl auch diese Wahl gewinnen. Ein Kommentar unter dem Bild lautet: „Du schaffst das, Kapitän!“

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